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Von Stehaufmanderln und -frauen

Nicht genug, dass sie nach einer Krise wieder aufgestanden sind. Durch ihr Beispiel geben sie auch anderen Menschen Hoffnung: die Rede ist von sozialen Stadtführerinnen und Stadführern aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Sie geben bei ihren Stadtspaziergängen nicht nur Persönliches preis, sondern informieren über hilfreiche Einrichtungen und erzählen, wie sie aus der Not eine Tugend gemacht haben.

VERANSTALTER: SUPERTRAMPS
TITEL DER STADTFÜHRUNG: SUPERTRAMPS Es gibt immer einen Weg!
ORT: Wien
SEIT: 2015
ANZAHL DER STADTFÜHRER: 6
WEB: supertramps.at/touren/



von Renate:
1. Was war der größte Umbruch?
Ich hatte mehrere Umbrüche, aber der größte war, wie meine Großmutter und meine Familie mit dem Jugendamt mir meinen Sohn weggenommen haben. Ich habe lange gekämpft, dass ich meinen Sohn wiederbekomme, doch ich hatte keine Chance. Weil ich zu jung war und weil meine Großmutter viele Intrigen gegen mich geschmiedet hat.

2. Was hat dir geholfen, das Beste aus deiner Situation zu machen?
Ich hatte Freunde, die zwar nicht wussten, dass ich auf der Straße lebe, die mir aber immer geholfen haben und die mich immer aufgebaut haben, wenn ich wieder mal seelisch am Boden war. Auch meine Gelegenheitsjobs, die ich zwischendurch hatte, haben mir geholfen.

3. Welches Talent hast du dabei entwickelt?
Ich habe gelernt, ein Stehaufmanderl des Lebens zu werden.

4. Welche innere Stärke hat dir geholfen?
Meine Stärke ist zugleich meine Schwäche. Ich habe gelernt, schlimme Dinge einfach wegzuschieben und abzublocken.

5. Welcher Spruch, welches Zitat ist dir wichtig im Leben?
Wenn du am Boden liegst, gib nicht auf, steh auf und kämpfe weiter: Es kann nur noch besser werden.


von Sandra:

Der größte Einschnitt in meinem Leben war, als meine Mama mir sagte, dass sie sterben muss, weil sie Lungenkrebs hat und man nichts mehr machen kann. Bis zu diesem Moment dachte ich, dass ich mit beiden Beinen fest im Leben stehe und mich nichts mehr erschüttern kann. Doch ich habe mich getäuscht. Ganz im Gegenteil, es zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte kein leichtes Leben, wuchs in Heimen auf und auch als Erwachsene lebte ich nicht auf der Sonnenseite. Also konnte es doch nicht schlimmer kommen. Jetzt weiß ich, dass der Tod eines geliebten Menschen einen aus der Bahn werfen kann. Durch diesen Schicksalsschlag verlor ich alles. Mein damaliger Freund ließ mich hängen und meldete sich nicht mehr bei mir. Ich verließ wochenlang nicht meine Wohnung und vergrub mich in meiner endlosen Trauer um meine „Mamale“. Dadurch verlor ich auch meine Wohnung, da ich mich um nichts mehr kümmerte. Daraufhin war ich fast vier Jahre obdachlos, aber niemand wusste davon, denn ich lebte in versteckter Obdachlosigkeit. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr, alle zu belügen, und suchte mir Hilfe. Seit März 2017 wohne ich in einem Übergangswohnheim vom Neunerhaus und versuche mein Leben zu ordnen und wieder normal zu leben.



von Ferdinand:
Nun, sowohl meine Mutter wie auch mein Vater starben an einem 25. Dezember. Ich pflegte meinen Vater daheim und einmal fand ich ihn allerdings so gut wie tot beim Heimkommen. Bis heute hängt es mir nach: Ob er bei frühzeitiger Erkennung von Problemen noch leben könnte? Nach einer relativ guten Beschäftigung ließ ich mich auf einen „temporären“ Job ein. Hiedurch reduzierte sich letztlich die AMS-Berechnung um beinahe 50 Prozent. Klarerweise war der Schritt in die Obdachlosigkeit einschneidend, doch in der Nachbetrachtung nicht das Wesentliche. Aufgrund des Verlustes meiner direkten Familie – Mutter, Vater, Bruder inklusive Familie – fühlte ich mich lange Zeit alleine und verlassen. Kurioserweise wählte ein Paar eine Supertramp-Stadtführung als Gelegenheit sich zu verloben, weil dies „Familie“ sei. Angesichts meiner Verluste war dies zweifelsfrei eines der schönsten Ereignisse meines Lebens!


von Florian:
Der einschneidendste Umbruch in meinem Leben setzte sich aus einer Verkettung mehrerer Ereignisse zusammen. Zuerst kämpfte ich mich aus dem Nichts in das Leben, wie ich es mir gewünscht hatte, und war damit sehr glücklich. Nur leider nicht für lange Zeit. Denn als ich mir endlich alles schwer erarbeitet hatte, dauerte es kaum ein Jahr und alles war wieder dahin. Grund dafür war zuerst ein schwerer Motorradunfall, welcher mich fast meine Beine gekostet hatte. Durch die darauf folgende Arbeitsunfähigkeit war auch das Einkommen weg. Ja, und als das Geld weg war, waren auch Frau und Kind dahin. Das war der Moment, an dem ich aufgegeben habe und in das tiefste Loch „ever“ gefallen bin. Damals wollte ich tatsächlich mein Dasein auf dieser Welt beenden. Der einzige Grund, warum ich es damals nicht getan habe, war der Gedanke an meinen kleinen Buben. Ich wollte nicht, dass dies das Letzte ist, was er von seinem Vater sieht. Es hat lange gedauert, bis ich aus diesem Loch gekommen bin und gelernt habe Hilfe anzunehmen. Aber mit viel Willenskraft und Unterstützung kletterte ich dann doch aus meinem Loch heraus und steuere nun zielstrebig wieder auf ein normales Leben zu. Egal, wie mies eine Erfahrung auch sein mag, man kann jede für sich nutzen.

 


VERANSTALTER: STRASSENKREUZER – STRASSENMAGAZIN
TITEL DER STADTFÜHRUNG: Schichtwechsel
ORT: in Nürnberg Süd, West, Mitte, Nord
SEIT: Juni 2008
ANZAHL DER STADTFÜHRER: 3 und einer in Ausbildung
WEB: www.strassenkreuzer.info


von Thomas Kraft:
Als Twen war ich der Nabel der Welt, unverwundbar, bereit, die Welt zu verändern. Ich bin an den Leitplanken der Gesellschaft gescheitert. Geläutert ging es dann um Status und Geld bis der Klassiker mich ereilte – Trennung vom Lebenspartner, was ich nicht verkraftete. Überheblichkeit, gepaart mit falschem Stolz läuteten eine unaufhaltsame Abwärtsspirale ein. Ganz unten angelangt, gelang mir mit Hilfe eines Sozialarbeiters der Heilsarmee ein Start in ein neues Leben. Nun verändere ich tatsächlich positiv die Welt – in meinem sozialen Umfeld durch mein Vorleben und Handeln – und das besteht unter anderem aus einem ehrlichen Lächeln.



VERANSTALTER: STRASSENMAGAZIN SURPRISE
TITEL DER STADTFÜHRUNG: Die sozialen Stadtrundgänge
ORT: Zürich, Basel, Bern
SEIT: Oktober 2014
ANZAHL DER STADTFÜHRER: 6
WEB: www.surprise.ngo/angebote/stadtrundgang/


von Peter Conrath:
Im Sommer 2004 hatte ich in den Ferien einen Unfall mit der
Vespa. Ich lag danach mit schweren Kopfverletzungen im Spital, war ein Jahr krankgeschrieben und brauchte auch so lange, bis ich körperlich wieder fit war. Das war eine schwierige Zeit. Da ich vor dem Unfall selbständig erwerbend war und keine Taggeldversicherung hatte, ging mir schnell das Geld aus und ich musste mich verschulden. Dies veränderte alles in meinem Leben. Eine große Hilfe in dieser Zeit waren Kollegen, Familie und der Verein Surprise. Der regelmäßige Kontakt zu Familie und Freunden hat mir Mut gemacht. Ich hatte kurze Zeit später wieder eine Arbeitsstelle, war dann aber nicht lange darauf wieder arbeitslos. So kam ich zum Verein Surprise und dem Verkauf des Straßenmagazins. Der damalige Vertriebsleiter war eine große Stütze. Er hat mich motiviert und mir Halt gegeben. In dieser Zeit habe ich eine Willensstärke in mir entdeckt, die ich noch nicht von mir kannte. Sie half mir, nicht aufzugeben. Ich habe gelernt, dass es immer einen Weg gibt, man muss einfach immer weitermachen – gar nicht zu viel studieren, einfach einen Schritt nach dem andern machen.



von Markus Christen:
Ein Leben, das seinen großen Umbruch im Jahr 2012 erfuhr und jetzt wieder in geordneten Bahnen verläuft: Das ist meine Bilanz nach bald fünf Jahren als Stadtführer der Sozialen Stadtrundgänge des Straßenmagazins Surprise in Basel. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit waren mein Selbstvertrauen und mein Selbstwertgefühl am Boden. Ich spürte die gesellschaftliche Ausgrenzung. Die Tätigkeit als Stadtführer und der damit verbundene Erfolg brachten die große Wende. Zum einen entdeckte ich neue, unbekannte Fähigkeiten – Rhetorik, Präsentation – an mir. Zum anderen, und wohl viel wichtiger, ist die Erkenntnis, dass ich in jeder einzelnen der geführten Gruppen innerhalb der zwei Stunden dauernden Führung spürbar etwas bewegen und deren Bewusstsein für die real existierende und auch in der reichen Schweiz steigende Armut schärfen kann. Und ganz besonders wichtig: Trotz materieller Armut fühle ich mich von der Gesellschaft anerkannt. Ich darf an ihr teilhaben. Das hat mich denn auch veranlasst, dieses wichtige Thema – mit all seinen Begleiterscheinungen – in die Politik einzubringen. Heute bin ich deshalb auch im politischen Leben der Stadt Basel aktiv. Das alles ist auch getragen von meiner Frau, welche mich in diesen Zielen und dieser enorm wichtigen Mission vollumfänglich unterstützt!


von Ruedi Kälin:
In meinem Leben gab es mehrere Umbrüche. Der erste war, als ich nach einem Streit mit meiner Mutter von Davos weg und nach Zürich gefahren bin. Schnell hatte ich einen Job und ein Zimmer gefunden. Irgendwann entschloss ich mich, mein Zimmer aufzugeben und auf der Straße zu leben – dies war ein weiterer großer Umbruch. Eine Arbeit hatte ich während dieser Zeit immer. Der nächste große Umbruch kam, als ich nur noch vom Verkauf des Straßenmagazins Surprise zu leben begann. Beim Verkauf sage ich mir immer, es ist nicht entscheidend, was ich am Morgen mache, sondern was ich am Abend zusammenhab. Also lasse ich mich nicht entmutigen, wenn es am Morgen mal nicht so läuft. Die Geduld war immer schon eine meiner Stärken. Auf Leute zugehen kann ich auch gut. So entstehen beim Verkauf gute Gespräche und ich konnte mir über die Jahre eine solide Kundschaft aufbauen.
Was mir immer geholfen hat, sind die Berge und der Davosersee. Sie geben mir Kraft. Auch im Sport finde ich Ausgleich. Der HC Davos ist meine Leidenschaft. Auch selber Sport machen (Fußball, Leichtathletik) hilft mir, aufzutanken.Vor drei Jahren habe ich mit sozialen Stadtrundgängen angefangen. Dadurch habe ich enorm an Selbstsicherheit gewonnen. Ich erzähle gerne über mein Leben. Die gute Freundschaft mit Peter C., ebenfalls Stadtführer, möchte ich nicht mehr missen. Ich bin ehrgeizig und habe gewisse Ziele im Verkauf, die ich erreichen will. Jeden Tag lerne ich etwas dazu. Aber grundsätzlich bin ich einfach zufrieden, dass ich gesund bin und am Morgen aufstehen kann.    


von Hans Peter Meier:
Ich bin 1958 geboren und in meiner Kindheit und Jugendschon viel herumgekommen, was mich mein ganzes Leben begleitet hat. Seit November 2008 verkaufe ich das Straßenmagazin Surprise. Gelernt habe ich Fotound Kino-Verkäufer, hab nach kurzer Zeit in den IT-Bereich gewechselt und mit viel Weiterbildung auch anspruchsvolle Jobs bekommen. In dieser Zeit begann mein Alkoholkonsum kontinuierlich zu steigen. Im Jahr 2003 verlor ich den letzten IT-Job wegen einer Reorganisation. Nach neun Monaten Ferien lebte ich für 11⁄2 Jahre auf der Gasse. In dieser Zeit übernahm ich viele Gelegenheitsarbeiten. In der Folge war ich in vielen sozialen Institutionen zuhause. Im Dezember 2011 beschloss ich das Trinken aufzugeben. Von einem Tag auf den andern bin ich auf null zurückgefahren. Im Oktober 2014 begann ich Soziale Stadtrundgänge zu machen. Das gab mir sehr viel Selbstvertrauen und Kraft. Heute kann ich mir auch regelmäßig Ferien leisten. Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, mein Leben selbst zu finanzieren.