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An der Spitze braucht es Demut

Er hat beides erlebt: die Armut der brasilianischen Slums und den Wohlstand, den ihm seine Tanzkarriere in Europa gebracht hat. Der neue Ballettchef des Salzburger Landestheaters, Reginaldo Oliveira, erzählt im Apropos-Gespräch über seinen Aufstieg, die Wichtigkeit von Gefühlen und was Tänzer brauchen, um einen unvergesslichen Moment auf die Bühne zu bringen.

Titelinterview mit Reginaldo Oliveira
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Was bedeutet es für Sie, an der Spitze zu sein?
Reginaldo Oliveira:
Härter zu arbeiten als zuvor. Als Choreograf bin ich nicht nur für mich, sondern für die Menschen um mich verantwortlich.
Das bedeutet, genau wahrzunehmen, was vor sich geht und was die Tänzerinnen und Tänzer brauchen, um gut arbeiten zu können. Man denkt mehr als jemals zuvor an die anderen, weil erst eine gute Basis eine gute Arbeitsqualität ermöglicht.

Ist es gefährlich, an der Spitze zu sein?
Reginaldo Oliveira:
Nur, wenn man seine eigene Realität nicht kennt und die Bodenhaftung verliert. Um seinen Job wirklich gut auszuüben, braucht es Demut – in jeder Situation.

Was hat Sie das Leben über Demut gelehrt?
Reginaldo Oliveira:
Ich wuchs in einer Favela in Rio de Janeiro auf. Manchmal hatten wir kein Geld, um Essen zu kaufen.
Auch wenn ich jetzt einen Spitzenjob habe, vergesse ich nie, woher ich komme. Daher halte ich Dinge nicht für selbstverständlich, sondern schätze ihren Wert.

Was bedeutet Armut für Sie?
Reginaldo Oliveira:
Man kann arm an Essen, Liebe oder Freunden sein – es gibt viele Arten von Armut. Wenn ich auf meine Vergangenheit zurückschaue, habe ich nicht so viele gute Erinnerungen an meine Kindheit, aber ich denke, dass es wichtig für mich war, auf diese Art aufzuwachsen. Es hat mich viel gelehrt: etwa, wie ich Menschen behandeln soll. Daher beschwere ich mich nicht über meine Vergangenheit. Es ist natürlich schmerzhaft, wenn man kein Geld für Essen hat und du zugleich siehst, dass andere Menschen im Überfluss leben – und du nichts gegen deine Situation tun kannst, außer zu versuchen, zu überleben. Als Kind verstehst du nicht, warum das so ist, und du weißt nicht, wie du dich selbst beschützen kannst. So flüchten viele in die Welt der Drogen, um mit der Welt, so wie sie ist, zurechtzukommen.


Wie haben Sie den Absprung aus der Armut geschafft?
Reginaldo Oliveira:
Durch das Tanzen – und das obwohl ich bis zum Alter von zwölf Jahren keinen Zugang dazu hatte. Natürlich habe ich manchmal im Fernsehen gesehen, dass es klassisches Ballett gibt, aber ich hatte nie die Intention, Tänzer zu werden. Ich war zwölf Jahre alt, als mich eine Freundin fragte, ob ich zu ihrem Tanzunterricht in den hinteren Raum einer Kirche mitkommen wolle. Eine argentinische Lehrerin unterrichtete damals ehrenamtlich Ballett für arme Kinder. Ich wollte zuerst nicht, weil ich Ballett für unmännlich hielt. Schließlich stimmte ich zu, allerdings nicht, um Ballett zu tanzen, sondern nur um zu steppen – und auch weil es einmal in der Woche Brot, Butter und Kakao gab.
Als dann die Lehrerin auf mich zukam und sagte: „Du hast einen tollen Körper, um zu tanzen“, machte es bei mir „klick“. Ich dachte mir: „Echt, ich habe etwas Gutes an mir? Dann werde ich es zumindest probieren!“ Als ich damit startete, war es für mich wie meine Droge – ich konnte nicht mehr ohne leben. Denn das Tanzen hat mich aus meiner Realität genommen und mir eine neue Energie und Atmosphäre nähergebracht, die mich einfach nur glücklich machte.

Mit Ihrer Erfahrung aus den Favelas und Ihrem Aufstieg in ein erfolgreiches und wohlhabendes Leben: Glauben Sie, dass Sie eine gute Menschenkenntnis haben, vielleicht sogar eine besser als andere, die nicht beides – Armut und Wohlstand – kennengelernt haben?
Reginaldo Oliveira:
Natürlich entwickelt man Überlebensstrategien, wenn man arm ist. Aber ich könnte nicht sagen, dass ich eine bessere Menschenkenntnis als andere habe. Manchmal liege ich mit meiner Einschätzung richtig und ein anderes Mal voll daneben. Was mir aber auffällt, ist, dass sich viele Menschen beklagen und nur auf die negativen Seiten des Lebens fokussieren, während sie die guten übersehen.
Wir leben in solch einer eigenartigen Gesellschaft, die uns auffordert, viele Dinge zu besitzen, um glücklich zu sein. Genau das macht uns aber unglücklich, dieses Sehen-was-wir-nicht-haben.

Als Choreograf inszenieren Sie über den Körper Gefühle und Beziehungen. Wie gelingt es Ihnen, das Innenleben von Menschen allein über den Körper sichtbar zu machen?
Reginaldo Oliveira:
Als Künstler musst du viele Gefühle durchleben, um sie gut ausdrücken zu können. Du kannst sie nicht vortäuschen, du musst sie wirklich fühlen auf der Bühne. Wenn ich eine Szene gestalte, in der eine Frau ihren Mann verliert, muss ich sehr tief gehen. Ich versuche also an die Erfahrungswelt der Tänzerin anzudocken und frage sie, wo sie Ähnliches schon mal durchlebt hat. „Selbst wenn du noch keinen Ehepartner hast, kannst du dir das Gefühl des Verlustes eines dir nahestehenden Menschen vorstellen. Stell dir vor, wie dein Leben ohne deinen Vater sein würde und welche Gefühle in dir hochkommen.“ Sie muss das Gefühl der Trauer, der Trennung oder des Schmerzes erst selbst durchleben, um es glaubwürdig darstellen zu können. Dann fordere ich sie auf, das Gefühl tänzerisch auszudrücken. Mit dem arbeiten wir dann.
Manchmal dauert eine Szene auf der Bühne nur zehn Sekunden – aber es kann sein, dass es den ganzenTag braucht, genau diesen Moment zu erarbeiten, sodass die richtige Botschaft ankommt. Ich möchte dem Publikum kein Fast Food servieren. Wenn man Fast Food isst, kommt bald der Hunger wieder. Wenn du allerdings etwas Hochwertiges zu dir nimmst, nährt es dich für eine längere Zeit.

Gibt es etwas, das sich tänzerisch überhaupt nicht darstellen lässt?
Reginaldo Oliveira:
Alles lässt sich ausdrücken. Wichtig ist, dass du dem Publikum das Gefühl vermittelst, Zeuge eines privaten Moments auf der Bühne zu sein. Auf der Bühne bist du emotional nackt. Du zeigst dich und deine Gefühle. Es ist ein intimer Moment, in dem ein Stück Seele aufblitzt.

Mit „Der Fall M.“, der tragischen Geschichte der mythischen kindsmordenden Medea, haben Sie im Herbst 2017 in der Felsenreitschule Ihren Salzburger Einstand als Ballettdirektor des Salzburger Landestheaters gegeben – beim Theaterspektakel „Dionysien“, das alle Sparten umfasst hat. Sie haben darin eindringlich von seelischer Pein, verlorener Liebe, Schuld und Vergebung erzählt – ohne Worte, allein durch die körperliche Präsenz bewegter Körper. Wodurch erreichen Sie diese Eindringlichkeit?
Reginaldo Oliveira:
Ich versuche alles zu durchleben, durchzufühlen und mir Szenen vorzustellen – es macht in meinem Kopf ständig tick, tick, tick und lässt mich nicht mehr los. Ich bringe also durch dieses Durchleben meine eigene Erfahrung mit ein, ohne zu sagen, dass es meine ist. Manchmal muss ich viele Gefühle des Leids durchfühlen, wenn es das Stück erfordert.
Beim „Fall M.“ habe ich also versucht, mir vorzustellen, wie es sich anfühlt, sein Kind umzubringen. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber ich muss es versuchen, um der Tänzerin zu helfen, an ihr Gefühl zu kommen, damit sie es auf der Bühne glaubwürdig darstellen und ausdrücken kann. Ich fühle diese Erfahrung also, ohne sie zu leben.
Ich gebe meine volle Energie, mein ganzes Sein, meine ganze Liebe, meine ganze Seele in die Stücke. Es kann sein, dass ich in der Entstehungsphase eines Stückes nicht schlafe, weil so viel in mir arbeitet. Aber ich habe einen großen Respekt vor dem Publikum und möchte ihm etwas bieten.
Mein Ziel ist es, dass die Zuschauer, das, was sie gesehen haben, nicht vergessen. Daher sage ich zu den Tänzern: „Mach, dass die Menschen sich an dich erinnern! Du musst auf der Bühne zu 100 Prozent sein. Nur dann kannst du mit dem Publikum Erfahrungen und Energie austauschen.“

Sie choreografieren oft Stücke mit schwierigen Gefühlen oder Lebensthemen. Ihr letztes Stück war „Anne Frank“, für das Sie von Publikum wie Kritik gleichermaßen gefeiert wurden. Weshalb wählen Sie so gerne diese schweren Themen?
Reginaldo Oliveira:
Weil sie eine große Herausforderung sind. Als Kind hatte ich oft nichts zu essen, aber ich hatte meine Freiheit. Ich konnte überallhin spielen gehen. Als ich zum ersten Mal „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen habe, konnte ich mir nicht vorstellen, wie es ist, eingeschlossen in einem Zimmer zwei Jahre zu verbringen und nicht hinausgehen zu dürfen. Diese Vorstellung hat mich fast zum Ersticken gebracht und eine große Beklemmung in mir ausgelöst. Ich habe mir nicht vorstellen können, wie man in so einem Umfeld leben oder gar überleben kann.
Was dabei so erstaunlich war: Anne Frank war immer so positiv in ihrer Einstellung. Es hat mich auch so gebeutelt, weil sie an ihrer Situation unschuldig war. Sie hatte nichts Falsches getan und dennoch wurde sie verfolgt, weil sie Jüdin war. Diese Ungerechtigkeit hat mich rasend gemacht. Als mich am Staatstheater in Karlsruhe meine damalige Direktorin gefragt hat, welches Stück ich gerne inszenieren möchte, habe ich mich für Anne Frank entschieden.

Ganz schön mutig, als Brasilianer ein Stück deutscher Vergangenheitsbewältigung zu inszenieren...
Reginaldo Oliveira:
Ja, ich hatte jede Chance, um zu scheitern. Und ich glaube, viele Menschen kamen auch mit dieser Erwartung ins Theater, um mich scheitern zu sehen. Es war für mich sehr schön, zu sehen, dass ich ihre Erwartung umdrehen konnte. Denn sie kamen und staunten – und waren wirklich beeindruckt. Nach einer Vorstellung kam ein Holocaust-Überlebender zu mir und sagte: „Das, was Sie auf der Bühne dargestellt haben, war wahr.“ Das war für mich eines der wunderbarsten Geschenke, die ich bekommen habe für meine Arbeit. Ich glaube, ich kann diese Zeit in einer bestimmten Form gut verstehen, weil ich das Gefühl des Leidens gut nachvollziehen kann.
Es war zudem sehr wichtig, genau in dieser Zeit „Anne Frank“ auf die Bühne zu bringen, weil gerade die Flüchtlingsthematik so zentral war im Jahre 2016. Es konnte den Geist der Menschen öffnen.
Auch wenn es eine komplett andere Situation war, so war es für mich dasselbe: Unschuldige Menschen, die vor einem Krieg flüchten müssen, den sie nicht verantwortet haben. Sie sind an ihrer Situation unschuldig und verlieren ihre Eltern, ihre Freunde, ihre Heimat, ihre Identität, ihren Job.

Sie verlangen von ihren Tänzerinnen und Tänzern sehr viel. Wie motivieren Sie sie als Choreograph zu Höchstleistungen?
Reginaldo Oliveira:
Ein gutes Training ist die Grundlage für eine Höchstleistung. Meine Verantwortung als Leiter des Balletts des Salzburger Landestheaters ist vor allem, eine gute Atmosphäre und Grundlage zu schaffen, sodass die Tänzer ihre Qualität gut entwickeln können. Damit ihrem Körper nichts passiert, ist es wichtig, ihn jeden Tag ein bis zwei Stunden aufzuwärmen. Da sie das jeden Tag machen, ist es mir auch sehr wichtig, dass hervorragende Gast-Lehrer von anderen Tanzkompanien und Ländern zu uns kommen, um neue Methoden und Trends zu lehren. Auch der Pianist, der sie täglich am Klavier begleitet, muss wunderschöne Musik machen, denn nichts ist schlimmer als Langeweile und Routine beim Training.
Was auch noch zentral ist: Ich muss sehr ehrlich sein, wenn jemand etwas falsch macht. Das kann manchmal für den anderen sehr schmerzhaft sein, aber letztlich ist es gut für ihn oder sie. Ich sage dann: „Ich möchte, dass du auf der Bühne gut aussiehst und gut darstellst. Also nimm es bitte nicht persönlich, wenn ich dir manchmal Dinge sagen, die für dich schmerzlich sein können. Wir sind gemeinsam hier, um eine gute Performance auf die Bühne zu bekommen.“

Als nächstes inszenieren Sie mit „Balacobaco“ pralle brasilianische Lebensfreude, also das völlige Gegenstück zu „Anne Frank“ oder „Der Fall M“. Inszenieren Sie lieber die Höhen oder die Tiefen des Lebens?
Reginaldo Oliveira:
Ich mag beides, weil es die Facetten des Lebens widerspiegelt. Bei „Balacobaco“ leide ich nicht viel (lacht), weil es sehr leicht und fröhlich ist. Voller Freiheit. Ich hoffe, dass die Menschen genau das auch so empfinden.
(Anm. d. Red.: Balacobaco feiert am 9.5.2018 Premiere)

Was haben Sie als Brasilianer von Europa gelernt?
Reginaldo Oliveira:
Zuerst einmal: Fremdsprachen. (lacht) Als ich nach Europa gekommen bin, habe ich nur portugiesisch gesprochen. Englisch habe ich erst hier gelernt. Es ist für mich wirklich eine große Sache, dass ich mich mit Menschen aus Russland, China, Japan oder Österreich durch eine gemeinsame Sprache verbinden kann. Dafür bin ich sehr dankbar.
Wenn ich in Brasilien geblieben wäre, hätte ich niemals Englisch gelernt. Ich hätte kein Geld gehabt, um mir einen Kurs zu leisten – und ich hätte wohl auch gar nicht daran gedacht, eine Fremdsprache zu lernen.
Und das Zweite: Es ist für mich unglaublich, wie stark europäische Menschen die Kunst lieben und wie gerne sie ins Theater gehen. Nach der Aufführung kommen immer Menschen und drücken uns ihre Wertschätzung aus. Hier in Europa erhält man als Künstler viel Respekt und Anerkennung. Das schätze ich sehr. In Europa sind die Menschen zwar reservierter, aber hat man sie erst mal kennengelernt, sind sie offen und bereit für einen intensiven Austausch. Das ist sehr viel wert. In Brasilien hingegen lieben sie vor allem Fußball. Ich wünschte, sie würden auch die Kunst mehr schätzen.

Was können Europäer von Brasilien lernen?
Reginaldo Oliveira:
(denkt lange nach) Das Leben nicht zu ernst zu nehmen. (lacht)


Was sind Ihrer Meinung nach DIE menschlichen „Spitzen-Themen“? Was ist am wichtigsten im Leben?
Reginaldo Oliveira:
Zuallererst: gesund zu bleiben. Vor allem mental. Ich glaube, dass die meisten Krankheiten geistigen Ursprungs sind. Egal, was passiert: Es ist wichtig, sich zu fokussieren, seine mentale Stärke zu entwickeln und zu halten – wenn man das nicht hat, ist es sehr schwierig, damit umzugehen und damit zu leben in unserer Gesellschaft.

Was ist für Sie am wichtigsten im Leben?
Reginaldo Oliveira:
Liebe. Und sich gegenseitig zu respektieren. Wenn man sich Respekt und Liebe entgegenbringt, lässt sich jede Verschiedenheit leben.

Wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückschauen: Was war Ihr bester Moment?
Reginaldo Oliveira:
Jetzt. Man kann jederzeit sterben. Daher bin ich dankbar, genau jetzt, diesen Moment zu leben.