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Viele Blumen in rot und blau

Viele Blumen in rot und blau

Der Apropos-Sprachkurs Verkäufer Aurel Temelie bekennt Farbe

 

Aurel Temelie ist mein verlässlichster Schüler: Seit Beginn des Deutschkurses 2011 radelt er pünktlich beim Spar in Gneis los, um pünktlich in der Glockengasse anzukommen – und das sowohl bei Schneefall und Regen als auch bei Sonnenschein.
Mehrere Hefte hat er bereits mit Grammatikübungen gefüllt:
„Ich verkaufe Apropos, ich habe heute zwei Straßenzeitungen verkauft, ich werde zwei Zeitungen verkaufen.“ Das ist Grammatik, wie sie der 63-Jährige schätzt: Da ist ein klar erkennbares Schema mit ebenso erkennbaren Regeln.
Wer seine Hefte, seine Übungen und sein Mitschreiben im Kurs auch nur einmal gesehen hat, wartet vermutlich auf einen Wortschwall in Deutsch oder zumindest auf eine flüssige Konversation. Doch das Sprechen macht Aurel weniger Freude bzw. bereitet ihm das Sprechen mehr Stress als das Schreiben und Vorlesen: „Muss sprechen, weiß, viele Wörter im Heft, wenig Wörter im Kopf, wenn ich soll sprechen.“
Das ist eine klare Einschätzung seiner Kompetenz und seiner Form des Lernens: Er ist im Grundberuf Techniker und er liebt wohl klare Anleitungen ebenso wie klare Grammatikregeln und dann laufen die Maschinen. Nur beim Sprechen, da verschwinden manchmal Wörter, da ist ihm auch das Gegenüber zu schnell, dann setzt Aurel sein Lächeln und seine Höflichkeit ein: „Danke, geht gut, muss gehen. Ist Straßenzeitung, März, ist gute Zeitung.“

Aus der Lernforschung weiß man ja, dass Menschen die Dinge am besten lernen, die sie interessieren. Aurel findet alle Wörter, die er braucht, um sein Fahrrad zu beschreiben. Ja, er hat es hier in Österreich gekauft und es war ein Sonderangebot, das hat er lange gesucht und schließlich gefunden. Auch sein Weg von seiner Wohnung/seinem Zimmer in Grödig hin zum Spar in Gneis beschreibt er flüssig, ohne zu stocken, und ja, lange Wartezeiten nerven ihn, das heißt bei Aurel dann so: „Muss mit Bus lang warten, lieber nehme ich das Fahrrad.“ Daher radelt er gegen 9.30 Richtung Arbeitsplatz, denn Aurel sieht das Verkaufen von Apropos als seine Arbeit an, ebenso den Deutschkurs, der gehört für ihn zum Arbeitsverhältnis dazu. Er will keinen Streit, legt sich nie mit anderen Verkäufern an und lächelt weise, wenn er manche Aufregungen in der Verkäuferschar mitbekommt. „Muss verkaufen, jeder hat einen Platz, muss so sein, hilft nicht!“ 

Neben dem Alltag und der Arbeit beschäftigten uns im Februar auch die Heimat, also Rumänien, und das Leben dort. Neu war, dass Aurel und ich über Blumen, über Bäume und seinen Garten sprachen. „Ein paar Bäume, Apfel-, Birn- und Pfirsichbäume haben wir. Genug für uns. Meine Frau macht den Garten, wir haben auch Beeren, Erdbeeren und Himbeeren. Erdbeeren sind anders rot als Himbeeren: Meine Frau hat viel Arbeit mit dem Garten und ich sehe gern die Farben. Wenn ich zu Ostern heimkomme, haben die Bäume Blüten, später dann haben wir Obst in allen Farben. Verkaufen? Nein, ich verkaufe Zeitung in Österreich, aber kein Obst in Rumänien: Das Obst und die Beeren sind für meine Frau, unsere Söhne und meine ganze Familie zum Essen da und auch für Kuchen und Marmelade.“
Jetzt hat Aurel alle Farben und Obstsorten aufgezählt, seinen kleinen Garten beschrieben: „Haus klein und blau. Lieblingsfarbe weiß, ist immer hell, auch wenn es Regen gibt. Im Garten ist ab jetzt immer Farbe, eine Farbe kommt, eine andere geht.“