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Hervorgehoben II

Schriftsteller trifft Verkäufer: Für die Kinder, für die Schule

Lydia Haider: Darf ich „du“ sagen?
Mariana Usurelu: Ja sicher! (lacht)
Lydia (an die Dolmetscherin Doris Welther): Kennt ihr beiden euch schon länger?
Dolmetscherin: Nur durch die Zeitung Apropos. Obwohl da viele rumänische Verkäufer/innen sind – es sind ungefähr sechzig oder siebzig – prägen sich manche Gesichter irgendwie ein. (lacht)
Lydia (an Mariana): Das ist auch gleich meine Einstiegsfrage: Wie bist du eigentlich zur Zeitung Apropos gekommen?
Mariana: Ich bin noch nicht so lange dabei, ungefähr ein Jahr. Zuerst hat mein Mann verkauft, aber er ist krank geworden und kam dann auch ins Krankenhaus – und diese Einnahmequelle ist weggefallen. Ich habe bei Apropos gebeten, meinen Mann durch mich zu ersetzen, seine Stelle zu übernehmen. Und es hat geklappt – seither verkaufe ich!
Lydia: Und deinem Mann geht es jetzt wieder besser?
Mariana: Zuerst sind die Ärzte lange nicht draufgekommen, woran es liegt, dass er Schmerzen hat. Erst heuer – zwei Tage nach Neujahr – ist er operiert worden, eine Gallenentfernung. Jetzt geht es ihm wieder besser, aber dafür ist meine Tochter eben operiert worden: Blinddarm! Und die Spitals- und Artzkosten sind relativ hoch ... Die Grundversicherung ist minimal, man muss in Rumänien sogar Bettwäsche ins Krankenhaus mitbringen, und wer kann, lässt sich das Essen von zuhause bringen, weil es so unter aller Kritik und sehr schlecht ist.
Lydia: Und kannst du das von den Einnahmen des Zeitungsverkaufs dann bezahlen?
Mariana: Meine Familie hat ein Pferd und einen Wagen, und wenn wir nicht selber damit arbeiten, vermieten wir ihn, zum Holzholen zum Beispiel. Und ich erhalte Kindergeld für meine Kinder, aber das ist umgerechnet etwa 10 Euro im Monat. Das reicht nicht einmal für das Abo [Anm.: Fahrkarten], um in die Schule zu fahren. Der älteste Sohn hat bereits maturiert, die anderen vier sind noch in der Schule. Die Kosten sind relativ hoch.
Aber wir haben ein bisschen Garten für den Anbau von Gemüse, Zwiebeln, Bohnen, Salat – was halt so wächst.
Lydia: Und wie lange bist du dann immer weg von zuhause, wie lange bist du in Österreich?
Mariana: Ungefähr zwei Wochen im Monat. Wenn die neue Zeitung erscheint, dann komme ich wieder. Und so in etwa 300 Euro im Monat verdiene ich. Das reicht gerade, dass ich die Kinder doch noch zur Schule schicken kann.
Lydia: Und hier in Salzburg hast du dann ein Bett?
Mariana: Bei der Caritas-Notschlafstelle.
Lydia: Und das funktioniert gut? Hast du dann immer ein Bett?
Mariana: Zwei Wochen kann ich dort schlafen. Dann ist ein Wechsel, weil der Andrang so groß ist. Dann muss ich raus. Aber manchmal bleibe ich trotzdem, wenn es warm ist, und versuche im Park zu schlafen. Doch wenn es kalt ist und das gar nicht geht, fahre ich heim.
Lydia: Das ist sicher anstrengend. Auch immer hin- und herzufahren ...
Mariana: Ja, und es ist teuer. Auch wenn ich nur Spritbeteiligung zahle. Aber auch das kostet Geld. Da bleibt oft vom Verdienst nicht mehr viel übrig ...
Lydia: Aber kommst du dann trotzdem gern her nach Salzburg?
Mariana: Ja, denn ich habe in Kuchl einen fixen Platz, an dem ich stehe.
Dolmetscherin (erklärt): Das ist für viele ein Ideal: einen guten Platz zu haben, Stammkund_innen aufzubauen. Das ist gut! Hat nicht jeder ... (Mariana nickt)
Lydia: Und wenn du dann dort stehst, in Kuchl, wie ist deine Erfahrung: Ist es einfacher, die Leute anzusprechen oder nur still dazustehen?
Mariana: Ich bin keine aggressive Verkäuferin. Wenn ich grüße, wird zurückgegrüßt, die meisten gewöhnen sich auch an mein Gesicht und an die Person, die hier steht. Wer nichts mag, geht einfach weiter. Die meisten sind recht freundlich. Die Zeitung ist auch recht bekannt und beliebt in Salzburg ...
Lydia: Und glaubst du, ist es einfacher, als Frau zu verkaufen oder als Mann, oder ist das egal?
Mariana: Ich glaube, für die Frauen eher. (lacht)
Lydia: Und wenn du über deine Situation als Frau allgemein nachdenkst: Du fährst weg von zuhause, übernimmst die Arbeit deines Mannes, fährst ins Ausland – das ist eigentlich sehr emanzipiert und ein gutes Zeichen fürs Frausein, oder nicht?
Mariana:  Also mein Mann war sehr froh, dass ich arbeiten gegangen bin: die einzige Möglichkeit, die Kinder weiterhin zur Schule zu schicken. Er hat mich unterstützt, mich ermutigt und gesagt: Dann geh du! Und er war dankbar.
Dolmetscherin (erklärt): Es war in Rumänien generell so, als kommunistisches Land, dass versucht wurde, die Frauen gleichzustellen. Die Frauen sollten arbeiten gehen und es wurde signalisiert: Ihr seid genauso wertvoll wie die Männer!
Und gerade am 8. März durften nur die Frauen in die Gasthäuser rein. Da waren sie für Männer gesperrt! Das waren die besten Partys! (lacht)
Lydia: In Österreich ist das alles nicht selbstverständlich, grade am Land, in konservativen und veralteten Strukturen ... also sehr fortschrittlich, was die Frauen betrifft!
Mariana: Ja, und meine fünf Kinder sind schon so groß, dass sie Verständnis dafür haben, wenn ich wegfahre. Sie haben gesagt: Wir wollen die Schule fertigmachen, und wenn der Vater nicht mehr arbeiten kann, dann ist es klar, dass du gehst! Mama: Du gehst arbeiten, wir gehen in die Schule!
Lydia: Und wie reagieren die Menschen in Salzburg darauf? Salzburg gilt ja als recht konservative Stadt ...
Mariana: Das wäre mir nicht so aufgefallen. Mir kommt vor, dass die Leute generell sehr offen sind, auch für Probleme fremder Leute und mitfühlend reagieren. In den Winterferien war meine Tochter mit mir in Salzburg und sie hat hier erstmals Bauchschmerzen bekommen. Wir waren kurz im Krankenhaus und wurden wichtig genommen, man hat sich um meine Tochter gekümmert, wir haben uns sehr wohl gefühlt und nicht das Gefühl gehabt, wir wären jetzt Patientinnen zweiter Klasse, weil wir nicht hierhergehören oder keine Versicherung haben. Ich hab mich, im Gegenteil, besser gefühlt als im rumänischen Krankenhaus. Speziell was die Frauensituation betrifft, ist mir da nichts aufgefallen.
Lydia: Ich wollte nur zwischendurch nachfragen, ob du nicht etwas essen möchtest?
Mariana: Nein danke! Ich habe vorhin von einer älteren Dame zum Frauentag Blumen und etwas zu essen bekommen. Dort wo ich stehe, in Kuchl, merken die Leute sogar, ob es mir gut oder schlecht geht! An dem Tag, als meine Tochter in Rumänien operiert wurde und ich nicht bei ihr sein konnte, habe ich geweint und da hat mich dann eine Frau getröstet, der das aufgefallen ist. Gerade Frauen fragen und ermuntern mich, bauen mich auf und sagen: Schick die Kinder in die Schule, das ist wichtig!
Die Frauen haben da mehr Interesse ...
Lydia: Als eine letzte Frage: Wenn du bei einer guten Fee einen Wunsch frei hättest – was würdest du dir wünschen?
Mariana: Dass meine Kinder einmal mehr Glück im Leben, dass sie ein besseres Leben haben, als ich es hab (wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln). Ich kann nicht lesen, da ich nie zur Schule habe gehen dürfen – ich hab auf meine vielen jüngeren Geschwister aufpassen müssen.
Lydia: Wenn deine Kinder aus der Schule sind und wieder mehr Zeit für dich da ist, dann könntest du Lesen lernen – dazu ist es ja nie zu spät ...
Mariana: Ja! Meine Kinder sagen das auch immer: Komm, wir bringen es dir bei! Sie haben mir auch gezeigt, wie man ein Telefon bedient. Und gewisse Sachen kann ich jetzt schon entziffern, so wie meinen Namen.

 

von Lydia Haider