Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Hervorgehoben II: Ins Museum mit allen Sinnen

Riechen, Tasten, Schmecken, Hören – wenn Barrierefreiheit allen was bringt

Wer kennt den Geschmack von Schneeschokolade? Mag jemand an der berüchtigten Fischsauce schnuppern, die im alten Rom zu allen möglichen Gerichten gereicht wurde wie heutzutage Ketchup? Wer will sich mit geschlossenen Augen durch das Zelt eines Mammut-Jägers tasten? Von den zotteligen Fellen am Boden bis zu den Seitenwänden, die aus Kieferknochen und Stoßzähnen gefertigt sind? Solcherart sinnliche Erlebnisse sind in Museen heute keine Ausnahme. Normalerweise gilt ja die Regel: Bloß nichts angreifen, um Relikte der Vergangenheit vor Abnützung zu schützen. Objekte der Kunst sind erst recht tabu.

Aus dieser Tradition waren Museen lange Zeit ausschließlich auf das distanzierte Schauen ausgerichtet. Der Gedanke, Menschen mit Behinderungen Zugang zu Kunst und Geschichte zu ermöglichen, förderte ein Umdenken. Die Barrierefreiheit wurde zur Krücke, die allen Besuchern ein sinnlicheres Erleben beschert.

Das „Museum mit allen Sinnen“ ist in vielen Häusern ein Thema, ist Kunstvermittlerin Nadja Al-Masri überzeugt. Als sie unter diesem Titel für das Salzburg Museum ein Treffen zum Erfahrungsaustausch organisierte, dachte man zunächst an Museen aus der Region. Eingeladen waren außerdem Experten für Audioführungen, für taktiles Erfassen oder für Leichte Sprache. Dazu Interessenvertreter und Betroffene wie der Blindenverband, die Lebenshilfe oder der Salzburger Gehörlosenverein. Nachdem sogar Museumsgestalter aus Wien, München und Vorarlberg anreisten, war klar, dass bald ein Folgetreffen nötig sein wird.

Vom Ziel der Barrierefreiheit sind Österreichs Museen dennoch weit entfernt. Dazu fehlen schon alleine entsprechende Leitsysteme. Bemerkenswerte Ansätze gibt es aber allemal. So hat das Naturhistorische Museum in Wien einen Pfad für blinde und sehschwache Besucher eingerichtet. An 15 Stationen gibt es Exponate zum Ertasten, darunter die Imitate der Schädel von Frühmenschen, Dinosaurierknochen oder Steinwerkzeuge. Für viel Aufsehen über die Kunstszene hinaus sorgte die Vergabe des Österreichischen Inklusionspreis 2016 an das Salzburg Museum, das für die Landesausstellung Begleittexte in Leichter Sprache erstellte. Das heißt: Die Informationen werden so aufbereitet, dass sie auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder mit nichtdeutscher Muttersprache leichter verstehen können.

Tatsächlich werden die Texte in Leichter Sprache aber von viel mehr Menschen gelesen als erwartet. Das förderte eine wissenschaftliche Studie zu Tage, die ganz allgemein die Wahrnehmungsmuster von Besuchern im Salzburg Museum untersuchte. In Sachen Leichte Sprache gilt das Salzburg Museum heute als Vorreiter in Österreich.

Stationen mit Objekten zum Tasten, Riechen und Hören sind in der Museumslandschaft hingegen Standard. Inklusive Kunst lautet das Schlagwort, das zugleich einen internationalen Trend beschreibt. In der National Gallery in London stanzte man sogar eigens ein Gemälde von Camille Pissarro auf eine Weise in Papier, dass sich wichtige Orientierungspunkte des Bildes ertasten lassen.

Wobei auch Nadja Al-Masri einräumt, dass das Ansprechen verschiedener Sinne in den Museen leicht in Aktionismus ausarten kann. Nicht jede Schublade zum Aufmachen muss gleich eine Riechstation sein, sagt die studierte Kunstwissenschaftlerin und Sonderpädagogin. Bei allen Bemühungen, ein möglichst breites Publikum anzusprechen, dürften Museen nicht zu Erlebnisparks mutieren. Stattdessen braucht es ehrliche Überzeugung in Kunstvermittlung und Museumspädagogik. Das beginnt schon bei der Planung von Ausstellungen. Wenn hier Barrierefreiheit ein Kriterium ist, profitieren am Ende weit mehr als die anvisierten Zielgruppen. Wenn Schaukästen für Rolli-Fahrer tiefer hängen, können auch Kinder besser sehen. Alles, was für Sehbehinderte eingerichtet wird, kommt auch älteren Menschen zugute. Und über den Audioguide fürs Smartphone freut sich die ganze Familie.  

 

Von Georg Wimmer