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Hervorgehoben I

„Sich das Träumen wieder erlauben“

Es kann jeden treffen. Etwas Unfassbares passiert und dann ist alles anders. Kann ein Leben danach wieder gut werden? Sonja Schachtner, Psychotherapeutin und Leiterin der Pro-Juventute-Akademie, erzählt im Apropos-Interview über die einschränkende Gewalt von Traumen und die schöpferische Kraft unserer Träume.

Titelinterview von Verena Siller-Ramsl


Wie wichtig sind Träume in Ihrem Leben?
Sonja Schachtner:
Träume sind für mich ganz wichtig. Sie geben meinem Leben eine bestimmte Richtung und sind sozusagen Wegbegleiter hin zu einem Ziel. Wobei es dann gar nicht so sehr darauf ankommt, in welcher Weise sie sich erfüllen. Es kann im echten Leben vielleicht etwas ganz anderes daraus werden. Mein Traum war immer Künstlerin zu werden, dennoch habe ich beruflich den Weg der Psychotherapeutin eingeschlagen. Trotzdem hat sich mein Traum verwirklicht, indem ich ein großes kreatives Spektrum an Methoden in der Praxis anwenden kann und die Buntheit und das Gestalterische in allen Lebensbereichen einfließen lasse, z. B. in meiner Kleidung. Und ich bin ja auch jemand, der nicht nur Tagträume hat, sondern auch viel in der Nacht träumt. Mit diesen Träumen beschäftige ich mich ebenfalls. Sie geben mir oft Hinweise darauf, was mich im Leben gerade beschäftigt. Der Alltag lässt das Bewusstwerden von wichtigen Lebensthemen manchmal gar nicht zu und wenn dann in den Träumen wieder eine alte Geschichte auftaucht, wird mir erst klar: „Ah, das ist zwar 15 Jahre her, aber das Thema dieser alten Situation dürfte gerade nochmal zum Anschauen sein in meinem Leben.“

Was hilft Menschen, mit beiden Beinen am Boden zu bleiben?
Sonja Schachtner:
Gerade für die Menschen, mit denen ich arbeite – also Menschen mit Depressionen, Ängsten oder traumatischen Erfahrungen – ist das Gut-in-Kontakt-Kommen mit der Wirklichkeit sehr wichtig. Das heißt für Klienten nicht nur ihren Empfindungen zu folgen, die meist aus früheren Lebensphasen oder von Erlebnissen kommen, die ihr Leben ausgemacht haben, sondern festzustellen: „Was ist jetzt?“ Und dann kann die Wirklichkeit für sie bedeuten:
„Jetzt bin ich erwachsen.“
„Jetzt bin ich eigentlich in Sicherheit.“
Auch für die Kinder in den Einrichtungen der Pro Juventute ist das Verankern mit der Jetztsituation zentral. Zu bemerken, was im Moment wirklich ist, und aufkommende Gedanken und Gefühle mit dieser Wirklichkeit zu vergleichen. Und ich glaube auch, dass es generell für uns Menschen wichtig ist, dieses Gefühl des Innehaltens wieder kennenzulernen – und den Moment mit Achtsamkeit für ein bewusstes Ausatmen zu nutzen.

Was passiert mit uns bei einem Trauma?
Sonja Schachtner:
Bei einem Trauma ist das Erleben nicht linear und das zeitliche „Was war wann?“ nicht mehr nachvollziehbar. Wenn eine Situation unaushaltbar ist, kann unser Gehirn nicht mehr alle Eindrücke gleichzeitig verarbeiten und spaltet sie auf. Das heißt, im späteren Erinnern und Erleben kann der Betroffene vielleicht Geräusche mit dem Geschehen verbinden, hat aber möglicherweise keine Bilder mehr dazu. Oder die Person kann nicht mehr sagen, wo sie sich wann befunden hat, und erinnert sich plötzlich nur mehr an Farben.

Wodurch können Traumen entstehen?
Sonja Schachtner:
Ein Trauma entsteht in dem Moment, wo ich selber nicht mehr in der Lage bin zu agieren. Wo ich in die völlige Hilflosigkeit und Ohnmacht komme, wo ich keine Handlungsfähigkeit mehr habe.
Es sind Ereignisse, die das Aushaltbare weit übersteigen. Das kann eine Naturkatastrophe sein, der ich ausgeliefert bin, oder ein Überfall oder Übergriff, bei dem ich keine Möglichkeit hatte, mich zu wehren, weil ich so überwältigt wurde von der Situation.
Wenn Menschen irgendeine Art von Handlungsspielraum bleibt in solchen Situationen, dann ist das für die spätere Bewältigung sehr hilfreich, denn sie wissen: „Ich habe noch etwas getan!“
Das Schlimmste ist, ausgeliefert und ohnmächtig zu sein. Und je jünger die Betroffenen sind, desto geringer ist die Möglichkeit, selbst Einfluss zu nehmen. Das erhöht natürlich die Gefahr einer Traumatisierung.

Wenn ein Mensch Gewalt erfahren hat, einen schweren Unfall hatte oder missbraucht wurde – was bedeutet das für sein weiteres Leben?
Sonja Schachtner:
Um Traumatisierung zu verstehen, ist es ganz wichtig zu wissen, dass Traumen im Körper und im Gehirn gespeichert bleiben. Das heißt, selbst wenn die belastende Situation vorbeigeht, das Trauma bleibt. Das hat zur Folge, dass Betroffene immer wieder, wenn sie irgendetwas an diese Situation erinnert, sei es ein Geruch, ein Geräusch oder etwas anderes, wieder mit dem Trauma in Kontakt kommen. Das bedeutet, sie erleben die gleichen Empfindungen und körperlichen Reaktionen von damals noch einmal.
Habe ich zum Beispiel erlebt, dass mein Vater mich immer um die Frühstückszeit geschlagen hat und ich rieche beim Kaffeehausbesuch mit einer Freundin Kaokao, dann kann mich dieser Geruch in Panik versetzen und mir wird vielleicht übel, obwohl die konkrete Situation überhaupt nichts damit zu tun hat.
Und mit dieser Gefahr, des Wiedererlebens, sind Traumatisierte immer wieder konfrontiert.
Oder wenn ich als Kind irgendwo eingesperrt war und nicht rauskonnte, kann es sein, dass ich als Erwachsener einen Lift, bei dem sich die Türen schließen, immer wieder mit dem Gefühl verbinde:
„Hilfe, ich komm hier nicht raus!“

Solche – für andere unsichtbare – Hürden können den Alltag dieser Menschen sehr schwierig machen. Vor allem dann, wenn die Betroffenen es nicht schaffen, diese Empfindungen zu verstehen. Sie fühlen sich dann oft verrückt und nicht normal.
Und das führt dann wiederum zu Vermeidungsverhalten, Scham und Rückzug.