Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Hervorgehoben II

Hoppla, falscher Planet

Asperger-Syndrom


Man stelle sich folgende Situation vor: Jemand findet sich plötzlich auf einem fremden Stern wieder. Die unbekannte Umgebung wird erkundet, doch der Gestrandete scheint der Einzige seiner Art zu sein. Zwar sehen die anderen genauso aus wie er, doch kann er mit ihnen nichts anfangen. Der Außerirdische heißt F84.5 und muss sich erst zurechtfinden.


Was oft als Szenario in Science-Fiction-Schmökern und Endzeitfilmen dient, ist für F84.5 das alltägliche Leben: Er ist ein Asperger. Das Asperger-Syndrom, eine bestimmte Form des Autismus, zeichnet sich durch eine gestörte soziale Interaktion und Kommunikation aus. Der Umgang mit Menschen fällt den Betroffenen schwer. Sie können sich kaum oder gar nicht in ihre Artgenossen hineinversetzen, sind nicht imstande, ihre Körpersprache oder Mimik richtig zu deuten. Einem Asperger mutet seine Umwelt genauso wunderlich an wie er seiner Umwelt. Er lebt in einer Welt voller Kodierungen, die er erst entziffern muss. Die Weltgesundheitsorganisation verschlüsselt Asperger mit der Klassifikationsnummer F84.5 – drei Zahlen und ein Buchstabe stehen für die Anderswelt im Kopf.

Der niederösterreichische Kinderarzt und Namensgeber Hans Asperger beschrieb das Syndrom erstmals 1944 als „autistische Psychopathie“: In seiner Habilitation berichtete er von vier Jungen, die er in seiner Zeit als Leiter der heilpädagogischen Abteilung am Wiener Uniklinikum behandelte. Die Buben hatten alle Eigenschaften wie starke Selbstbezogenheit, mangelnde Empathie und ausgeprägte Spezialinteressen gemeinsam. In jeweils einem Gebiet verfügten sie über ein beachtliches Fachwissen, gleichzeitig waren ihre Intelligenz und ihre Sprachentwicklung völlig normal ausgeprägt. Damit unterscheidet sich Asperger von anderen Formen des Autismus-Spektrums, wie dem frühkindlichen Autismus, der häufiger mit gestörter Sprachentwicklung und geistiger Behinderung einhergehen kann.


Die internationale Forschergemeinschaft ist sich noch immer uneins über Kategorisierung, Abgrenzung und Bezeichnungen der unterschiedlichen Ausformungen. Ein Teil der Asperger-Autisten ist hochbegabt und erbringt erstaunliche Gedächtnisleistungen. Während manche Betroffene mit leichter Ausprägung und stabilem Umfeld sogar Familien gründen und fest im Berufsleben stehen, sind andere auf ständige Hilfe und lebenslange Unterstützung angewiesen. An eine Erwerbstätigkeit oder Partnerschaft ist dann nicht zu denken. Die Symptome bestehen bis ins Erwachsenenalter fort, eine Heilung ist unmöglich. Noch mehr als andere psychische Beeinträchtigungen entziehen sich also Asperger und andere Autismusstörungen in ihrer Vielfalt einer definitiven Einordnung in starre Schemata. Bei allen Mischformen herrscht heute in einem Punkt Einigkeit: Wie gut die Betroffenen ihr Leben meistern können, hängt von der Intelligenz und vor allem dem privaten und beruflichen Umfeld ab. Mit ihrer besonderen Sichtweise auf die Dinge und unerschöpflichem Spezialwissen können Asperger nämlich äußerst wertvolle Mitarbeiter im Unternehmen sein. Eine IT-Firma aus Deutschland hat ihr Arbeitspotential, insbesondere im analytischen Bereich, erkannt und beschäftigt inzwischen gezielt Asperger-Autisten in der Softwareprüfung. Doch dieses Engagement bleibt eine Ausnahme: Nicht einmal zehn Prozent aller (Asperger-)Autisten im Nachbarland sind berufstätig. Für Österreich liegen keine genauen Zahlen vor.

Jährlich am 18. Juni veranstalten Verbände in ganzer Welt den Autistic Pride Day. An diesem Aktionstag wollen sie Aufklärungsarbeit leisten, Berührungsängste abbauen und zur gegenseitigen Akzeptanz aufrufen. Als behandlungsbedürftig oder gar krank empfinden sich nämlich beileibe nicht alle. Letztlich, so argumentieren die Initiatoren, seien sie doch auch nur Beispiele für die zahllosen Varianten des Mensch-Seins. Kein Grund also, etwas zu zurechtzubiegen, wo es gar nichts zurechtzubiegen gibt.


Text: Robin Kraska

Foto: Thinkstock