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Warten ist sowas von Retro

Wann waren Sie zum ersten Mal verliebt? Ist es 20, 30, 40 oder noch mehr Jahre her? Dann können Sie sich wahrscheinlich noch daran erinnern, was damals passierte. Schüchterne Blicke, vielleicht ausgetauschte Briefchen, Botschaften durch einen Freund oder eine Freundin. Bestimmt hat es eine Weile gedauert, bis Sie Kontakt aufgenommen haben oder kontaktiert wurden und entweder hoch erfreut oder bitter enttäuscht waren. Und jetzt stellen Sie sich diese Anbahnung im Jahr 2018 vor. Sie installieren eine Dating-App und je nachdem, ob Ihnen die dort vorgeschlagene Person gefällt oder nicht, wischen Sie nach links oder rechts. Haben Sie nach rechts gewischt und hat die andere Person das auch bei Ihrem Profil gemacht, steht einem Austausch nichts mehr im Weg. Das Ganze dauert ein paar Sekunden und schon tratschen sie mit einem potenziellen Partner. Klingt doch toll, oder?

Was hier aber fehlt, ist das Warten. Und das Lernen, was man unternehmen muss, um die Aufmerksamkeit des anderen zu erregen. Beziehung knüpfen kann ein hartes Stück Arbeit sein und sie zu erhalten fordert eine Menge Geduld und Ausdauer. Können Sie sich an Ihre Lieblingsserie erinnern? Und an das Gefühl an dem Tag, an dem sie
ausgestrahlt wurde? Vielleicht haben Sie Snacks und Getränke vorbereitet für den Serienabend oder Freunde zum gemeinsamen Anschauen eingeladen. Es war ein wöchentlicher Fixtermin und man konnte es kaum erwarten zu erfahren, wie es mit den Heldinnen und Helden weitergeht.

Serien schauen im Jahr 2018 ist anders. In Zeiten von Netflix & Co. kann man jederzeit und überall sämtliche Episoden abrufen. Auch „Binge Watching“, also das Ansehen mehrerer Folgen oder Staffeln am Stück, ist verbreitet. Hier fehlt ebenso der Aspekt des Wartens und vor allem die Vorfreude, die das Ausschütten von Glückshormonen erhöht und Stressgefühle vermindert. Hatte eine Episode ein offenes Ende, wurde oft darüber im Freundeskreis oder im Büro diskutiert. Heute brauchen wir aber nur einmal klicken und schon geht es weiter. Manche Menschen überspringen sogar ganze Staffeln, um gleich das Ende zu sehen.
Diese zwei Beispiele zeigen, wie es früher war und wie es heute oft ist. Nicht die „gute, alte Zeit“ soll verherrlicht werden – nein, es geht um die Unterschiede. Ältere Semester unter uns mögen es praktisch finden, wie es heute ist. Aber jüngere Menschen, die nur das Internetzeitalter kennen, können damit Probleme bekommen. Nämlich dadurch, dass sie das Warten nie gelernt haben.

Das stellt auch Arbeitgeber vor große Herausforderungen. Denn während die vorherige Generation sich noch langsam hochgearbeitet hat, möchte die „Generation Millenium“‚ alles jetzt gleich und sofort. Bringt der neue Job nicht gleich den gewünschten Erfolg, wird er gewechselt. Für das langsame „Hinaufarbeiten“ mit viel investierter Mühe und Anstrengungen gibt es kein Verständnis mehr. Ich will hier und jetzt Erfolg haben! Genauso, wie ich sofort eine Antwort auf meine Nachricht haben möchte, wenn die zwei Häkchen in WhatsApp blau gefärbt sind. Doch das geht nicht. Erfolg im Beruf braucht Zeit – und tiefgehende Beziehungen ebenso.

Der Ausweg? Weg mit den Mobilgeräten und rein ins echte Leben! Das gilt nicht nur für Jugendliche, sondern für uns alle. Reden wir miteinander, während wir warten! Vor einer Besprechung, im Wartezimmer des Arztes oder beim Kaffeehausbesuch. Fragen wir die Kollegen, wie es ihnen geht, die anderen Patienten, was ihnen fehlt, und posten wir das Tortenstück nicht auf Instagram und chatten dort, anstatt unserer Verabredung die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Entschleunigen wir und lernen dadurch wieder, geduldig zu sein. Denn dafür gibt es keine App.

 

von Eva Daspelgruber