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Der Kultur-Code

Welche Regeln in Unternehmen gelten, was Franzosen mit dem Begriff Verführung verbinden und mit welcher Erwartung wir „auf ein Bier“ gehen.

Von Georg Wimmer

Der neue Mitarbeiter im Management eines großen Produktionsbetriebes war bei allen wichtigen Sitzungen dabei gewesen. Doch zum wiederholten Male wurde er von einer Entscheidung völlig überrascht. Diesmal ging es um die Einführung eines neuen Produktes, von der er nichts wusste. Als der Mann das im nächsten Meeting ansprach, stieß er auf völliges Unverständnis und wurde von den Kollegen sogar als Querulant und Störenfried hingestellt. Was er nicht wusste: Er hatte gegen ein ungeschriebenes Gesetz dieser Firma verstoßen. Das lautete: Kommuniziere offen, das Wichtigste erfährst du aber nur, wenn du in den Pausen bei den richtigen Leuten stehst. Solche versteckten Codes gibt es immer wieder in Betrieben, erklärt der Salzburger Organisationsberater Ingo Bieringer. „Diese Regeln sind Teil der Unternehmenskultur, und obwohl sie nirgendwo definiert sind, steuern sie viele Prozesse und Kommunikationswege.“

Codes finden wir in allen Lebensbereichen, nicht nur in Unternehmen. Codes gelten innerhalb bestimmter Kulturen oder gesellschaftlicher Gruppen. Manager haben die ihren, eine Dorfgemeinschaft hat andere, ebenso eine Familie oder ein Golf-Club. Natürlich verwenden auch Rassisten oder Neo-Nazis Begriffe, Zeichen und Verhaltensweisen, die für Abgrenzung sorgen und Identität schaffen. Und Kabarettisten würden nur betretenes Schweigen ernten, könnten sie im Kontakt mit dem Publikum nicht auf ein gemeinsames Wissen zurückgreifen.

Codes sind der Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis. Die Wissenschaft versteht darunter Begriffe, Handlungen oder Zeichen, die mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen sind. Es sind ausgesprochene oder unausgesprochene Regeln, ein Set an Verhaltensweisen, mit denen wir auf verschiedene Situationen reagieren können. Der Schweizer Soziologe Christian Jäggi spricht in diesem Zusammenhang von sozio-kulturellen Codes. Sie ordnen Handlungen oder Zeichen von anderen ein und geben ihnen eine Bedeutung. Sie erklären uns die Welt, prägen unsere Sicht auf die Dinge – und schränken unsere Möglichkeiten ein.

Denn eingelernte Codes können uns unflexibel machen, wenn wir auf unbekanntem Terrain unterwegs sind. In einigen asiatischen Länder gilt es bekanntlich als unhöflich, eine Frage mit nein zu beantworten. Stattdessen gibt es als Antwort ein freundliches Lächeln. Oder das Thema wird gewechselt. Was wiederum das Gegenüber als unhöflich empfinden kann. Auch Österreicher antworten auf eine präzise Frage gern mit einem „Schaumamal“. Deutsche Kollegen verstehen das manchmal nicht. Wer den Code nicht kennt, stößt auf Unverständnis oder wird schlimmstenfalls sogar bestraft. Das reicht vom Ausgelachtwerden und dem Verlust von Ansehen bis hin zum Ausschluss aus der jeweiligen Gemeinschaft. Dazwischen liegt viel Raum für Konflikte.

Die gute Nachricht: Missverständnisse zwischen sozialen Gruppen sind vermeidbar. Je besser jemand über die Eigenheiten des anderen Bescheid weiß, umso weniger leicht wird er sich beleidigt oder gar angegriffen fühlen. Das zeigte ein Projekt des Salzburger Vereins „spektrum“, der vor Jahren einen Generationendolmetscher mit dem Titel „Oida“ herausbrachte. Die Bewohnerin eines Seniorenheimes hatte bei einem Generationenfest erzählt, dass sie auf dem Weg zur Bushaltestelle oft an Jugendgruppen vorbeigehe und ihre Unterhaltungen höre. Immer wenn die lautstarke Wendung „bam Oida!“ fiel, fühlte sich die Frau persönlich angesprochen und war empört. Ein Jugendsprache-Lexikon in Buchform und viel damit verbundene Berichterstattung entschärfte die Spannung zwischen den Generationen.

Nicht immer braucht es also einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund, um Codes zu entschlüsseln, hilfreich ist ein solcher allemal. Auch Personalchefs wissen das. Steht im Arbeitszeugnis eines Bewerbers der Satz: „Er war tüchtig und in der Lage, seine Meinung zu vertreten“, so wird das übersetzt mit „der Mann kann keinerlei Kritik vertragen“. Bescheinigt ein Arbeitgeber seiner Mitarbeiterin, dass sie eine „erfrischende Art im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten“ an den Tag legte, so will er damit sagen: „Die Frau ist frech und hat keine Manieren.“

Marketing und Werbung greifen ebenfalls auf Codes zurück, wenn sie mehr oder weniger banale Produkte wie ein Stück Seife mit Werten oder Wünschen aufzuladen versuchen: Neugierde, Sexualität, Schönheit, Glück sollen die Kauflust fördern. Doch hier ist über Ländergrenzen hinweg Vorsicht geboten.

Als der Kosmetik-Konzern L’Oréal eine neue Werbelinie um den Begriff „Verführung“ aufbauen wollte, ließ er zuvor mit hunderten Interviews untersuchen, welchen Code die Menschen in den verschiedenen Ländern damit verbinden. Das Ergebnis klingt wie ein Witz mit nationalen Klischees, veranlasste L’Oréal aber zu einer Änderung seiner Strategie: In Frankreich war Verführung durchwegs positiv besetzt. Frauen aus Frankreich gaben in den Interviews an, sie wollten auf eine natürliche Art verführerisch sein und säßen zwei Stunden vor dem Spiegel, um so auszusehen, als hätten sie sich nicht geschminkt. In Italien sind Männer offenbar stärker mit ihrer eigenen weiblichen Seite in Kontakt und verbringen ebenfalls viel Zeit damit, sich schön zu machen. Verführung, so der Tenor, ist für sie – mehr als für Männer in anderen Kulturen – eine Art Zeitvertreib. In England interessieren sich die Männer überhaupt nicht für das Thema – im Gegensatz zu den Frauen. In den USA wiederum förderte die Untersuchung zutage, dass beim Wort Verführung beide Geschlechter ein mulmiges Gefühl beschleicht. Sie verbinden damit in erster Linie manipuliert zu werden. Und wer will das schon? Die Marketing-Abteilung kreierte daraufhin eine eigene Werbelinie für die USA. Mit L’Oréal-Produkten sollte niemand verführt, sondern das Selbstvertrauen gestärkt werden. Der Slogan lautete: Weil Sie es sich wert sind (because you’re worth it).

In der Werbung liegt es auf der Hand, dass ein bestimmter Code fallen gelassen wird, wenn er negative Assoziationen auslösen könnte. Im Alltag finden die Menschen raffiniertere Lösungen. Hat eine liebgewonnene Gewohnheit oder ein Ritual einen politisch nicht ganz korrekten Beigeschmack, wird man den Code nur leicht anklingen lassen, wie dies etwa beim Alkohol-Genuss der Fall ist. So kann die Floskel „gemeinsam auf ein Bier gehen“ in Österreich sehr vieles bedeuten. Die Palette reicht von „in Ruhe etwas ausführlich besprechen“ bis „sich nach allen Regeln der Kunst betrinken“. Doch kein Mensch in Österreich wird in der Erwartung zu dem Treffen kommen, dass es tatsächlich bei einem Glas bleiben wird. Nicht in diesem Kulturkreis.


Mit seinem Beitrag „Wenn Kinder arbeiten“, den er über sein Buch „Kinderarbeit – ein Tabu“ für Apropos geschrieben hat, gewann unser freier Mitarbeiter Georg Wimmer den 3. Platz beim österreichischen Journalistenpreis für Kinderrechte. Wir freuen uns sehr und gratulieren ihm!