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Hervorgehoben I

„Zimmer mit Aussicht“

Hinter den Mauern eines Biedermeierhauses in Wien proben 27 Bewohner die Zukunft des sozialen Wohnens: Ehemals Obdachlose leben im VinziRastmittendrin zusammen mit Studierenden in WGs. Vor Ort bei Menschen, die Neues wagen.

Titelgeschichte von Simone Deckner

In Ottos Zimmer plätschert es. Man muss einen Moment still sein, aber dann ist es zu hören: ein gleichmäßiges Plätschern. „Ach, das! Das ist mein Indianerbrunnen“, sagt Otto und öffnet die Tür. Der Brunnen steht vor der Wandtapete, auf der sich ein Wasserfall durch eine Traumlandschaft ergießt. Die Sitzbank hat der Hausherr mit Fellen präpariert. Es hängen Traumfänger, gezeichnete Bilder, Schmuckstücke, Fotos von lachenden Menschen an der Wand. Hier hat sich jemand eingerichtet. „Gemütlich, oder?“, fragt Otto. Das Zimmer ist elf Quadratmeter klein, aber für Otto gibt es nichts Größeres. VinziRast-mittendrin heißt das Wohnprojekt, in dem Otto lebt. Draußen rauschen Straßenbahn und Passanten vorbei, drinnen leben zwei Gruppen in Wohngemeinschaften zusammen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Menschen wie Otto, die schon einmal obdachlos waren und die Abgründe des Lebens kennen, und junge Studierende, die ihr Leben erst anfangen.

Als das Haus 2013 öffnete, unkten Kritiker, das würde keine paar Monate hinhauen mit „den besoffenen Sandlern“. Sie irrten. Das Projekt geht in sein fünftes Jahr: Neben Otto wohnen 26 Menschen jeweils in Zweierund Dreier-WGs auf drei Stockwerken zusammen. Sie teilen sich Dachterrasse, Innenhof, Atelier, Bibliothek, Gemeinschaftsküchen, Waschküche und Werkstatträume. Aber: Sie können einander auch aus dem Weg gehen. Zimmer und Gemeinschaftsküchen sind per Treppe, Fahrstuhl oder Laubengang zu erreichen. Alles kann, nichts muss. Als „Tor nach draußen“ fungiert das Lokal „mittendrin“ im Erdgeschoß. Vor einer Wand aus recycelten Sperrholz-Obstkisten sitzen Nachbarn, Touristen und Neugierige bei Kaffee und Mittagstisch. In Küche und Service arbeiten Bewohner des Hauses. Neben ehrenamtlichen und professionellen Kräften. Es gibt Filmabende, Lesungen und Yoga-Kurse. Auch Firmen und Privatpersonen können die Räume gegen eine Spende nutzen. Wirtschaftlich trägt sich das Haus mit Lokal noch nicht. Noch sind Spenden nötig.

Genau das wollte Architekt Alexander Hagner erreichen:
die Obdachloseneinrichtung als „völlig selbstverständlichen Teil urbanen Lebens“ integrieren. Gemeinsam mit vielen freiwilligen Helfern und Bewohnern hat sein Büro „gaupenraub+/-“ das 200 Jahre alte Biedermeierhaus saniert und umgebaut. Zuvor hatte es zwei Jahre leer gestanden. Auf die Idee für das weltweit einzigartige Wohnprojekt waren Studierende gekommen. Sie hatten 2009 das Audimax der Uni besetzt, bessere Studienbedingungen gefordert. Obdachlose gesellten sich zu ihnen auf der Suche nach einem Schlafplatz. Nach anfänglichem Stress klappte die ungewohnte Allianz. Als alles vorbei war, wollten die Studierenden ihre Mitstreiter nicht einfach wieder der Straße überlassen. Sie nahmen Kontakt auf zu dem sozial engagierten Industriellen Hans Peter Haselsteiner.
Der fragte Cecily Corti nach ihrer Meinung, Leiterin der privaten Vinzenzgemeinschaft St. Stephan, die eine Notschlafstelle und dauerhafte Wohnprojekte für Obdachlose und Flüchtlinge in Wien betreibt. Gemeinsam nahmen sie sich der Idee an. Den Kaufpreis von 1,5 Millionen Euro stemmte die Privatstiftung von Hans Peter Haselsteiner. 2,7 Millionen Euro kostete der Aus und Umbau, finanziert durch Bankkredite und einen Wohnbaukredit der Stadt Wien und viele Privatspenden.

"Gib mir ein anderes Zimmer oder ich geh jetzt sofort!“

Otto hatte damals ganz andere Probleme: Gerade aus dem Knast entlassen, schlief er am Donaukanal. Drei Jahre hatte er gesessen. „Sie hat gesagt, sie sei 19“, erzählt er, am Tisch der WG-Teeküche sitzend. Das Mädchen, mit dem er sich einließ, war aber erst fünfzehneinhalb. Die Affäre kostete ihn seine Ehe und schränkt bis heute den Kontakt zu seinen fünf Kindern ein. Er selbst wurde als Kind ausgesetzt. „Bis ich 18 war, bin ich von einem Heim ins andere“, sagt Otto. Niemand kam mit dem Buben klar. „Ich war halt sehr schlimm. Sehr aggressiv.“ Wenn er nicht mehr weiterwusste, schlug er zu. Otto wusste oft nicht weiter. Elektroschocks und Psychopharmaka sollten ihn beruhigen, machten ihn aber „noch aggressiver“. Kaum volljährig, wurde er entmündigt. „Ich galt als abnormal“, sagt Otto. Eine Lehre als Restaurateur machte er dennoch, den Lohn behielt sein Vormund ein. Zwischendurch lebte er auch in einer Pflegefamilie, doch auch da wurde es nicht besser. Sexueller Missbrauch. „Über zehn Jahre hinweg“, sagt Otto.

Otto ging zur „Gruft“. Die Caritas-Unterkunft ist seit mehr als 30 Jahren eine der wichtigsten Anlaufstellen für Obdachlose in Wien. Dort schlief er in einem Mehrbettzimmer mit vier anderen Obdachlosen. „Aber die waren die meiste Zeit bekifft oder haben gespritzt. Da musste ich raus.“ Keine Privatsphäre. Otto flehte seine Sozialarbeiterin an: „Gib mir ein anderes Zimmer oder ich geh jetzt sofort.“ Sie musste ihn gehen lassen. In Wien sind schätzungsweise bis zu 8000 Menschen von Obdachlosigkeit betroffen, aber es gibt nur 4500 Schlafplätze in Unterkünften.
Zurück auf der Straße versuchte Otto, „ein geregeltes Straßenleben zu führen“, wollte eine Routine einführen. Aber wie? „Ich habe nicht regelmäßig gegessen, habe keinen festen Schlafplatz gehabt, nix.“ Nach neun Monaten konnte er nicht mehr. „Alles, was ich mir gewünscht habe, war mein eigenes Zimmer.“ Seine Sozialarbeiterin hatte unterdessen vom VinziRast-mittendrin gehört. Otto traute sich erst beim zweiten Treffen von seiner Vergangenheit zu erzählen. „Wir glauben an die Idee bedingungsloser Akzeptanz“, sagt Cecily Corti. Otto durfte auf Probe einziehen – das war vor zweieinhalb Jahren.

In der Teeküche können sie reden

Otto zieht seine Tür bis heute oft hinter sich zu. „Ich lebe lieber zurückgezogen“, sagt er. Besonders die Zeit im Knast habe Spuren hinterlassen, sagt er. Anfangs verbrachte er seine Zeit in der WG lieber mit seiner Hündin Luna. „So ein Tier gibt dir so viel“, sagt er. Gesprächen mit seinen Mitbewohnern ging er eher aus dem Weg. Das änderte sich jedoch, als Studentin Helena einzog, Ottos jetzige Mitbewohnerin: Für ihr Zimmer in der WG verzichtete sie sogar auf eine eigene Wohnung. „Wunderschön, groß, hell, in bester Lage. Die hätte ich für mich allein haben können“, sagt sie. Dann sah sie im Internet bei wg-gesucht die Anzeige vom VinziRast-mittendrin. „Keine Zweck-WG“, stand da. Und dass man Offenheit, Respekt, Gemeinschaftssinn, soziales Engagement und Eigeninitiative mitbringen müsse. Die Soziologiestudentin entschied sich für das vergleichsweise mickrige Zimmer. „Ich interessiere mich für die unterschiedlichsten Lebensgeschichten“, sagt sie.

Zu Obdachlosen hatte sie vorher keinen engen Kontakt. Hier im Haus sei das anders, sagt Helena, hier gibt es einen geschützten Rahmen. „Ich bin da jetzt nicht wie ein Paparazzo auf die anderen los“, sagt sie und lacht. Aber sie wisse jetzt schon mehr über das bewegte Leben ihrer Mitbewohner „als in allen früheren WGs zusammen“. Ein „Zuckerschlecken“ sei das Zusammenleben im Haus dennoch „sicher nicht“, sagt Helena, gerade für die ehemals obdachlosen Bewohner mit ihren teils schwierigen Lebensgeschichten: „Viele von denen leben das erste Mal in einer WG. Dann haben sie verständlicherweise auch keine Lust, sich von irgendwem sagen zu lassen, wie sie zu leben haben.“ Viele der Studierenden, die mit großem Elan eingezogen sind, würden schnell merken, dass sie der Sache doch nicht gewachsen sind. Dass es weitaus größere Katastrophen gibt als das dreckige Geschirr in der Spüle. Helena kann damit umgehen, bisher. In ihrer WG verstehen sie sich gut. „Wir brauchen nicht mal einen Putzplan“, sagt sie. Otto nickt. Er hat hier alles, was er braucht: Sein Zimmer, seinen Rückzugsort, endlich ein kleines Stück Privatsphäre. Helena muss jetzt gehen, für die Prüfungen lernen. Wenn man ganz leise ist, kann man jetzt wieder das Plätschern aus Ottos Zimmer hören.

 


Wir danken der Hamburger Straßenzeitung Hinz und Kunzt, dass sie uns diesen Artikel zur Verfügung stellen, der bei ihnen in der Februar-Ausgabe 2017 erschienen ist.