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Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Daheim im Altersheim

In Erinnerung an Gertraud Schwaninger


Unsere langjährige Schreibwerkstatt-Autorin Gertraud Schwaninger ist gestorben. Ihre Tochter Melanie hat einen Text gefunden, den Gertraud im Altersheim geschrieben hat.

Da gebe ich mich doch auf. Will ich aber nicht mehr. Gerade jetzt nicht. Ich verlasse wieder mein Bett. Habe diesen schönen Samstag Fernsehen geschaut. Ich schreibe lieber.
Ja, lieber Leser! Sage ich ja nicht. Also: Hoffentlich findet er den Brief nicht.
Ich meine nicht das, was ich schreibe. Ein Satz hat richtig zu sein. Dann wird ein Text daraus. Aber bei meinem fehlt der Inhalt.
Etwas, was verständlich ist, ist im Text.
Denn der Leser, besonders wenn ich ihn als „lieber Leser“ sehe,
muss etwas verstehen.
Stillschweigend kann man diese Forderung an den Schreiber stellen.

 

Jetzt tue ich mir schwer. Diesen „Text“ muss ich ja zuerst erleben. Den Inhalt verstehen, und in mir wieder die Grammatik der Sätze.
Ich bin direkt voller Angst.
Aber glaube ich meiner Tochter und den jungen Schwestern im Heim und denke mit, werde ich überleben.
Wir reden viel.
Ich überlebe wieder einen Tag.
Vielleicht fasst mein Hirn dann wieder einen Satz. Der Text bekommt dadurch einen neuen Drall.
Aber ich schreibe das nicht her, diese Weiche, die den Text zum Inhalt weitertreibt. Nein, den Inhalt muss ich erst fassen. Der heißt:

 

„Traudi will sich befreien, aber nicht auf der Straße landen. So erlebt Gertraud wieder einen Tag.“

 

von Gertraud Schwaninger