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Workshop-Texte

Kinderuni 2014

Donnerstag, 10. Juli 2014.

Vorlesung & Schreibwerkstatt an der Kinderuni

 

 

Apropos! Was ist eine Straßenzeitung?

Warum gibt es Zeitungen; welche Zwecke erfüllen sie? Worin besteht der Unterschied zwischen einer üblichen Tageszeitung und einer Straßenzeitung? Und warum wäre eine Straßenzeitung ohne ihre Verkäuferinnen und Verkäufer eigentlich sinnlos? Das sind Fragen, deren Beantwortung ins „Herz der Stadt“ führt – in jenen Bereich, in dem es um ein „gutes Leben“ für Menschen geht, die es schwer gehabt haben und die lange Zeit in der Stadt nur am Rande leben konnten und nicht so richtig dazugehören durften. Wir werden in dieser Vorlesung lernen, dass Straßenzeitungen zwar ähnliche, aber doch in einem Punkt entscheidend andere Geschichten und Nachrichten bringt als übliche Zeitungen. Wir werden sehen, dass es im einen Fall darum geht, Informationen gegen Geld zu verkaufen (und Einzelne wohlhabend zu machen), im anderen Fall darum, im Tausch zwischen Geschichten und Geld darum, die Stadt als Lebensraum ein wenig reicher und liebenswerter zu machen. Und wir werden sehen, warum Xavier Naidoo den Straßenzeitungen ein Interview gewährt, das er anderen Zeitungen nicht geben würde. Warum und zu welchem Zweck es Straßenzeitungen gibt und inwiefern sie mithelfen, Armut und Ausschluss zu bekämpfen – das soll unsere Vorlesung erläutern.


Helmut P. Gaisbauer (Zentrum für Ethik und Armutsforschung) & Michaela Gründler (Straßenzeitung Apropos)

 

 

Kinder zwischen neun und 12 Jahren verfassten Texte zur

Übung: Du bist eine Straßenzeitung. Was erzählst Du?

 

Apropos erzählt

Frisch gedruckt und von Ogi weitergegeben, bin ich hier am Küchentisch gelandet. Die Autofahrt hat mir zwar nicht so behagt, aber Schwamm drüber. Gut, dass du mich gekauft hast. Ich berichte dir nämlich nicht nur über Leben, sondern habe auch einen besonderen Zweck. Ich meine, jede Zeitung hat den einen Zweck über Sport, Mode und News oder aber auch Wetter, Pferde und Möbel zu berichten. Aber ich berichte über das, was Menschen schreiben, die mich selbst verkaufen und mein Zweck hilft ihnen aus dieser verzwickten Lage des Armseins.

Schülerin, 12 Jahre

 

Mein Verkäufer

Der Verkäufer ist nicht so, wie er von außen aussieht. Egor heißt er. Er ist leider herzkrank. Apropos stellt ihm immer Geld für Medikamente zur Verfügung. Egor ist immer lustig, auch wenn er immer bedrückt ausschaut. Wenn er jemanden eine Zeitung verkaufen will, dann sagt er meistens: „Wollen Sie die neueste Ausgabe von Apropos?“. Die meisten sagen: „Nein, danke,“ zum Pech für ihn. Egor hat sieben Stammkunden, die er immer freundlich begrüßt. Egor mag seine Arbeit, denn sonst müsste er immer herumsitzen. Seine Kollegen mögen ihn meistens, aber manchmal ist er ziemlich Nerven zerschneidend.

Schülerin, 10 Jahre

 

Ein ganz besonderer Tag

Jeden Tag in der Früh hielt mich der Verkäufer in seinen kalten Händen. Jeden Tag stand er mit mir vor dem Supermarkt. Vielen Leuten wurde ich angeboten. Alle antworteten: „Nein, danke“ oder „Vielen Dank!“. Niemand wollte mich haben. So ging es Tag für Tag. Bis zum heutigen Tag. Heute war es anders. Menschenmengen liefen an dem Verkäufer vorbei, ohne ihn zu beachten. Viele hatten es eilig und drängten sich an ihm vorbei. Um kurz nach vier kam ein Mädchen. Sie ging in den Supermarkt hinein. Und zwar nicht so gestresst wie alle anderen, sondern so, als hätte sie alle Zeit der Welt. Ich beobachtete sie. Sie erledigte ihren Einkauf und als der Verkäufer mich ihr anbot, blieb sie stehen. Das Mädchen bezahlte mich und frage den Verkäufer: „Ich habe sie hier noch nie gesehen. Sind sie neu?“ „Ja“, antwortete der Verkäufer. „Du bist nett!“, sagte das Mädchen. Eine halbe Stunde lang sprachen sie miteinander. Das Mädchen hatte keinen Stress, heimzukommen. Zuhause wurde ich durchgelesen und genau betrachtet. Das Mädchen war lieb, denn es war die Einzige, die Zeit hatte um mich zu kaufen.

Schülerin, 12 Jahre

 

Mein Leben

Mein Leben ist zum Teil fröhlich, zum Teil aber auch traurig. Meine Verkäuferin ist eher alt und schäbig. Meine Käuferin ist jung und ordentlich gekleidet. Ich glaube, meine Verkäuferin hat wenig Geld, denn sie hat total schmutzige Hände. Die sind so schmutzig, dass meine erste Seite total ölig ist. Naja, die Hände meiner Käuferin sind auch nicht besser. Total nass. Ich glaube gewaschen, ohne abtrocknen. Mein Schlafplatz ist ein Zeitungsständer. Ich verstehe mich schlecht mit den anderen Zeitungen. In ihnen sind nur Schauspieler und Politiker. Voll langweilig! Der Zeitungsständer steht übrigens vor der Küche. So rieche ich immer die herrlichen Speisen, die es zu Mittag gibt! Eigentlich, mein Leben ist schön.

9 Jahre

 

Mein Verkäufer und ich

Ich bin die Straßenzeitung, ich erzähle dir nun von meinem Verkäufer. Also mein Verkäufer hat dichtes Haar und eine lumpige Kleidung an. Er verkauft mich, also die Straßenzeitung ‚Apropos‘. Er steht fast  jede Woche vor dem McDonald‘s in der Alpenstraße. Jeden Tag ab neun Uhr kann man bei ihm die Straßenzeitung kaufen.

Schüler, 10 Jahre

 

 

 

 

 

Studierende über Apropos

 

Studierende verkauften Apropos

„Ich hab nie gesagt, dass es leicht ist“

 

 

Straßenzeitungen zu verkaufen ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Diese Erfahrung machten fünf Ergotherapiestudentinnen und -Studenten Anfang des Jahres, als sie sich im Rahmen der Vorlesung ergotherapeutische lebensweltorientierte Methoden an der Fachhochschule Salzburg im Straßenzeitungs-Verkauf versuchten.

 

 

 von Kathrin Meidl

 

Bereits um 8 Uhr in der Früh fand die Übergabe der Zeitschriften am Platzl in der Linzergasse statt. Herr Aigner empfing uns gut-gelaunt und erklärte das kleine Einmaleins des Straßenzeitungs-verkaufs. Anfangs hörte es sich an, als ob nicht viel dabei wäre und man einfach „nur“ dastehen und freundlich grinsen müsste, um die Passanten vom Kauf einer Zeitung zu überzeugen. Mit dieser Einstellung und viel Motivation gingen wir an unsere Arbeit.

 

Bereits nach wenigen Minuten war klar, dass es kein Zuckerschlecken wird. In der winterlichen Kälte frierten wir uns Wort wörtlich unseren Allerwertesten ab. Wir sprechen hier jedoch nicht von Minusgraden, denn eigentlich haben wir laut Herrn Aigner einen sehr warmen und angenehmen Tag mit rund 4° C erwischt. Um 8 Uhr blickten wir in die Gesichter der gestressten Menschenmengen, welche vermutlich auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen waren, mit dem Hund „Gassi gingen“ oder ihrem Anschein nach erst das Bett nach einer durchzechten Nacht aufsuchten. Gestresste Menschenmengen bedeuteten für uns, dass kaum einer ein Lächeln, geschweige denn ein „Guten-Morgen“ über die Lippen brachte. In diesen Morgenstunden schien es unmöglich, auch nur eine Zeitung zu verkaufen. Ohne jegliches Erfolgserlebnis ließ bereits gegen 9 Uhr ein wenig die Motivation nach. Wir gingen zu Herrn Aigner und baten ihn, uns Tricks zu verraten und uns zu sagen, was wir falsch machen. Ihm jedoch kam ein Lächeln über die Lippen und er entgegnete uns: „Ich hab nie gesagt, dass es leicht sei“.

 

Je später der Vormittag, desto ausgeschlafener und vermutlich dadurch auch freundlicher schienen die Passanten zu werden, in denen man sich oft auch selbst wiedererkannte. Anstatt eines grimmigen Gesichtsausdruckes, ferne-suchender Blicke oder Brummgeräusche bekam man ab und an ein „Nein, Danke“. Wie leicht diese Worte zu sagen sind und wie nett sie uns auf einmal vorkamen. Mittlerweile war es halb 10 Uhr und wir hatten noch keine einzige Zeitung verkauft, bekamen jedoch ein paar Euro gespendet. Dadurch wurden wir zuversichtlicher, die Zeitung doch an den Mann/ die Frau zu bringen. Eine Stunde, vier Zeitungen weniger und mit rund 40 Euro in der Tasche später, wanderten wir die Linzergasse runter, um unsere Einnahmen Herrn Aigner zu geben. Wir berichteten von unseren Erfahrungen und er von seinen. Herr Aigner bedankte sich sehr herzlich und nahm sich noch einige Minuten Zeit, um von seiner Vergangenheit zu erzählen.  Er öffnete uns damit die Augen für Armut auf der Straße und hinter verschlossenen Türen mitten in einem der reichsten Länder der Welt.

 

Man muss sich selbst hinstellen, um nur ansatzweise nachvollziehen zu können, welche Arbeit die Menschen rund um Apropos leisten. Sie stehen sich die Füße in den Bauch bei Wind und Wetter, verkaufen fleißig und motiviert Ihre Zeitungen und vergessen dabei nie,  freundlich zu sein. Jeder einzelne hat dabei eine Vergangenheit, welche viele von uns nicht einmal aus Filmen kennen, dennoch sind gerade sie sehr dankbar und motiviert. Uns wurde bewusst, was diese Menschen leisten, um – wie Herr Aigner es ausdrückt -  „nicht schauen zu müssen, ob ich mir das Wurstsemmel leisten kann oder nicht.“

 

Es bleibt uns nur noch zu sagen: Hut ab und vielen Dank für diese Erfahrung, die wir mit Sicherheit niemals vergessen werden. In Zukunft werden wir darauf achten, immer ein paar Münzen bereit zu haben.