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Ein Armutsforscher erzählt

Wer hinfällt, ist nicht automatisch selber schuld. Denn ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Jeder Mensch kann in die Lage geraten, arbeitslos, krank oder auch obdachlos zu werden. Armutsforscher und Sozialethiker Helmut P. Gaisbauer erzählt im Apropos-Interview über falsche Vorurteile, eigene Erfahrungen und die Wohltat helfender Hände.

Titelinterview mit Helmut P. Gaisbauer
von Chefredakteurin Michaela Gründler

 

Wann sind Sie in Ihrem Leben hingefallen und wieder aufgestanden?
Helmut P. Gaisbauer:
Das vermutlich kritischste Hinfallen in meinem Leben war, als ich überraschend einen Folgejob an der Universität nicht bekommen habe und daher arbeitslos geworden bin, nur mit einem akademischen Minijob in der Tasche. In dieser Zeit hatte ich als Alleinerhalter einer vierköpfigen Familie schwerste Sorgen, dass unser Leben scheitern könnte.
Aufgerichtet hat mich nach acht Monaten eine ebenso unerwartet auftauchende Perspektive auf eine akademische Anstellung am Zentrum für Ethik und Armutsforschung, die ich mehreren Fürsprechern und Unterstützern zu danken habe, ohne dass ich bis heute sicher bin, wer aller genau sich für mich verwendet hat.
Da bin ich neben den mir bekannten Hauptakteuren sicherheitshalber noch mehreren Menschen sehr dankbar, es wird schon die richtigen treffen.

Welche Fähigkeiten brauchen Menschen in Krisensituationen, um wieder Tritt und Fuß zu fassen?
Helmut P. Gaisbauer:
Meinem Gefühl nach benötigen Menschen in Krisensituationen Mitfühler/innen, Mutmacher/innen und Türöffner/ innen. In einer Krise brauchen wir stärkende Begleitung, die unser Zutrauen in die eigenen Kräfte und Fähigkeiten wieder zur Geltung bringt. Und gute Gelegenheiten und Chancen, diese Ressourcen so zu nutzen, dass wir das nötige Selbstvertrauen wiedererlangen. Krisen gehen mit einem erhöhten Gefühl der Verwundbarkeit einher.
Um wieder Tritt und Fuß fassen zu können, müssen Menschen Wege finden, dieses verängstigende, kleinmachende Gefühl ein Stück weit einordnen und relativieren und hinter sich lassen zu können. Dafür braucht es Ziele, die erreichbar (realistisch) und sinnvoll („was ich wirklich will“) sind.

Wenn man hinfällt, steigen Gefühle hoch wie Scham, Wut, Ohnmacht oder auch Resignation. Was hilft in einer solchen Situation am ehesten?
Helmut P. Gaisbauer:
Ich würde frei nach dem „Lieben Augustin“ sagen:
Wieder aufstehen, Richtung aufnehmen und weitergehen – wenn verfügbar, mit oben angesprochener stärkender Begleitung.

Besonders bei Menschen, die obdachlos werden, ist die Scham sehr groß. Weshalb?
Helmut P. Gaisbauer:
Weil Wohnen eine so zentrale zivilisatorische Weise des Daseins ist. Man kann die Bedeutung des Wohnens für unser Dasein in der Welt kaum überschätzen. Greifbar machen kann man diese Bedeutung, indem man an einen prominenten Werbeslogan zurückdenkt: „Wohnst du noch, oder lebst du schon?“ Wenn „wohnst du“ gleichsam die kulturell niedrigere Stufe vor dem verfeinerten Leben in einer schmucken Wohnumgebung ist, dann darf auch die Frage gelten, was vor dem profanen „wohnst du“ steht. Im Sinne des Slogans muss man sagen: eine unaussprechliche Existenzform.
Obdachlose Menschen stehen im Sinne zivilisatorischer Grundwerte ganz im Abseits, im Draußen. Sie dürfen, so unsere Normenwelt, auf gar kein Recht der Zugehörigkeit mehr pochen.
Und so werden obdachlose Menschen auch bei uns immer wieder „beamtshandelt“ – etwa in Innsbruck, wo im Oktober letzten Jahres ein Nächtigungsverbot in zentralen Passagen der Innenstadt erlassen wurde.
Die Argumentation dabei war, dass die Stadt vor dem Missstand der „Verunreinigung“ geschützt werden muss. Im gesamten Antrag ist von keiner wie auch immer gearteten Hilfe für die zum unbehausten Nächtigen gezwungenen Personen die Rede.
Das ist ein Beispiel beschämender Politik.

Sie forschen seit Jahren zum Thema Armut. Wie ist Ihre persönliche Definition von Armut?
Helmut P. Gaisbauer:
Armut steht immer mit zu wenig finanziellen Mitteln und großem psychischen Druck in Verbindung, häufig auch mit schwerwiegenden körperlichen Problemen. Armut macht einsam, traurig, wie gesagt auch häufig krank. Armut hat einen schlechten Leumund; wer von Armut betroffen ist, schämt sich für seine Not und setzt alles daran, vor dem unmittelbaren Umfeld in Nachbarschaft, Verwandtschaft und vor Institutionen, z. B. der Schule, nach außen hin die Fassade einer bürgerlichen „Normalität“ aufrechtzuerhalten. Es ist schlichtweg ungerecht, dass Kinder deutlich überdurchschnittlich von Armut betroffen sind, vor allem in größeren Familien oder in Familien mit nur einem erziehenden Elternteil.
Kinder sind „Opfer der Nähe“, sie können sich nicht selbst zu einer Notsituation verhalten, sondern sind auf Schutz, Begleitung und Hilfe der Eltern angewiesen. Bei Armut müsste hier die Gesellschaft einspringen – zumindest Kindern müssten gedeihliche Verhältnisse gesichert werden.
Kinder in Not aufwachsen zu lassen ist einer wohlhabenden Gesellschaft nicht würdig, sondern ein massives Gerechtigkeitsproblem und ein Armutszeugnis.

Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Ursachen für Armut?
Helmut P. Gaisbauer:
Das Wichtigste ist: Lasst uns endlich aufräumen mit dem menschenverachtenden Vorurteil, dass armutsbetroffene Menschen hauptsächlich oder alleine Verursacher ihrer Armutslage sind!
Nichts ist kränkender und nichts zieht Armutsbetroffene mehr hinunter als das Vorurteil, dass „die Armen“ überwiegend „selbst schuld“ sind, dass Armut Folge eines schlechten oder gar unmoralischen Lebenswandels, zu geringer Ambition oder Tüchtigkeit ist. Das sind Zuschreibungen aus der Vormoderne an sogenannte „unwürdige Arme“, also Arme als liederliche, lasterhafte und faule Menschen, die noch heute einen bedeutenden Grundton in unseren Auffassungen von Armut bilden.
Dagegen wird kaum je verstanden und greifbar, dass Armut ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren und Ereignisse ist und dass vieles daran für die betroffenen Personen in keiner Weise beeinflussbar ist. Wenn ein Industriebetrieb zusperrt und keine anderen Arbeitsplätze oder ausreichende Sozialleistungen zur Verfügung stehen, dann können sich die Betroffenen noch so sehr ins Zeug werfen, sie werden diesen Mangel nicht kompensieren können und in die Armut schlittern. Das war so in den 1930er-Jahren, als die Textilfabrik in Marienthal geschlossen wurde, und das ist heute, trotz sozialer Sicherung, nicht wesentlich anders.
Nicht zuletzt schlägt leider Kinder-Reichtum (!) in ein hohes Armutsrisiko um,
bei Alleinerziehenden oft auch schon ein oder zwei Kinder; außerdem steht Armut oft mit mangelnder Gesundheit in Wechselwirkung, physisch wie auch psychisch. Armut macht häufig krank, Krankheit führt häufiger in die Armut, als man vermuten möchte.

Wie lässt sich Armut lindern?
Helmut P. Gaisbauer:
Allgemein gesprochen: die richtige Kombination aus materieller Unterstützung und persönlicher, wertschätzender Begleitung. Vieles kann mit finanzieller Unterstützung erreicht werden, häufig ist Geld aber auch nicht der alleinig ausschlaggebende Faktor.
Vieles an Armut könnte abgefangen werden, durch Zugang zu menschenwürdiger, ausreichend bezahlter Tätigkeit.
Vieles durch einen Ausbau von und breiten Zugang zu gesundheitspräventiven Maßnahmen.
Und vieles durch einen offenen Zugang zu Sozialleistungen, die zwar rechtlich gesichert sind, aber aus Scham, aus Nichtwissen oder aus anderen Problemlagen heraus nicht abgerufen werden.
Wenn uns als Gesellschaft Armutsbekämpfung wirklich wichtig ist, brauchen wir mehr Ermutigung im Abrufen von gebührenden Leistungen, einen gesicherten, sozial anonymen und vor allem niederschwelligen Zugang, auch über Sprachbarrieren hinweg, anstatt durch zunehmende Diffamierung von Anspruchsberechtigten Hürden aufzubauen.

Sie leiten am Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg unter anderem einen Studienergänzungs-Lehrgang „Armut und soziale Ausgrenzung“. Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie Ihren Studierenden vermitteln wollen?
Helmut P. Gaisbauer:
Die wichtigste Botschaft ist: Eine menschenwürdige Gesellschaft erkennt man am respektvollen Umgang mit den Notleidenden, am Versuch, diese Not abzufedern und die Betroffenen einzubinden, zu stärken, mitzunehmen – und nicht im Sich-damit-Abfinden, dass es halt solche drinnen und oben gibt und solche, die draußen und unten stehen.

Wenn Sie jemandem helfen wollen, wieder aufzustehen – wie machen Sie das?
Helmut P. Gaisbauer:
Auf jeden Fall mit Respekt vor den Verwundungen, aber auch vor den Stärken und Eigenheiten der betreffenden Person.