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Hervorgehoben I

„Ein Optimist trotz allem“

Sie versuchen auf Salzburgs Straßen zu überleben. Die Rede ist von Bettlerinnen und Bettlern, von denen viele der Volksgruppe der Roma und Sinti angehören. Die Hintergründe kennen nur wenige.  Raim Schobesberger, Obmann des Vereins Phurdo, hat es sich zum Ziel gesetzt, Brücken zwischen den Menschen zu bauen. Das beginnt durchaus bei einem gemeinsamen Essen.


Titelgeschichte über Raim Schobesberger
von Rochus Gratzfeld


Der Präsident des Vereins Phurdo Salzburg – Raim Schobesberger – empfängt mich kochend. Und schon da wird mir klar, alles ist möglich.
Aber der Reihe nach.
Das Essen, welches der gelernte Koch für uns zubereitet, präsentiert sich so bunt, wie die Farben Phurdos, blau für den Himmel, grün für das Gras und die Erde und rot wie das Rad, welches für die fahrende Tradition der Roma und Sinti steht. Es schmeckt nach Indien, nach Orient, nach Balkan. Nach Osteuropa. Es schmeckt nach Vielfalt. Es schmeckt nach Lust am Leben.
Phurdo, das heißt Brücke. Die möchte Raim Schobesberger bauen. Zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der Minderheit der Roma und Sinti in Österreich, in Salzburg. Aber auch die Notreisenden aus Osteuropa vergisst er bei seinem Projekt nicht. Deshalb rief er Phurdo 2013 ins Leben. Im Glauben daran, dass es möglich sei, eine solche Brücke zu bauen. Jetzt hat er mit dem Verein ein nagelneues Beratungszentrum in der Schallmooser Hauptstraße bezogen. Das Zentrum bietet aktive Unterstützung mit vertraulicher Beratung in der jeweiligen Muttersprache, begleitet Menschen zu Ämtern und anderen Einrichtungen.
Im Fokus stehen ebenfalls die Bildungsberatung sowie die Arbeitsplatzsuche. Da gibt es viel zu tun. Auch Projekte werden angeboten. So Korbflechter-Workshops mit der FH Kuchl des Studienzweiges Produktdesign. Roma schlüpfen in die Rolle von „Weiden-ProfessorInnen“ und unterstützen die Studierenden mit ihrem Know-how.
In Salzburg leben derzeit rund 250 Roma mit Migrationshintergrund. Mit festem Wohnsitz, heute schon in der dritten Generation. Mit ordentlicher Schulbildung sind sie meist zweisprachig aufgewachsen.
Notreisende verkaufen Apropos, musizieren oder reduzieren ihr Bemühen ums Überleben aufs Betteln. Die Notreisenden in Salzburg sind fast alle Roma vom Stamm der Rudari, übersetzt heißt das Bergarbeiter. Sie sprechen nicht Romani. Romani – im deutschsprachigen Raum meist Romanes – ist die Sprache der Roma. In mehreren europäischen Staaten ist Romani eine offiziell anerkannte Minderheitensprache, darunter auch in Deutschland und Österreich. Über 400 Jahre wurde den versklavten „Zigeunern“ vor allem in Rumänien verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen.
Teil der Ausgrenzungspolitik.
Zurück zu Raim. Er wurde 1961 in Mazedonien in eine muslimische Gesellschaft hineingeboren. Mit Eintritt in die erste Schulklasse wurde ihm schnell klargemacht: „Mit ‚Zigeunern‘ wollen wir nichts zu tun haben.“
Kein anderes Kind wollte neben ihm sitzen.
Dennoch schaffte er den Schulabschluss, später absolvierte er eine Lehre zum Baumaschinentechniker. Alles andere als eine einfache Zeit, an die sich der immer fröhliche, optimistische Präsident des Vereins Phurdo erinnert. Damals bestimmte Gewalt sein Leben. Diskriminierungen waren an der Tagesordnung, Verhaftungen. Er wurde wiederholt von der Polizei gefoltert. Auseinandersetzungen mit rivalisierenden Gangs. Er selbst immer gewalttätiger. Verständliche Reaktion eines verzweifelten jungen Mannes, der doch nichts anderes wollte, als von der Gesellschaft anerkannt zu werden. Gleichberechtigt. Auf Augenhöhe. Vergeblich.
Aber. Alles ist möglich. Den Ausschlag gab seine Mutter: „Raim, du musst gehen. Sonst wirst du getötet oder selbst zum Mörder!“ Es folgte die Flucht nach Deutschland. Raim hatte Glück. Der Vater eines jungen italienischen Freundes besaß ein Restaurant. Nach einer erfolgreich bestandenen Probezeit finanzierte ihm der Padrone eine Lehre zum Koch. Ein Neustart abseits von Diskriminierung und Gewalt. Hoffnung. Gepaart mit Leidenschaft. Seit 17 Jahren lebt er jetzt in Salzburg.
Es duftet nach Knoblauch und einer von Raim kreierten Gewürzmischung. Alles ist köstlich. Der Koch lächelt mit der Milde eines reifen Mannes, der schon so viel erlebt, überlebt hat. Er erklärt mir, dass die Küche der Roma und Sinti – ebenso wie deren Musik – von den historischen Wanderungsbewegungen geprägt ist. Ich kann das riechen, kann es schmecken. Wieder das Rad. Wieder die Farben. Blau. Rot. Grün. Dann die Bilder der auf Einheitsgesten gedrillten Bettlerinnen und Bettler am Straßenrand. Devot bis zur völligen Selbstverleugnung. Der schale Geschmack kalter Semmeln. Auf Gaskochern erwärmter Suppen aus der Dose. Wortgebilde drehen sich in meinem Kopf – anders als das lustige Phurdo-Rad. Zigeunerschnitzel. Zigeunerbraten. Zigeunersauce.
Was ist für sie möglich? Ist wirklich alles möglich?
„Geduld, Rochus, Geduld ist die Voraussetzung“, sagt Raim.
„Denk doch mal an die Jahrhunderte der Versklavung, an die Greuel der Nazizeit. An die Vergewaltigungen. An das Morden. Nein, Rochus, es braucht Zeit! Immer noch.“
Auf dem Weg der Geduld war die Zeit zwischen 1991 und 1993 ein Meilenstein. Da wurden dann endlich Roma und Sinti von der Regierung Österreichs als Minderheit anerkannt.
Ich kann dennoch nicht umhin. Denke an das Schicksal der Roma und Sinti. In Bulgarien und Rumänien. In Italien und Spanien. In Ostdeutschland. Denke an einen ungarischen Freund. Wenn ich einmal wieder die Haustüre nicht abschließe und er mich mit sorgenvollem Gesicht ermahnt: „Denk an die Zigeuner!“ Frage Raim, was er glaubt, was wäre, würde Strache Kanzler der Zweiten Republik. „Ach“, antwortet er, „haben wir nicht schon genug Rechte in der Regierung? Gestrige von heute.“ Er bleibt der Optimist, der er ist. Auch beim Thema Flüchtlinge. Ja, immer wenn das Thema von Politik und Medien hochgekocht wird, erklärt mir Raim, nehmen auch in Salzburg die Übergriffe auf notreisende Roma zu. Da wird geschimpft und geschrien, gespuckt und getreten. Geschlagen. Da setzt der Mob der angeheizten Stimmung die Krone auf. Und die Ärmsten der Armen müssen zu Kreuze kriechen.
Wäre es nicht noch früh am Tag, es wäre der richtige Zeitpunkt, eine Flasche Wein zu öffnen. Raim glaubt an einen Gott, fühlt sich aber nicht seiner muslimischen Kindheit verpflichtet. Er glaubt an einen gemeinsamen Gott aller Menschen. So wie ich. Nicht die einzige Gemeinsamkeit zweier fast gleich alter Männer – uns trennen fünf Lebensjahre – mit einer so unterschiedlichen Vergangenheit. Mit so unterschiedlichen Chancen. Und dennoch so harmonierenden Hoffnungen. „Sinn haben“, sagt er, „der Kampf ums Überleben ist auch ein Weg zum Sinn.“ Automatisch fällt mir ein großer Salzburger ein, den vielleicht dieser Sinn die Konzentrationslager der Nazis hat überleben lassen: Marko Feingold. Er hat überlebt. Anders als viele Roma und Sinti. Und da sind wir dann doch wieder in den dunklen Jahren der Geschichte angelangt. Dunkle Jahre auch hier in Salzburg.
Gerade hier in Salzburg. Nur wenige Kilometer entfernt vom Berghof, Hitlers Hauptquartier in Berchtesgaden.

 

„Als Teil der ‚Endlösung‘ ordnete Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 an, alle noch im Reichsgebiet verbliebenen Sinti und Roma nach Auschwitz zu deportieren. Sein Ziel war die fabrikmäßige Ermordung der gesamten Minderheit. Wenig später ergingen entsprechende Befehle für die besetzten Gebiete. Ab Februar 1943 wurden nahezu 23.000 Sinti und Roma aus elf europäischen Ländern in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Der größte Teil stammte aus dem Reichsgebiet: über 13.000 Frauen, Männer und Kinder. Viele Sinti und Roma befanden sich jedoch bereits in Konzentrationslagern oder waren in den besetzten Gebieten Opfer von Massenerschießungen geworden.“

Quelle: www.sintiundroma.de

 

Ja, auch wenn unsere Themen manchmal schwer verdaulich sind, wir lassen es uns schmecken. Denn Hoffnung macht Appetit. Auf Zukunft. Auf bessere Zukunft.
Ich male zwischen gebackenen Auberginen, wundervoll knackigen Möhren, aromatischen Tomaten, grünen und schwarzen Oliven und feinem Büffelmozzarella das Bild einer wunderschönen Frau auf meine Serviette. Eine Fee aus einer anderen Welt. Sie wird Gestalt – trägt die Züge einer Inderin – und eröffnet dem staunenden Raim, dass er drei Wünsche frei habe. Er ist nur kurz verblüfft, dann antwortet er ohne länger zu überlegen: „Menschlichkeit, Gleichbehandlung, Gerechtigkeit.“ Und während sie sich in Luft auflöst, haucht sie uns noch zu:


„Alles ist möglich.“