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Hervorgehoben II

Leben im Grenzbereich

OHNE IHR VERLANGEN


Ihren einstigen Schrecken hat die geschlossene Psychiatrie verloren. Auch dank eines modernen Gesetzes, das die Freiheitsbeschränkung regelt. Ängste, Stigmatisierung und Traumata sind damit aber noch nicht aus der Welt.

von Wilhelm Ortmayr

Das klassische Filmszenario ist nur noch Fiktion: Ein Mensch kommt gegen seinen Willen in die Psychiatrie und verschwindet hinter den Mauern – ohne Möglichkeit, die Anstalt zu verlassen, fern jeglicher Rechte und der Willkür von Ärzten und Pflegern ausgeliefert. Im Österreich von heute sind derartige Szenen nicht mehr möglich, denn auch Menschen in geschlossenen Abteilungen psychiatrischer Einrichtungen haben Rechte und Anwälte, die ihnen helfen, ihre Rechte zu vertreten.
In Salzburg sind diese Patientenanwälte im Verein „VertretungsNetz“ organisiert. Sie handeln in gesetzlichem Auftrag und sind zuständig für Menschen, die gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen wurden und dort in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Menschen also in einer Ausnahmesituation, Patienten in einer Akutphase und mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern: depressiv, psychotisch, manisch angetrieben oder verwirrt.
Rechtlich stehen die Patientenanwälte am Boden des Unterbringungsgesetzes (UbG). Es regelt ganz klar, unter welchen Umständen und Voraussetzungen jemand in Österreich „gegen oder ohne seinen Willen“ in einer psychiatrischen Einrichtung festgehalten und eventuell weiteren Freiheitseinschränkungen wie Isolierung oder Fixierung unterzogen werden kann: Es muss sich um eine ernste psychische Erkrankung handeln, es muss zudem erhebliche Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegen und es darf keine Möglichkeiten für eine alternative Versorgung außerhalb einer Klinik geben.

Regelmäßig vom Gericht überprüft
Ob diese Bedingungen vorliegen, entscheiden unabhängige Richter. Die jeweiligen Bezirksgerichte werden daher von jeder zwangsweisen Unterbringung umgehend informiert, ebenso die Patientenanwälte. Sie suchen neu untergebrachte Patienten auf der Station auf, erfragen deren Anliegen und Sichtweise zur Unterbringung und informieren die Patienten über ihre Rechte. Das Gericht muss dann innerhalb weniger Tage mit dem Patienten eine Erstanhörung durchführen und über die Rechtmäßigkeit der Unterbringung entscheiden. Dabei geht es nicht zuletzt um die Beurteilung des Fremdgefährdungs-, aber auch des Selbstgefährdungspotenzials (von Suizidgefahr bis zu sogenannten Unsinnshandlungen).
Die Patientenanwaltschaft vertritt dabei die Interessen des Patienten, dem es in dieser Phase seiner Erkrankung meist alles andere als gut geht. Außerdem reagieren die Betroffenen auf die Freiheitsbeschränkung sehr unterschiedlich. Manche finden sich damit ab, andere sind wütend darüber und wollen entlassen werden. Sich im Gespräch auf die verschiedenen Wahrnehmungsweisen der Patienten einzustellen und diese nicht zu überfordern, ist eine besondere Herausforderung. In ca. 95 Prozent aller Verfahren genehmigt das Gericht die von den Ärzten getroffenen Maßnahmen.
Laut VertretungsNetz kommt es österreichweit in einem Drittel aller Unterbringungen zu intensiven Bewegungsbeschränkungen. Darunter fallen etwa Fixierungsmaßnahmen wie das Festbinden mit Hand-, Fuß-, oder Bauchgurten sowie das Zurückhalten in einem Raum. Diese weitergehenden Beschränkungen müssen ebenfalls der Patientenanwaltschaft gemeldet werden und Patienten haben das Recht, diese Maßnahmen auf Antrag durch das Gericht überprüfen zu lassen. Mitentscheiden kann die Patientenanwaltschaft bei solchen Maßnahmen ebenso wie bei der Rechtmäßigkeit einer Unterbringung aber nicht. Das bleibt dem Gericht vorbehalten.

Ein Lernprozess für alle
Das Unterbringungsgesetz und damit die Patientenanwälte an den psychiatrischen Spitälern und Einrichtungen gibt es nun seit 25 Jahren. Die Anfänge waren hart und voll von Irritationen. Viele Oberärzte und Primare wollten sich nicht von „Außenstehenden“ in die Karten schauen und schon gar nicht vorschreiben lassen, wie, wo und wie lange ein Patient behandelt wird. Für sie waren die Patientenanwälte Unruhestifter, die die Patienten aufwiegelten. Die Gegenseite wiederum neigte dazu, Österreichs Psychiatrie pauschal als „Wegsperrmaschinerie“ zu verurteilen, in deren Fänge man nur allzu leicht geraten könne. Der Weg raus aus der „Klapse“ sei hingegen schwer und man bleibe ewig stigmatisiert, so die Kritiker der Psychiatriespitäler damals.
Dieses Konfliktpotenzial hat sich mittlerweile fast aufgelöst. Nach den ersten Jahren des Erfahrungssammelns hat das Parlament beim Gesetz zweimal nachgebessert, nun ist „Normalität“ eingekehrt hinter den verschlossenen Türen der Psychiatrie. „Die Ära jener Ärzte, die ihre Tätigkeit noch vor dem UbG begonnen haben, geht langsam zu Ende. An ihre Stelle treten nun Mediziner, die bereits mit dem UbG aufgewachsen sind“, berichtet Christine Müllner-Lacher vom Salzburger VertretungsNetz. „Mittlerweile dominiert die Einschätzung, dass es die Einrichtung Patientenanwaltschaft braucht und dass das Korrektiv des Rechtsschutzes für die Patienten wichtig ist. Ein Stück weit ist es sogar Alltag geworden in der Behandlung von Patienten in geschlossenen Bereichen.“
Alarmierend sind freilich die nackten Unterbringungszahlen. Denn der Anstieg beängstigt. 7.115-mal wurden im Jahr 1991 Menschen „ohne ihr Verlangen“ in geschlossene Bereiche der Psychiatrie gebracht, 2015 waren es 24.149 Fälle. Dass die Verweildauer pro Patient gesunken ist, kann da nur wenig beruhigen. Schlüssige Erklärungen für die enorme Zunahme gibt es nicht – noch fehlen tiefgehende Forschungen dazu. Ein Grund könnte laut Müllner-Lacher sein, „dass wir vielleicht immer mehr zur Sicherheitsgesellschaft werden, es gibt aber auch sicher mehr Akzeptanz und weniger Tabuisierung, was psychische Erkrankungen betrifft. Das bedeutet, die Menschen wenden sich eher an psychiatrische Kliniken, etwa wenn ein Angehöriger schwer erkrankt ist.“

Angehörige leiden mit –
bis zum Schuldgefühl
Doch nicht nur für die Patienten ist der zwangsweise Aufenthalt auf der Psychiatrie eine traumatische Erfahrung. Auch die Angehörigen leiden, sind mitunter ratlos und suchen Unterstützung. „Sie kommen zu uns, weil sie rechtliche, aber auch medizinische Fragen haben, weil sie mit der Behandlung nicht einverstanden sind, weil sie das Gefühl haben, keinen Ansprechpartner im ärztlichen Bereich zu finden, oder weil sie mit Besuchsverbot belegt worden sind … die Anliegen sind vielfältig.“
Zur Freude der Patientenanwältin gibt es in Salzburg eine sehr aktive Selbsthilfegruppe (AHA – Angehörige helfen Angehörigen) und auch die Peers-Bewegung, wo ehemalige Patienten aktuell Betroffene beraten, wächst wieder. Nicht zuletzt ist der „Trialog“ in Salzburg wieder aufgenommen worden. Es handelt sich dabei um eine vierteljährlich stattfindende Gesprächsplattform, „wo Betroffene, Angehörige und Ärzte miteinander diskutieren und einander zuhören. Auf Augenhöhe.“ Offenkundig hat der Geist des UbG doch einiges bewirkt.
Für die Zukunft wünscht sich Müllner-Lacher „ausreichend alternative Behandlungs- und Betreuungsformen vor allem außerhalb der Psychiatrie“, weil es aus ihrer Sicht „immer besser sei, prophylaktisch zu handeln, als zu warten, bis eine Krise völlig entgleist.“ Doch heillos überbelegte Stationen wie etwa jene in Schwarzach seien für vorausschauende Betreuungen leider völlig ungeeignet. Dringend notwendig wären weiters mehr ambulante Versorgungsmöglichkeiten im Kinder- und Jugendbereich. Und ein etwas sensiblerer Umgang der Institutionen hinsichtlich ihrer Auswirkung wäre auch nicht übel, meint die Salzburger Patientenanwältin: „Wer wie in Wien oder Innsbruck vor den psychiatrischen Kliniken private Wachtrupps aufstellt, darf sich nicht wundern, wenn alle Patienten, die dort entlassen werden, stigmatisiert sind.“