Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Hervorgehoben II

Schriftsteller trifft Verkäufer: Ich lächle sie an

 

Zuerst ist da keine Spur von Mike Omo.
Um 16.30 hätte er ins Café Johann kommen sollen, aber knapp vor 17 Uhr sitze ich noch immer mit dem Fotografen rum und spreche über die Verschlimmbesserungen in der Kamera- und Schreibsoftware. Ausgiebig habe ich mich beschwert, dass die Neuerungen und Updates des Schreibprogramms „Word“ in den letzten 15 Jahren eigentlich nichts gebracht haben, außer, dass man alles mögliche umlernen muss und bei bestimmten Features zwei Mal öfter klickt als früher. Der Fotograf versichert mir, dass es sich mit Fotoprogrammen ganz ähnlich verhält. Und irgendwann kommen wir überein, dass Mike Omo nicht kommen wird, dass es sich um ein Missverständnis handelt.
Dabei ist es gar keines. Omo hat vor dem Lokal gewartet. Er war sich nicht sicher, wie das bei Interviews ist. Und wir waren uns zu sicher, dass er es weiß. Wir sind nicht auf die Idee gekommen, nach draußen zu schauen, aber Omo ist schließlich auf die Idee gekommen, nach drinnen zu schauen. Natürlich wusste er nicht, welche der Leuten wir waren, aber wir wussten gleich, welcher er war, denn uns war klar, dass ein Nigerianer eine dunkle Hautfarbe haben sollte.
So sitzt er mir gegenüber, ein Nigerianer mit rundem Gesicht und offenem Blick. Den Anorak hat er nicht ausgezogen. Ich bitte ihn darum – wegen der Fotos, und weil es seltsam wäre, ein Interview mit einem dick angezogenen Mann zu machen. Mike lächelt und legt den Anorak ab.
Ich habe das Gefühl, er tut das mehr aus Höflichkeit als aus einem Bedürfnis. Er bestellt eine Dose Red Bull.
Mike Omo wuchs in einer kleinen Stadt auf, etwa drei Stunden vom 11-Millionen-Moloch Lagos entfernt. Nach dem Tod seines Vaters im September 2014 hatte er „ein kleines Problem“, wie er es nennt, „ein religiöses Problem“. Kurz gesagt, er sollte Dinge tun, die er als Christ nicht tun konnte, er wurde mit dem Tod bedroht, „und sie haben bereits nach mir gesucht, ich musste also verschwinden.“
Mike verschwand gründlich. Er ging nicht in die große Stadt, sondern in den Norden, durchquerte mit vierzig anderen Flüchtenden auf der Ladefläche eines Pick-up-Trucks die Wüste in Niger und Libyen. Die Mär von den Wirtschaftsflüchtlingen, die über Europa hereinbrechen, löst sich vor meinen Augen in nichts auf: „Jeder von uns hatte sein eigenes Problem, handfeste Gründe, die Heimat zu verlassen. Sonst machst du so etwas nicht“, erzählt er. „Auf dem engen Raum war es furchtbar. Wir hatten zwanzig Liter Wasser und wir rationierten das Brot, es wurde gerecht aufgeteilt.“
Bis er eines Tages an der Mittelmeerküste stand – leider ohne Geld. „Ich habe mit den Arabern gesprochen, sie meinten, wenn ich fünfzehn Leute finde, die Geld haben und das Gleiche wie ich wollen, muss ich für die Überfahrt nicht zahlen.“
Das gelang Mike. So stach er am 15. Jänner 2015 per Hartgummiboot mit Außenbordmotor in See, voll besetzt mit etwa hundert Menschen, die auf gleiche Weise gekeilt worden waren. „Die Araber gaben uns Schwimmjacken mit, einen Kompass und ein Funkgerät, um die italienische Küstenwache zu alarmieren.“ Mike nimmt einen Schluck Red Bull. Er äußert sich nicht zu den Schrecken der Dunkelheit und des Wassers für die Nichtschwimmer, seine Erzählung setzt er auf der Insel Lampedusa fort.
„Ich hatte nur die Kleider dabei, die ich am Leib trug“, meint er, „und ich wusste, ich sollte im richtigen Moment seek asylum sagen.“ Vor allem aber im richtigen Land.
Er zögert: „Viele Leute starben auf dem Weg nach Europa“, stellt er knapp fest. Mike Omo schlug sich über Ungarn nach Österreich durch, und dort erfuhr er auf der Straße, dass er nach Traiskirchen musste. Deutsch sprach er gar keines, nur Englisch, dazu die nigerianischen Sprachen Iganke und Ibu, die hier nichts halfen. Er wurde nach Salzburg gebracht, in die Michael-Pacher-Straße. Seine Aufenthaltstitel sind während des Verfahrens mit einem Jahr begrenzt, der momentane reicht bis Oktober dieses Jahres. „Mein Deutsch ist auch heute nicht so gut“, entschuldigt er sich, „unter anderem, weil jeder mit mir Englisch spricht.“ Und „jeder“, das sind ziemlich viele. Mike Omos Augen beginnen zu glänzen, wenn er über die Österreicher spricht: „Es ist leicht, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ich kenne inzwischen eine Menge Einheimische, die meisten sind nette Leute. Hin und wieder haben mir Wildfremde Geld gegeben, manchmal auch Schuhe, Kleidung, man benötigt hier ja eine Menge. Sie haben mich zu sich eingeladen und mir gekocht – ein wirklicher Segen.“
Am 4. Februar 2016 änderte sich sein Leben, er kriegte den Job, der ihn momentan über Wasser hält – vor einem Spar-Markt in der Morzger Straße verkauft er „Apropos“, das er elegant „the newspaper“ nennt. „Solange ich keine Dokumente habe und nur von Jahr zu Jahr denke, werd ich das wohl machen.“ Mittelfristig möchte er etwas lernen, mit 27 ist es noch nicht zu spät – „vielleicht Mechaniker, oder irgendetwas, was man mit den Händen macht. In Nigeria hatte ich ein Geschäft für Autobatterien.“ Er teilt sich jetzt eine Mietwohnung mit einem Landsmann.
Die Salzburger hält er für sehr offen, und er muss immer noch lachen aus Verblüffung, wenn er an Weihnachten denkt. „Eine Familie hat mich zum Weihnachtsfest eingeladen – und am nächsten Tag war ich schon wieder woanders eingeladen.“ Mike ist so richtig integrierbar. „In Nigeria war ich nicht so der große Sportler. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich eines Tages laufen würde!“ Jüngst lief er 21 Kilometer, einen Halbmarathon, in der Zeit von 1:46. „Freunde haben mich zum Laufen mitgenommen. Die haben mir das beigebracht, und inzwischen laufe ich selbst.“ Der Nigerianer würde Salzburg am liebsten gar nicht mehr verlassen: „Ich war in Wien, und einmal in Graz, nur liebe ich Salzburg so sehr, ich muss da gar nicht raus. In Innsbruck bin ich auch gewesen. Aber mir genügt Salzburg völlig.“
Ich spreche ihn doch auf den Rassismus an. Mike Omo weiß, wie er damit umgeht: „Meine Mutter ist früh gestorben. Aber ich erinnere mich sehr gut, wie sie zu mir sagte: ‚Ich habe dich neun Monate in meinem Bauch getragen. Und jetzt bist du hier. Es wird Menschen geben, die dich mögen, und andere, die dich hassen. Aber hab keine Angst!‘ Vor dem Spar denke ich manchmal an ihre Worte. Es sind nicht alle Leute immer nur freundlich. Doch das ist egal, ich lächle sie an. Die einen mögen dich, die anderen nicht – ist doch in Afrika genauso.“
Jetzt muss ich gehen, aber ich erinnere mich, dass „the newspaper“ heute die Caféhausrechnung zahlt. Ich schlage Mike Omo vor, noch etwas zu essen. Vielleicht einen Tafelspitz? Mike ist bescheiden. Er lehnt ab. Ein Red Bull noch? Okay, den nimmt er. Ich dringe noch einmal in ihn. Okay, er hätte gerne einen Teller Pommes frites. Ich zeige auf die Karte: „Die haben auch ein Beiried, eine Spezialität, nimm doch lieber ein gutes Stück Fleisch!“ Nein, wehrt Mike Omo ab, Pommes frites, das reicht. Mit Ketchup wenigstens? „Ja, mit Ketchup“, sagt Mike, und das ist das Letzte, was ich heute von ihm höre.

 

von Martin Amanshauser