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Sag mir, wie Du trauerst...

Im Umgang mit Tod und Trauer zeigt jede Gesellschaft ihr wahres Gesicht

Claudia Jung und ihre beiden Schwestern sind Bestattungsunter- nehmerinnen in fünfter Generation. Seit 1890 betreut die Familie Trauernde, organisiert Begräbnisse und nahezu alles, was für eine würdige Verabschiedung eines Menschen notwendig ist. „In unserer Branche gibt es viele Familienbetriebe, die Unternehmen werden weitergegeben und das ist auch gut so“, sagt Claudia Jung, „denn der Beruf erfordert sehr viel Erfahrung und Einfühlungsvermögen“. Bestatter ist kein Lehrberuf, man lernt ausschließlich im Unternehmen.„Vor allem den Umgang mit Menschen, die komplett aus der Bahn geworfen sind, und das in einer Situation, wo es sehr viel zu organisieren und zu entscheiden gibt.“

Die Trauer und Fassungslosigkeit ihrer Kunden ist auch für Claudia Jung mitunter sehr belastend. „Nicht jeder hält den dauernden Umgang mit dem Sterben aus, schon gar nicht die Konfrontation mit puren menschlichen Katastrophen.“ Sie selbst sieht an ihrem Beruf aber auch schöne Seiten. „Du begleitest eine Familie für ein, zwei oder drei Wochen. Du kannst mithelfen, dass sie wieder Boden unter den Füßen gewinnen, bringst ein zusammenführendes Bild in eine Familie und die Fähigkeit, alles anzunehmen, wie es gekommen ist. Und du kannst Menschen ein letztes Mal in ihrem irdischen Dasein Würde geben, eine letzte Berührung, ein letztes Angenommensein.“

Hat sich unser Verhältnis zum Tod verändert im Lauf der Jahrzehnte? Die 50-jährige Stadtsalzburgerin, die eigentlich Archäologin hätte werden wollen, beantwortet diese Frage bedacht und differenziert. „Die Tabuisierung des Todes war früher sicher massiver.“ Mittlerweile werde die Gesellschaft offener, auch dank vieler Institutionen, die das Thema ansprechen und bearbeiten, etwa Palliativund Hospizgruppen. Auch Psychologen und Selbsthilfegruppen widmen sich sehr offen dem Tod und der Trauer. „Vor allem junge Menschen gehen bewusster und offener an das Thema heran. Als ich Teenager war, empfanden meine Altersgenossen den Beruf unserer Familie als schaurig, die Freunde unserer Kinder finden ihn interessant.“

Verändert, so Claudia Jung, habe sich aber nicht nur der Umgang mit dem Tod, sondern auch jener mit den Toten. Oder besser gesagt: Das Verhältnis zwischen den Angehörigen und den Toten. „Es gibt Kunden, die planen für sich ganz einfache, schlichte, fast lieblose Verabschiedungsformen. Aber nicht, weil sie es selbst unbedingt so wollen, sondern weil sie ihren Nachkommen nicht zur Last fallen möchten.“ Keine Grabpflege, wenig Kosten, keine Verpflichtungen. Man will den Kindern und Enkeln Belastungen ersparen – Pflegefall war man ohnehin lang genug. So in etwa lautet ein Motto unserer Zeit.

Herzensbindungen und Zusammenhalt, Konflikte und Unaufgearbeitetes. Am Gesprächstisch des Bestatters legt manche Familie den Offenbarungseid ab. „Ja, bei uns spielt sich’s schon auch heftig ab“, sagt Claudia Jung. „Anders als beim Notar, dort geht es ums Materielle, bei uns ums Emotionale, um viel Unausgesprochenes.“ Der Tod hilft dabei. Er zwingt die Familie förmlich an einen Tisch und zu einem gemeinsamen Termin. Er bringt sie an einen Platz, zu einem Gedanken und rückt Prioritäten zurecht. „An einem solchen Prozess des Sich-Findens mitarbeiten zu können, wie ein Mediator“, hat für Claudia Jung viel Schönes. Vieles, was das Leben anhäuft, könne der Tod aufarbeiten, „wenn wir ihm Platz geben und Trauerkultur zulassen.“
Auch sie sei ein Gradmesser für die Qualität jeder Gesellschaft.    

 

Von Wilhelm Ortmayr