Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Schriftstellerin trifft Verkäufer

Zwischen (den) Welten

von Franziska Lipp

Das Café Johann am Bahnhof. Ein Ort, an dem alles in Bewegung ist. Menschen kommen und gehen. Sind auf Reisen, im Aufbruch. Hier treffe ich Florina (39) und Ion (42). Das Reisen gehört auch zu ihrem Leben: Mehrmals im Jahr legen sie die 1.300 Kilometer lange Strecke zwischen dem rumänischen Dorf Tițeşti und der Mozartstadt Salzburg zurück.
Mozart? Als Ion vor sechs Jahren das erste Mal in die Stadt kam, hatte er noch nie zuvor von Mozart gehört. Ion hat keine Schule besucht: Er kann weder lesen noch schreiben. Auch wenn er das Geld hätte, könnte Ion sich hier am Bahnhof keinen Zug nach Hause raussuchen. Abgesehen davon reisen Florina und Ion nicht mit der Bahn. Haben sie noch nie getan. Sie fahren mit, wo und wenn sich die Gelegenheit bietet. Und sie wirken auch nicht wie Reisende. Eher wie gestrandet. In einer Welt, die nicht die ihre ist.
Aber die sie gerne Heimat nennen würden. Was allerdings nicht geht. Denn als Analphabet rutscht man an den Rand der Gesellschaft, ist Außenseiter und offenbar zu nichts nutze: Hier wie dort. Leistung zählt und nicht der Mensch. In diesem Leben scheinen Florina und Ion keinen Wunsch frei zu haben. Und das Reisen haben sie sich nicht ausgesucht. Sie tun es aus nackter Angst davor, dort, wo sie eigentlich zuhause sind, zu verhungern.
So who the f*ck is Mozart?
Der Trubel um sie herum scheint die beiden nicht zu stören. Eher das Pferd auf der Speisekarte. „Isst man hier Pferdefleisch?“, fragt Florina mit einer Mischung aus Verstörtheit und Belustigung. Ich verneine. Sie wirkt beruhigt, nippt an ihrer Fanta. Dabei hat Florina Diabetes.
Süßes darf sie eigentlich nicht.
Verstörend und dennoch immer wieder lustig: So wird sich auch unser Gespräch gestalten. Mit meinen Fragen offenbare ich meine Herkunft, mein unbeschwertes Leben. Die beiden lassen sich auf diese Leichtigkeit ein, auch wenn es nicht das vorherrschende Gefühl in ihrem Leben ist. Dennoch guckt Ion verschmitzt, als ich ihn auf sein Tattoo auf dem Handrücken anspreche („Mein eigener Name in Kurzform, schon als Kind selbst gestochen“). Florina schaut belustigt, als ich sie nach den schlechtesten Eigenschaften ihres Mannes frage („Er ist immer brav, weil er weiß, dass ich krank bin“). Auf die Frage, ob Ion es bereue, dass er als Kind nicht zur Schule gegangen sei, wird er ernst. Ich verstehe kein Rumänisch, kann aber das nachdrücklich ausgesprochene „foarte, foarte, foarte“ deuten. Er bereut es sehr, sehr, sehr! Denn, so sagt er: „Ich gehe wie ein Blinder durchs Leben.“

Florina besuchte sieben Jahre die Schule. Arbeit fand sie wie Ion, den sie schon mit 19 Jahren heiratete, in dem ehemaligen Dacia-Werk unweit ihres Dorfes. Mit den Umbrüchen in den 1990er Jahren wurden Hilfsarbeiter und Roma zuerst entlassen und Ion zog fortan als Tagelöhner von Bauernhof zu Bauernhof. Gegen Kost, Logis und wenig Geld half er auf dem Feld, im Wald und bei der Ernte. Während er wochenlang unterwegs war, blieb Florina bei den vier Kindern Florin, Bianca, Cristina und Vamdame in dem kleinen Haus ihrer Schwiegereltern, in dem die ganze Familie in einem einzigen Zimmer lebt. Wo ist denn da, bitteschön, Platz für Betten für … sechs, sieben, acht Leute? „Wir haben keine Betten“, erklärt mir Ion. „Wir schlafen auf dem Boden. Naja, Pritschen auf Holzpfählen.“
Ion und Florina gehören in Rumänien zu den Ärmsten der Armen. Dennoch beginnt Florinas Gesicht bei der Frage, wie es dort aussieht, zum ersten Mal zu strahlen. „Es ist das schönste Land der Welt“, beteuert sie. „Du musst mal dort Ferien machen.“ Jetzt bin ich belustigt. Auf die Frage, ob sie also lieber dort leben würden als zwischen Țițeşti und Salzburg zu pendeln, antwortet Ion mit starker Stimme: „Nein! Denn in Rumänien würden wir verhungern.“ Außerdem mag er Salzburg und die schönen Parks.

Vieles von dem, was die beiden erzählen, ist verstörend: Rumänien ist seit 2007 EU-Mitglied und eines der ärmsten Länder in der Gemeinschaft. Die Politik lässt seine Bürger im Stich: Krankenversicherung oder Sozialhilfe? Fehlanzeige! Die Korruption nimmt im gleichen Maße zu, wie die Einkommensschere auseinanderdriftet. Florina und Ions einziger Besitz ist die Hütte mit einem Zimmer und ohne Betten. Ach ja, und ohne Dach. Wer soll das bezahlen? Vom Staat bekamen sie Kindergeld: Davon haben sie gelebt. Als der jüngste Sohn alt genug war, war auch das vorbei. Ohne Bildung, ohne Beruf, ohne Chancen. Die eigenen Kinder haben sie allerdings auf die Schule geschickt: Mit dem Elend sollte Schluss sein. Doch die Chancen für die nächste Generation stehen nicht besser: Auch Schwiegersohn Paul und Tochter Bianca sind samt vierjährigem Sohn mittellos – und in Salzburg. Der kleine Nikolaus David ist ein lebendiges Kind und macht Ion und Florina sehr stolz: Die Familie ist das Einzige, was sie haben. Und den Glauben an Gott. Selten, viel zu selten gehen sie in die Kirche. Das Gebet begleitet sie dennoch bei jedem Schritt. Ein kleiner Satz nur, den Florina wie ein Mantra murmelt: „Herr, hilf!“

Nach einer Stunde Gespräch wirkt Florina angeschlagen. Sie sitzt eingesunken auf der Bank, das Fanta ausgetrunken. Sie reibt sich mit der Handfläche das Gesicht. Ihre schönen blauen Augen sind rot vor Müdigkeit. Florina ist drei Jahre jünger als ich, vierfache Mutter und zweifache Großmutter. Ion nickt ihr aufmunternd zu. Ich frage sie, wo sie heute schlafen werden. Man wünscht den zweien ein warmes Abendessen, eine warme Dusche und ein warmes Bett. Nichts von dem wird eintreffen: Nach vier Tagen in der Notschlafstelle müssen sie sich noch heute ein neues Quartier für die Nacht suchen. Eine feuchte, harte Bank wird es werden. In einem der schönen Salzburger Parks. Die letzten Tage waren relativ warm, doch der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. Dennoch wird Florina am nächsten Morgen wieder in der Alpenstraße stehen, um die Straßenzeitung zu verkaufen. Und Ion wird seinen Stammplatz in der Linzer Gasse beziehen.

An Weihnachten wollen die beiden mit der Familie nach Hause fahren. Schnee fällt auch in Țițeşti. Vielleicht sogar schon zu Weihnachten. Vielleicht schlachten sie ein Schwein. Eine ganz besondere Tradition und ein kaum leistbarer Luxus für die Familie. Dazu gibt es Krautwickler. Die Aussicht beruhigt mich ein bisschen. Vielleicht gibt es bis dahin sogar schon ein Dach auf dem Zimmer. Es ist die Sehnsucht nach einer heileren Welt, die mich packt. Wenigstens an Weihnachten!

Bevor wir uns verabschieden, holt Florina das Päckchen mit ihren Diabetes-Tabletten aus der Tasche. Unentschlossen hält sie es in der Hand, steckt es dann wieder ein. Ich schaue sie fragend an. „Ich sollte täglich drei nehmen. Aber ich nehme lieber nur zwei“, erklärt sie mir. „Damit spare ich und komme länger aus.“ Ich drücke ihr die Hand zum Abschied und hoffe, dass diese gefährliche Rechnung aufgeht. „Herr, hilf!“, murmele ich. „Sofern es dich wirklich gibt.“


*) Wenige Wochen nach dem Interview erzählte Ion unserer Autorin bei einem zufälligen Treffen, dass ihre kleine Hütte in Rumänien durch eine Unachtsamkeit abgebrannt sei. Von dem wenigen, das die Familie besaß, blieb so gut wie nichts.