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Hervorgehoben II

Schriftstellerin trifft Verkäuferin

Die guten Frauen von Henndorf    


Schriftstellerin Edith Kneifl trifft Apropos-Verkäuferin Jonela Ferraru

von Edith Kneifl

Jonela F. und ich sind im Café meines Salzburger Hotels miteinander verabredet.
Die dreißigjährige Romni hat auffallend schöne dunkle Augen und dichtes schwarzes Haar.
Ich mache ihr ein Kompliment für ihr gutes Aussehen. Sie erzählt mir, dass sie sich extra umgezogen habe, weil sie heute mit anderen Zeitungsverkäufern im Rupertinum war. Der Ausstellungsbesuch wurde von der Zeitung „Apropos“ organisiert. Sie spricht ganz gut Deutsch, erwähnt, dass sie seit fast fünf Jahren Apropos-Verkäuferin sei. Ich bin aber trotzdem froh, als Doris, die Dolmetscherin, kommt und uns beisteht.
Jonela F. beginnt sogleich, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Ich lehne mich zurück und höre zu, so wie ich es in all den Jahren als Psychoanalytikerin gewohnt war.
 
Ich komme aus Piteşti, das ist eine Stadt im Süden der Karpaten. Dort hatten die Dacia-Werke ihren Sitz. Nach dem Umsturz in Rumänien haben meine Großeltern und meine Eltern ihre Arbeit in der Autofabrik verloren. Im Kommunismus hatte jeder, der arbeiten wollte, einen Job.
Die Roma waren die Ersten, die nach der Wende entlassen wurden.

Als 30-Jährige kann sie vom Kommunismus aber nicht viel mitbekommen haben, denke ich.

Mit fünfzehn bin ich von meinem Vater verheiratet worden. Mit sechzehn habe ich mein Kind zur Welt gebracht. Mein Sohn ist jetzt dreizehn. Als ich acht war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Ich habe drei Brüder. Einer meiner Brüder ist nach der Scheidung bei unserer Mutter geblieben. Die anderen beiden und ich sind zu meinem Vater und seiner neuen Frau gezogen.

Sie hält kurz inne, scheint nachzudenken.

Heute mache ich mir manchmal Vorwürfe, dass ich mich als Kind für meinen Vater entschieden habe. Aber meine Mama hat gar nichts gehabt, während mein Vater wenigstens einen Wagen und zwei Pferde hatte und als Taglöhner ein bisschen was verdient hat.    
Meine richtige Mutter verkauft auch Zeitungen in Salzburg. Sie hat immer Angst, dass ich mehr zu meiner Stiefmutter halte. Schuld an der Trennung meiner Eltern war aber eindeutig mein Vater. Meine Stiefmutter wollte mich bald aus dem Haus haben, was ich heute sogar verstehen kann. Meine Halbgeschwister kamen auf die Welt, und wir haben zu acht in einem Zimmer gehaust, ohne Fließwasser, ohne Strom und mit einem stinkenden Plumpsklo draußen. Mit siebzehn war ich leider schon wieder geschieden. Mein Mann hat mich betrogen, als ich im siebten Monat schwanger war. Ich bin dann mit dem Kind zurück zu meinem Vater und seiner zweiten Frau. Sie haben mich sofort nach Spanien geschickt. Dort habe ich fast acht Jahre lang als Landarbeiterin mein eigenes Geld verdient. Ich habe Kartoffeln, Paprika, Oliven, Knoblauch und Weintrauben geerntet. Meinen Sohn habe ich bei meinem Vater und meiner Stiefmutter zurücklassen müssen. Als ich nach einiger Zeit wieder einmal in meine Heimatstadt zurückgekehrt bin, hat mich mein Sohn nicht mehr erkannt.

Sie sagt es leise und senkt den Blick. Ihre Augen sind feucht. Ich kann mir vorstellen, dass das sehr schlimm für Sie war, sage ich.

Ich bin danach, so oft es möglich war, heimgefahren, aber für diese weiten Fahrten von Spanien nach Rumänien und zurück ist mein ganzer Lohn draufgegangen. Ich habe nichts sparen können. Deshalb hat mir meine Stiefmutter geraten,  nach Österreich zu gehen. Sie hat gemeint, dass ich hier mehr verdienen könnte.

Die Dolmetscherin und ich sehen ihr etwas irritiert dabei zu, wie sie plötzlich den Reißverschluss ihre Hose öffnet.

Ich bin auf der Straße groß geworden, habe immer auf der Straße gespielt. Als ich neun war, hat mich ein Hund ins rechte Bein gebissen, und mit dreizehn bin ich von einem Auto überfahren worden. Das rechte Bein war völlig kaputt.

Sie zieht nun ihre Jeans und auch ihre Strumpfhose hinunter und zeigt uns die hässlichen Nähte, die sich fast über ihren ganzen rechten Oberschenkel und die Hüfte entlang ziehen.

Im Oberschenkel habe ich siebzehn Jahre lang ein Eisen stecken gehabt. Erst vor Kurzem ist es mir in Rumänien herausoperiert worden. Die Operation hat ein Vermögen gekostet.

Meine etwas naive Frage, warum sie sich in Rumänien operieren hat lassen, quittiert sie mit einem milden Lächeln.

Weil es billiger war. In Salzburg gibt es für Obdachlose nur eine medizinische Notversorgung mit dem Virgilbus. Ich bin nicht versichert, bekomme auch in Rumänien kein Kindergeld, weil ich ja im Ausland bin. Und Sozialhilfe gibt es dort sowieso nicht.

Verkauft sich „Apropos“ gut?, wechsle ich das Thema.

Ja, vor allem in den ersten Tagen nach dem Erscheinen, aber danach wird es schlechter. Die Frauen in Henndorf sind gute Frauen. Manchmal stecken sie mir einfach so 2 Euro in die Tasche, weil sie die Zeitung bereits haben. Im besten Fall verdiene ich 300 Euro im Monat. Weil ich mir nichts kochen kann, gebe ich fast das ganze Geld für Essen und Trinken aus. Als mal jemand zu mir gesagt hat, dass ich doch eh gut ausschaue, habe ich ihm erklärt, dass ich von dem ungesunden Essen immer dicker werde. Ich liebe leider Leberkäsesemmeln.

Ich leider auch, sage ich und möchte wissen, wo sie schläft.

Am liebsten in der Notschlafstelle der Caritas, dort kann ich aber nur zwei Wochen am Stück bleiben. Es gibt Duschen und ein warmes Abendessen. In der anderen Zeit hausen wir in verlassenen Häusern. Duschen gehen wir dann um 2 Euro in den Autobahnraststätten rund um Salzburg. Da ich „Apropos“ in Henndorf am schönen Wallersee verkaufe, aber in der Stadt Salzburg übernachte, muss ich jeden Tag hin- und herfahren. Da geht auch viel Geld für Fahrscheine drauf. Schwarzfahren traue ich mich nicht. Wenn sie einen erwischen, wird es sehr teuer oder man bekommt sogar Probleme mit der Polizei. In meiner Familie hat noch nie jemand krumme Sachen gemacht.

Sie sagt es stolz. Ich frage sie, ob sie eine Schule besucht hat.

Ja, aber ich weiß nicht mehr, wie viele Klassen. Eigentlich haben mir meine älteren Brüder   Schreiben, Lesen und Rechnen beigebracht. Mein Sohn geht gerne in die Schule. Er heißt übrigens Ionut Isabel.

Was für ein schöner Name, sage ich.

Ich kann ihn, seit ich in Österreich arbeite, wenigstens alle paar Monate besuchen.

Ist im Sommer nicht alles leichter, frage ich, in romantischer Erinnerung an die Clochards unter den Brücken der Seine in Paris.

Im Gegenteil, im Sommer ist es in Salzburg schwieriger für uns. In der Festspielzeit werden wir aus der Innenstadt verjagt. Es gibt auch ein Bahnhofsverbot. Sie haben alle Bänke am Bahnhof, auf denen wir uns ein bisschen ausruhen konnten, weggeräumt. Aber wir Zeitungsverkäufer halten zusammen. Ohne die Hilfe eines guten Freundes, der wie ein Bruder für mich ist, hätte ich es niemals geschafft, das Geld für die OP und für den Bau des zweiten Zimmers aufzubringen.

Welches zweite Zimmer?, frage ich.

Ich habe zuhause ein zweites Zimmer angebaut, weil alle in der Familie inzwischen erwachsen sind und keinen Platz mehr in dem einen Raum haben. Dann ist plötzlich die Decke des alten Zimmers eingestürzt und nun wohnen wieder alle in dem einen Raum, den ich eigentlich für mich und meinen Sohn hergerichtet habe. Aber wir werden es schon schaffen, das Dach zu reparieren. Ich spare jetzt auf ein Fenster und einen Ofen. Und irgendwann wird sogar Ionut Isabel sein eigenes Zimmer bekommen. Ich werde so lange Zeitungen verkaufen, wie meine Beine es aushalten.

Ich stelle zuletzt noch eine Frage. Möchte wissen, ob es eine neue Liebe in Jonelas Leben gibt. Eine so hübsche junge dynamische Frau kann doch nicht ganz ohne Liebe leben, denke ich.

In Spanien habe ich einen Mann kennengelernt, der auch aus Rumänien stammte. Aber er war ein bisserl arbeitsscheu. Er ist mit mir nach Österreich gekommen. Wir waren vier Jahre lang zusammen. Eines Tages bin ich in der Früh Zeitungen verkaufen gegangen und habe mich mit ihm abends am Salzburger Bahnhof treffen wollen. Er ist nicht gekommen und seither wie vom Erdboden verschluckt. Das war vor dreieinhalb Jahren. Ich war damals sehr traurig, aber dann habe ich mir gedacht, vielleicht ist es besser so. Bevor ich auch noch einen faulen Mann durchfüttern muss, bleibe ich lieber allein!