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Hervorgehoben I

„Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung“

Zuerst spielte er den armen Nachbarn im Salzburger Paradestück Jedermann, nun den Glauben. Schauspieler Johannes Silberschneider erzählt im Apropos-Gespräch, warum ihn die Rolle des Obdachlosen so oft findet, weshalb es keine Trennung von Spiel und Leben gibt und warum es gut ist, dass er Schauspieler statt Priester geworden ist.

Titelinterview mit Johannes Silberschneider
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Was bedeutet für Sie spielerisch?
Johannes Silberschneider:
(denkt nach) Dass man die Dinge annimmt wie ein Kind – mit Staunen. Als ich vor Jahrzehnten zur Aufnahmeprüfung ins Reinhardt-Seminar kam, gab es im Foyer zwei Büsten, über denen jeweils ein Spruch stand. Bei der Büste von Max Reinhardt las ich: „Denken Sie sich, dass Sie einem Orden beigetreten sind. Denn das Schauspiel ist der letzte Schlupfwinkel für all diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen.“ Ich fühlte mich wie erlöst. Denn eigentlich hatte ich immer Priester werden wollen – und bei diesem Spruch verband sich das Spiel mit dem Orden. Dieses Zitat hatte ungefähr bis zu meinem 50. Lebensjahr die totale Wirksamkeit. Bei der anderen Büste stand: „Nicht Verstellung ist die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung.“ Seit meinem 50. Lebensjahr ist das mein wegweisender Satz.

Was spielen Sie gerne abseits der Schauspielerei?
Johannes Silberschneider:
Schallplatten. (lacht) Es gibt für mich keinen Unterschied zwischen Spielen und Leben. Spiel und Ernsthaftigkeit sind die Vorder- und Rückseite des Daseins.

Sie haben in der Wiener Krimi-Serie „Trautmann“ den Sandler Rudi gespielt. Die vergangenen vier Jahre waren Sie der arme Nachbar im „Jedermann“.
Was verbindet Sie mit obdachlosen Menschen?
Johannes Silberschneider:
Ich glaube, solche Rollen finden mich, weil ich sehr viel Sympathie für Außenseiter habe. Ich habe es immer mit den Verlierern gehalten und nicht mit den Siegern. Es ist zudem die viel bessere Perspektive. Auch die Rolle des „armen Nachbarn“ hat mich gefunden. Als ich im Oktober 2013 zum Vorsprechen für den Jedermann eingeladen war, meinten die beiden Regisseure, dass ich sowohl für die Rolle des „armen Nachbarn“ wie auch für die Rolle des „guten Gesellen“ geeignet wäre. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich hatte mich nur auf den „armen Nachbarn“ vorbereitet. Ich habe mir also das Reclam-Heft gekauft, um mir die Szenen des guten Gesellen durchzulesen, und bin anschließend am Kapuzinerberg spazieren gegangen, um zu einer Entscheidung zu finden. Als ich bemerkte, dass die Türme bewohnt waren, spähte ich neugierig hin. Eine Frau kam heraus und als sie mich sah, rief sie in den Turm hinein: „Schau, da ist der vom Kommissar Rex!“ Und zu mir: „Kumm eina zu uns." Ich habe mit dem obdachlosen Paar einen Glühwein getrunken, den es auf einem kleinen Kocher zubereitet hatte. Dann habe ich ihnen noch etwas Geld dort gelassen und mir gedacht: Nun ist es ganz klar, ich muss den armen Nachbarn spielen. Denn das war die Berufung von der Stelle, von der sie herkommt. (lacht) Das Spannende an der Rolle des armen Nachbarn ist genau seine Außenseiterposition. Er steht außerhalb des Geschehens und beobachtet, wie das ganze System zusammenbricht.

Sie haben vier Jahre lang als armer Nachbar das System „Jedermann“ zusammenbrechen sehen, heuer führen Sie die Hauptfigur als Glaube sicher in den Himmel. Der Jedermann ist dabei ein durchaus ambivalentes Stück. Er zockt die anderen Menschen ab, hurt herum, völlert und knechtet andere sein ganzes Leben lang – und als es ans Sterben geht, winselt er und kommt dank der mickrigen guten Werke, die sich für ihn einsetzen – und dank Ihnen, des Glaubens –, dann doch ins Himmelreich. Warum schafft er das so leicht?
Johannes Silberschneider:
(lacht) Das kann der Mensch nicht fassen. Das Entscheidende ist die Barmherzigkeit Gottes. Es ist wie beim Gleichnis des barmherzigen Vaters und des verlorenen Sohnes. Es geht um das verlorene Schaf, dem nachgegangen werden muss. Wenn dieses zurückkommt – sei es der Jedermann, der am Schluss zu Gott findet, oder der verlorene Sohn, der reumütig zum Hof seines Vaters zurückkehrt, nachdem er sein ganzes Erbe verprasst hat und „Papa, nimmst du mich wieder auf“ sagt –, ist die göttliche Ordnung wiederhergestellt. Das ist für uns Menschen oft nicht nachvollziehbar und wird im Gleichnis sehr gut am Bruder aufgezeigt. Während der verlorene Sohn sich sein Erbteil auszahlen lässt und es in einem fremden Land verschwendet, bis er in der Armut landet, bleibt sein Bruder beim Vater und hilft diesem in allem, was nötig ist. Natürlich ist dieser erzürnt, als der Vater den verlotterten Bruder mit offenen Armen aufnimmt und diesem sogar ein Fest richtet. Als er seinen Vater zur Rede stellt, antwortet der: „Dein Bruder war verloren und ist wieder zurückgekommen.“ Genau das ist der springende Punkt. Nicht jene Schafe geht der Hirte suchen, die ohnedies da sind, sondern jene, die sich im Gestrüpp verheddert haben. Das drückt auch der Glaube im Jedermann aus, den ich heuer spiele: „Um der Sünder willen bin ich kommen, der Gsund bedarf keines Arztes dann.“

Wie lässt sich denn Barmherzigkeit auf einer menschlichen Ebene leben?
Johannes Silberschneider:
Es gibt ein weiteres schönes Gleichnis, das dies gut illustriert. Kommt ein Jude zu Jesus und fragt: „Rabbi, was ist das wichtigste Gebot?“ Jesus gibt ihm ein Gleichnis, quasi eine Gleichung mit drei Unbekannten. „Gott mit all deiner Seele zu lieben genauso wie den Nächsten und dich selbst.“ Nun ist die Frage: Wer kennt schon Gott? Wer kennt schon den Nächsten? Wer kennt schon sich selbst? Man kann sich das als Dreieck vorstellen: auf der unteren, irdischen Ebene stehe ich und mir gegenüber ist der Nächste. Den obersten Punkt des Dreiecks, den archimedischen Punkt außerhalb der menschlichen Bezugsebene, bildet Gott auf der kosmischen Ebene. In der Physik heißt es ja: Ein Körper steht nur dann fest, wenn er auf drei Punkten ruht. Wenn du sagst, ich lebe nur mit Gott, fehlt der dritte Punkt – in diesem Fall der Nächste. Wenn du nur in Bezug auf den Nächsten lebst, ist es dasselbe – du bist auf derselben Ebene gebunden und dir fehlt die göttliche Dimension. Sobald sich aber alle drei Punkte aufeinander zubewegen, entsteht eine dritte Dimension, in der sich der Glaube und die Barmherzigkeit befinden.

Seit Jahrzehnten ist der Jedermann der volle Publikumsmagnet.
Was fasziniert die Menschen daran?
Johannes Silberschneider:
Der Jedermann ist sehr klug gebaut. Im zweiten Teil kommen all die Probleme in größerer allegorischer Bedeutung wieder, die der Hauptfigur im ersten Teil noch in menschlicher Gestalt begegnen. So spiegelt etwa der Mammon im zweiten Teil den armen Nachbarn des ersten Teils, der Glaube greift die Gestalt von Jedermanns Mutter im ersten Teil auf, die ihn zum Glauben ermahnt. Der Auftritt des Todes erfolgt genau in der Mitte des Stückes –  aus der Tiefe des Domes tritt er heraus und an Jedermann heran. Wo am Anfang Geselligkeit herrscht, dominiert ab der zweiten Hälfte die Einsamkeit.
Es gibt im Theaterkanon des 20. Jahrhunderts zwei Stücke, die im Grunde genommen weltliche Lithurgien sind. Zum einen ist das nach dem Esten Weltkrieg der „Jedermann“ und zum anderen ist es „Warten auf Godot“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Jedes Mal, wenn sie gespielt werden, passiert etwas mit dem Publikum. Ich glaube, es ist wie eine weltliche Messe. Erzbischof Ignatius Rieder hat 1920 zu Max Reinhardt gesagt: „Ich glaube, diese Aufführung bewirkt mehr als hundert gute Predigten.“

Wenn Sie die Wahl haben: Spielen Sie lieber mit Kindern oder mit Erwachsenen?
Johannes Silberschneider:
Es gibt ja den Spruch, dass man mit Kindern und Tieren nicht auf die Bühne treten soll, weil sie einem die Show stehlen. (schmunzelt) Ich verstehe eigentlich nicht, warum. Auf der Bühne geht es darum, dass man aufrichtig miteinander kommuniziert – egal, ob es sich um Kinder oder Erwachsene handelt. Ich glaube, dass es im Theater wie im echten Leben ist: Wenn die Richtigen an der richtigen Stelle stehen, fließt das Stück. Schwierig wird es, wenn man sich gegen die Rolle und ihre Aufgaben stellt.

Was meinen Sie damit, sich gegen die Rolle zu stellen?
Johannes Silberschneider:
Es gibt verschiedene Zugänge zur Schauspielerei. Ich vertrete die Medium-Theorie. Du bist nur ein Mittler-Medium zwischen Dichter und Publikum – und in Dienst genommen für eine höhere Sache, die dir nicht immer bewusst ist. Bei der Dichtung geht es darum, dass du dich zur Verfügung stellst, möglichst ohne Widerstand. Schwierig wird es, wenn jemand rollenmäßig an einer Stelle stehen will, wo er überhaupt nicht hingehört. Dann wird die gesamte Ensemblekraft verwendet, diese Rolle an der falschen Position zu halten. Und vor lauter Mühe geht damit das Spielen und die Leichtigkeit verloren. Da fließt die Energie in die falsche Richtung und das spürt natürlich auch das Publikum.

Einen eigenen Standpunkt als Schauspieler einzunehmen ist also hinderlich?
Johannes Silberschneider:
Einen einzigen Standpunkt zu vertreten ist immer etwas Gefährliches, weil man die Auswirkungen nicht sieht. Ich glaube, das ist dem Menschen verloren gegangen – dieselben Dinge aus verschiedenen Positionen anzuschauen. Das wäre aber sein Heil und würde ihn beflügeln. Wenn man beispielsweise als Zuschauer in der ersten Reihe vor der Bühne des Festspielhauses sitzt, hat man einen anderen Blickwinkel auf das Bühnengeschehen als der Feuerwehrmann hinten am letzten Platz. Je nach Perspektive wird das Große klein und das Kleine groß. Und gleichzeitig liegt beides nah beieinander. Das lässt sich sowohl auf die Theaterarbeit wie auch auf das Leben übertragen: Je nachdem, wo du stehst, siehst du die Dinge groß oder klein.

Was reizt Sie mehr – das Große oder das Kleine?
Johannes Silberschneider:
Bei Theaterproduktionen hätte ich schon längst Regie gemacht, wenn mich die Größe der Bühne nicht irritieren würde. Seit drei Jahren spreche ich Hörspiele ein – und bin sehr erfüllt von diesem intimen Schöpfungsakt. Im Rundfunkstudio ist alles auf das Wesentliche reduziert: eine kleine Lampe spendet Licht, der Text liegt vor dir und du bist völlig konzentriert auf das, was du sprichst. Da habe ich das Gefühl, ein wahres Mittlermedium zwischen dem Dichter und dem Publikum zu sein. Das ist wie Ministrieren bei einer stillen Messe um sechs Uhr morgens mit wenigen Leuten im Kirchenschiff und dem Pfarrer.

Ein ungewöhnlicher Vergleich: Hörspiel und Ministrieren ...
Johannes Silberschneider:
Als Kind half mir das frühmorgendliche Ministrieren, meine Furcht vor der Schule zu lindern. Ich ging noch im Finsteren zur Kirche: Der Kirchenraum war hoch, nur die Kerzen brannten und es wurde in Latein geredet. Das war für mich erhebend und erlösend zugleich, weil man sich in den Dienst genommen fühlte von etwas, das größer ist als man selbst. Es ist ein Dienst, bei dem man dem Pfarrer zureicht und den Gottesdienst mitgestaltet, indem man mitbetet und dadurch die Konzentration mitlenkt und ver-
stärkt. Daher habe ich mir immer gedacht: Ich will Pfarrer werden! Das kann ich, da bin ich aufgehoben in einer Gemeinschaft als Ordenspriester, du brauchst keine Wohnung einrichten, du musst nicht heiraten ... Dass die weltlichen Dinge von dir abfallen, habe ich mir damals als sehr erlösend vorgestellt. Aber es ist anders gekommen. Das war auch gut, denn als Priester wäre ich damals wohl zu weltunerfahren gewesen.

Inwiefern hätten Sie als Priester versagt?
Johannes Silberschneider:
Als ich mit der Schauspielerei begann, spielte ich bei einer Volkstheater-Produktion in den Wiener Außenbezirken einen Monat lang in Häusern der Begegnung, die von der Gewerkschaft gefördert wurden. Es war ein Stück von Ludwig Anzengruber. Ich spielte damals einen unerfahrenen Bettelmönch und Julia Gschnitzer eine Bäuerin, die geschieden und wiederverheiratet war. Als Bettelmönch habe ich ihr daher die Absolution verweigert, als sie bei mir beichten wollte – und dadurch ein Drama in Gang gesetzt, das furchtbar endete. Als wir das Stück im psychiatrischen Krankenhaus Steinhof aufführten, riss sich einer der Patienten los und stürmte auf die Bühne – er hat sofort erkannt, dass ich unmenschlich handle. In diesem Moment war mir klar: Genau deswegen wärst du damals als Priester ungeeignet gewesen. Du hättest nichts vom Menschen gewusst und von ihren Nöten und deiner Verantwortung für sie.

Was wissen Sie jetzt vom Menschen?
Johannes Silberschneider:
Ich glaube, es gibt wenige Berufe in der heutigen Welt, die sich so stark mit Menschen-Verständnis und Menschen an sich auseinandersetzen und gleichzeitig so subversiv damit umgehen können wie die Schauspielerei. Früher waren das wirklich nur der Priester und der Arzt. Heute ist es aufgeteilt auf mehrere Berufe – Psychotherapeuten, Seelsorger oder eben Schauspieler. Emotionale Bindungen und menschlicher Zusammenhalt werden durch die Art und Weise, wie wir leben, zunehmend gekappt. Unser Zusammenleben fühlt sich an, wie wenn in der sozialen Kette zwei Leute herausgerissen werden – somit kann der Eimer nicht mehr an den nächsten weitergereicht werden. Stattdessen wird etwas anderes – Künstliches – an die Stelle gesetzt: Werbung, Konsum, Süchte. Es ist alles auf Zerstreuung angelegt und nicht auf Sammlung und das ist der Kriegszustand unserer Seele. Alle handwerklichen Tätigkeiten wie etwa das Schreiben mit der Hand, die viel mit der menschlichen Selbsterfahrung und Selbsterfassung zu tun haben, werden aus unserem Leben verdrängt. Aber genau dieses Erfassen der Welt mit all unseren Sinnen würde weitaus mehr zur inneren Sammlung beitragen.

Welche Rollen sind Ihre Herzensrollen?
Johannes Silberschneider:
Immer die Rollen, die ich bekommen habe (lacht). In meinen frühen Filmrollen habe ich jugendliche Pubertäts-Melancholiker gespielt und zur selben Zeit im Theater fast ausschließlich alte Menschen. Das Junge und das Alte zugleich – wie bei den theatralischen Masken der Komödie und der Tragödie, die als zwei Seiten einer Medaille zusammengehören. Ich glaube, jede Rolle, die du bekommst, ist eine Aufgabe. Und zwar eine Lebensaufgabe, nämlich die, die gerade ansteht. Und Rollen, die man ablehnt, die bekommt man später schwieriger nochmals gestellt.

Das heißt, Sie nehmen jede Rolle an?
Johannes Silberschneider:
Ich versuche es, außer es geht sich terminlich nicht aus. Eigentlich ist man immer nur beglückt, wenn man etwas erfüllt. Das ist wie mit dem Spruch „Geben ist seliger denn Nehmen". Und Zusagen ist besser wie Absagen.

Es gibt also keinen roten Faden, der sich durch Ihre Rollen zieht?
Johannes Silberschneider:
Doch, einen Lebensaufgaben-Faden. Du webst an einem Teppich. Wenn du die Fäden vorher abschneidest, wird es kein Teppich  – oder das Muster nicht schön.