Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Schreibwerkstatt Archiv

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.


 

 

Unsere Erinnerungen

 

Georg: Wenn ich so über meine Vergangenheit nachdenke, so denke ich gerne an meine Kindheit. Als kleinster von sechs Geschwistern hat man ja ein ziemlich aufregendes Leben und als ich zehn Jahre alt war, bekam ich noch eine Schwester, und es war Geschwisterliebe auf den ersten Blick. Heute ist sie eine erwachsene Frau, verheiratet und hat drei Kinder. Und jedes Mal wenn ich sie treffe, denk’ ich immer gerne an unsere Kindheit zurück. Später bin ich dann nach Salzburg gekommen und habe auf der Straße gelebt. Der Grund war meine Alkoholsucht und die Neugier auf ein anderes Leben. Das war ein Lebensabschnitt, auf den ich sicher nicht stolz bin, aber aus heutiger Sicht war es sehr lehrreich für mich. Genauso wie die lange Haftstrafe, die ich später gemacht habe, weil mich die Zeit in meine Schranken gewiesen hat. Es gibt viele Menschen, die in ihrer Vergangenheit negativ hängen geblieben sind mit ihren Gedanken – das spüren die Mitmenschen und das strahlt man dann auch aus. Ich denke gern zurück und ich unterhalte mich gerne mit meiner Frau darüber. Das Interessante daran ist: wenn ich ihr was erzähle, was ich so gemacht habe, dann fällt mir manchmal selber auf, warum ich das gemacht habe. Das ist einem ja nicht immer gleich bewusst. Für mich persönlich ist es gut, wenn ich zu meiner Frau sage: „Weißt du noch ...“, weil es für mich wie eine Analyse meines Lebens ist – und da kann man nur dazulernen. Daher will ich gar nicht vergessen, was in meinem Leben war und ist. Ich versuche mein Leben positiv zu meistern. Was einen Menschen ausmacht, ist die Summe seiner Taten und Erfahrungen. Nun übergebe ich das Wort meiner Frau ...

Susanne: Ich erinnere mich gerne daran, wie ich mit sechs Jahren mit meinem Pflegevater in die Schweiz nach Winterthur fuhr und ich dann eine Mittelohrenentzündung und schreckliches Heimweh nach meiner Mutter hatte. Meine Schwestern kümmerten sich rührend um mich und ich erlebte sehr viele Ausflüge, wie zum Beispiel nach Rappersvill in den Zoo oder zum Hüttwillersee oder zum Äschenberg. Da war ein herrlicher Wildpark und ein großer Spielplatz und als ich wieder heimkam, da war ich so braun, da fragten mich alle, ob ich in Afrika war. Und ich sagte: „Nein, in der Schweiz.“ Ich denke auch oft an die Nachbarskinder, wie wir alle gemeinsam lustige Spiele machten und uns jeden Tag trafen. Es ist immer wichtig, wenn man an etwas zurückdenkt, was man so erlebt hat. Ich schaue mir öfters Fotos an. Es sind immer schöne Momente. Man soll immer an die schönen Momente und Dinge denken, die man im Leben hatte. Leider verlieren sich die Kontakte, die man in der Kindheit hatte. Ich hatte zum Beispiel eine Freundin, die damals mit mir im selben Haus lebte und heute Mutter ist. Leider haben wir keinen Kontakt mehr, das macht einen schon traurig.  

 

Georg und Susanne, November-Ausgabe 2007

 

Mehr aus dem Leben unserer Verkäuferinnen und Verkäufer und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen erfahren Sie im aktuellen Apropos.