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Hervorgehoben I

So nah, so fern

Oft erkennt man erst in der Ferne den Wert des Nahen. Die Japanerin Tomoko Sato lebt seit 20 Jahren als Querflötistin in Salzburg und wirft im Apropos- Gespräch einen Blick auf beide „Heimaten“, auf die schnelle Kultur des Vergessens und erzählt, warum Kinder die besten Benefiz-Musiker sind.


Sie leben seit gut zwanzig Jahren in Salzburg, fern Ihrer Heimat Japan. wie nah ist Japan noch für sie?

Ich bin in den 90er Jahren nach Salzburg gekommen und habe mich zu Beginn ganz fern und auch einsam gefühlt: Ich hatte noch keine Freunde und auch keine Möglichkeit, japanisch zu sprechen. Und plötzlich gab es das Internet, mit dem ich mit vielen Menschen aus meiner Heimat verbunden sein kann. Das war eine große Freude und Erleichterung für mich. In meinem Alltag spreche ich meistens Deutsch und Englisch, aber ich brauche meine Muttersprache, um direkt denken und reflektieren zu können. Ich habe zudem erst hier in Salzburg langsam entdeckt, was ich an Tokio schätze und wie wunderbar und tiefgründig die japanische Kultur und Mentalität ist.


Wie nah ist Salzburg für sie?

Sehr nah, weil Salzburg in meinem Leben jener Ort ist, an dem ich am längsten wohne. Wenn ich von hier wegziehen müsste, hätte ich Heimweh. In den vergangenen Jahren bin ich auch wegen meiner Benefiz- Konzerte mehrmals nach Japan gereist, was mir ermöglicht hat, Österreich aus der Ferne zu betrachten. Dadurch sind die guten Seiten Salzburgs für mich deutlicher zutage getreten. Ich habe entdeckt, wie herzlich und unkompli- ziert die Salzburger Bevölkerung ist, wenn es darum geht, Menschen in Not zu helfen. Außerdem sind mir Dinge, die für mich in Salzburg „normal“ geworden sind, wieder bewusster geworden: das gute Essen in Österreich, die wunderbare Natur und die Ruhe.


Die Tsunami- und Atom-Katastrophe in Japan ist im März 2011 passiert. Wie ist es Ihnen damals so fern der Heimat gegangen?

Furchtbar. Ich war erst dann beruhigt, als ich Mails von meinen engsten Freunden aus Tokio erhalten habe, in denen stand: „Ich bin o.k.“ Nach dem Erdbeben ist allerdings der große Tsunami gekommen und die Internetverbindungen waren überlastet. Telefonieren war auch nicht möglich, so musste ich warten, bis der Mailkontakt wiederhergestellt war. Dieses Warten hat mich zermürbt. Ich habe dann im Internet die Nachrichten des japanischen Nationalsenders NHK mitverfolgt, die mich schneller über das Geschehen informiert haben, als es die deutschsprachigen Sender konnten.


Mit räumlichem und zeitlichem Abstand – was denken Sie jetzt darüber?

Die Japaner sind sehr fleißige und zielstrebige Menschen. Das ist gut und schlecht zugleich. Ich habe einen Ort besucht, an dem der Tsunami war. Die Hälfte der Dorfbewohner ist damals gestorben. Als ich dort war, waren viele Häuser einfach weg, aber alles war total geputzt und ordentlich. Das Problem daran ist: Wenn alles zu schnell geputzt und weggeräumt ist, dann werden Dinge zu schnell verdrängt und die Seelen der Menschen können nicht heilen. Ich habe dort ein kleines Kind getroffen, das seit dem Tsunami kein Wort mehr gesprochen hat. Von außen betrachtet wirkt es „normal“. Es spielt mit anderen Kindern, geht in den Kindergarten, aber es spricht eben nicht mehr. Auch die Erwachsenen wirken von außen betrachtet „normal“. Dabei hat jeder von ihnen eine Wunde, die noch nicht ganz verheilt ist – aber diese seelischen Wunden sind oft nicht sichtbar. Für Erwachsene ist das oft schwierig: sie können nicht die ganze Zeit weinen und neigen dazu, den Schmerz zu verdrängen. Dadurch kann die Seele aber nicht heilen. Ihre größte Angst ist, dass sie von der Welt vergessen werden. Sie wohnen noch immer in kleinen Übergangs-Hütten an einem temporären Ort. Die Medien berichten aber kaum mehr über das Ereignis und ihre Situation. Daher schreibe ich in meinem Blog gemeinsam mit meinem japanischen Kollegen Yoshiyuki Takamori regelmäßig darüber. Ich befrage in den Pausen während Orchesterproben oft berühmte Dirigenten wie Sir Neville Marriner, Hans Graf oder den neuen Chefdirigenten der Camerata, Louis Langrée, nach ihrer Meinung zu Japan. Kurz nachdem ich den Blog angefangen habe, habe ich viele Rückmeldungen aus den am ärgsten vom Tsunami betroffenen Gebieten bekommen wie beispielsweise aus Miyagi oder Iwate. Die Leute dort wollten wissen, was wir hier in Österreich über die Lage in Japan wissen. Und sie freuen sich sehr, dass Menschen in Österreich und Europa noch an sie denken und ihnen Grußworte über meinen Blog schicken.


Welcher Art sind die Grußworte der Dirigenten?

Die Menschen, die ich befrage, haben in Japan allesamt gute Erfahrungen gemacht. Sie schätzen, dass in Japan alles funktioniert, das Essen gut ist, die Menschen nett und die Züge pünktlich sind und alles sauber und organisiert ist. Ich frage daher berühmte Dirigenten oder Musiker, was sie damals gefühlt haben und was sie jetzt fühlen. Das japanische Fernsehen berichtet kaum mehr über die Katastrophe, es ist, wie wenn nie etwas passiert wäre. Daher schreibe ich mit meinem Blog gegen das Vergessen an.


Wann fühlen Sie sich jemandem nah?

Sobald mich ein Mensch in meiner Gesamtheit wahrnimmt und nicht nur als Japanerin oder als Frau.


Wann fühlen Sie sich einem Menschen fern?

Ich bin es als Japanerin in Österreich gewohnt, dass Menschen zu Beginn Vorurteile haben. Wenn diese länger anhalten, dann merke ich, dass ich mich innerlich sehr fern fühle, weil mich diese Menschen anders sehen wollen, als ich bin.


Wie viel Nähe vertragen sie?

Mit Kindern entsteht sehr schnell Nähe und ich liebe es, ihnen nah zu sein. Bei Erwachsenen bin ich eher vorsichtig. Ich habe für die Tsunami-Opfer in Japan mehrere Benefiz-Konzerte organisiert und arbeite sehr gerne mit Kindern zusammen, beispielsweise im Salzburger Flötenorchester. Sie sind so stolz, Gutes bewirken zu können, indem sie musizieren, und diese Freude werden sie niemals vergessen. Sie sind sehr dankbar, für ihre speziellen Freunde in der Ferne etwas bewirken zu können, auch wenn sie diesen noch nie begegnet sind. Ich zeige den jungen Musikern dann die Bilder, die beispielsweise Kindergarten-Kinder aus dem betroffenen Ort an sie zum Dank geschickt haben. Diese Freude von ihnen berührt mich zutiefst.


Wohin fließt das Geld Ihrer Benefiz-Konzerte?

Ich habe durch Zufall eine sehr aktive Non-Profit-Organisation, Konoyubi-Tomare, kennengelernt. Als der Tsunami gekommen ist, waren sie die Ersten, die zur Stelle waren und die Menschen mit Wasser und Decken versorgt haben. Während sie dort waren, geschah das Reaktor-Unglück in Fukushima und sie konnten nicht zurückkehren – so schnell waren die vor Ort! Daher unterstütze ich sie finanziell mit dem Erlös der Benefiz-Konzerte, weil ich weiß, dass sie die goldrichtigen Partner für mich sind und die Hilfe schnell und direkt ankommt. Zum Mundart-Puppentheater für Kinder in Iwate zum Beispiel.


Warum sind Benefiz-Konzerte ein geeignetes Mittel, um zu helfen?

Wer Musik hört, erlebt die Musik direkt und ist zudem mit anderen Menschen verbunden. Für Charity-Zwecke ist Musik daher sehr geeignet. Menschen neigen dazu, Dinge schnell wieder zu vergessen, und Musik hat die Tendenz, immer wieder Erinnerungen zu schaffen – auf eine einmalige Art und Weise, die lange weiter wirkt.


Sie reisen als Musikerin viel und sind beruflich bedingt mit Menschen unterschiedlichster Nationen zusammen. Wie nahe kann man einem Menschen kommen, der eine andere Muttersprache hat als man selbst?

Es gibt schon eine Art Universalsprache. Wenn man sensibel ist, bekommt man viel an Kommunikation mit, selbst wenn man nicht dieselbe Sprache spricht. Allein durch Mimik, Gestik und eine spezielle, unsichtbare Form der Kommunikation.


Was berührt Sie?

Am meisten berührt mich in jeder Kultur Bodenständiges. Daher geht mir auch Volksmusik sehr nahe. Ich bin sehr stolz, im Tobi Reiser Ensemble als Aushilfe mitspielen zu dürfen.


Weshalb berührt sie Volksmusik so?

Weil diese Musik nicht dafür gedacht ist, „verkauft“ zu werden, sondern dafür, die Geschichte, Traditionen und Werte eines Landes zu erzählen. Sie ist eine echte Gebrauchsmusik und stellt für mich daher eine unglaublich reine Musik dar. Um eine Kultur verstehen zu können, ist Volksmusik wirklich unersetzbar. Seit zehn Jahren habe ich intensiven Kontakt zur traditionellen Musik Österreichs – dadurch ist auch mein Interesse an meinen eigenen Wurzeln, der japanischen Hof- und Volksmusik, gewachsen. Ich habe festgestellt, dass die „alte“ Musik-Kultur Österreichs und Japans viele Ähnlichkeiten aufweisen. Das ist das Schöne, wenn man in zwei unterschiedlichen Kulturen lebt und sie dadurch gut studieren und vergleichen kann: dass man als Musikerin


Text: Michaela Gründler

Foto: Andreas Hauch