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Hervorgehoben II

Komm (nicht) näher

Nähe und Distanz in Beziehungen

Der eine klammert, der andere stößt weg – das Verhältnis von Nähe und Distanz ist ein heikles Thema in Beziehungen, denn jeder hat seine eigenen Vorstellungen davon, wie viel Nähe einem guttut. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht – solange beide am selben Strang ziehen.


Da kann die Beziehung noch so harmonisch sein, in einem Punkt sind Konflikte vorprogrammiert: Einerseits will man den Partner so nahe wie möglich bei sich haben, auf der anderen Seite braucht man Raum und Zeit für sich selbst. Unser Bedürfnis nach Nähe wird schon in der Kindheit geprägt: Ein Kind möchte selbstständig sein und die Welt entdecken, spürt jedoch gleichzeitig die Sicherheit der Mutter. Ist dieses Sicherheitsverhältnis durch negative Erfahrungen in der Kindheit gestört, tun sich viele im Erwachsenenleben schwer, Nähe zuzulassen, oder quälen sich mit ständigen Verlustängsten.


Besonders problematisch wird es dann, wenn das Bedürfnis der Partner nach Nähe beziehungsweise nach Distanz so gar nicht zusammenpasst. Deshalb sucht man in der Regel nach einem Partner, der so tickt wie man selbst. Das merkt man schon beim ersten Kennenlernen, unter anderem an nonverbalen Signalen. Warum aber landet man dann trotzdem immer wieder bei dem oder der „Falschen“? „Manche Menschen suchen nach Nähe, fühlen sich aber gerade von distanzierten Männern oder Frauen angezogen, weil sie selbst Angst vor einer Beziehung haben oder unbewusst alte Konflikte aufarbeiten wollen“, erklärt der Salzburger Psychologe Thomas Schaller, der schon viele Paare in Krisenzeiten beraten hat. Einen „einsamen Wolf“ in einen hingebungsvollen Partner verwandeln zu wollen, ist jedoch eine aussichtslose Mission, bei der am Ende beide nicht das bekommen, was sie wollen.


Doch selbst wenn die Partner beim Thema Nähe und Distanz grundsätzlich auf einer Wellenlänge sind, bleibt es ein Streitpunkt. Schließlich braucht man nicht immer gleich viel Zuwendung. In Phasen, in denen der eine sich beruflich gestresst zurückzieht, der andere aber gerade in der Krise steckt und besonders viel Nähe benötigt, ist Fingerspitzengefühl gefragt. Der vermeintliche Rückzug des Partners bedeutet nämlich nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt. „Wir neigen dazu, Dinge auf uns selbst zu beziehen“, weiß Thomas Schaller: „Man stellt sich dann sofort Fragen wie ‚Liebt sie mich nicht mehr?‘ oder ‚Hat er eine andere?‘ Es ist wichtig, die Gesamtsituation zu betrachten und kritische Punkte offen anzusprechen, damit keine Missverständnisse entstehen.“

Hierbei ist das Wie entscheidend, denn mit Druck und Vorwürfen erreicht man höchstens, dass sich der Partner noch mehr von einem entfernt. „Anstelle von Vorwürfen wie ‚Du hast nie Zeit für mich‘ lieber über die eigenen Gefühle sprechen und konkret sagen, was man sich wünscht“, rät Psychologe Schaller. Denn das Wechselspiel von Nähe und Distanz darf keine Einbahnstraße sein, bei der immer nur einer Nähe herstellt oder einfordert.


Zu „leicht“ sollte man es seinem oder seiner Liebsten ohnehin nicht machen. Wir alle wissen: Jemand, der immer verfügbar ist, wird schnell uninteressant. Zieht sich ein Partner hingegen ab und zu zurück, kann das für den anderen durchaus reizvoll sein. Für denjenigen, mit dem größeren Bedürfnis nach Zuwendung, ist es daher besonders wichtig, den Freundeskreis zu pflegen und eigenen Hobbys nachzugehen. Denn eines sollte man in einer Beziehung auf keinen Fall vernachlässigen: die Nähe zu sich selbst. Wer sich für den Partner aufgibt, tut am Ende weder ihm noch sich selbst einen Gefallen.


Es führt nun mal kein Weg drum herum – an der richtigen Balance zwischen Nähe und Distanz, Innigkeit und Freiraum, muss permanent gemeinsam gearbeitet werden. Die gute Nachricht: Genau das bringt die Partner schlussendlich näher zusammen.


Text: Katrin Schmoll

Foto: Thinkstock