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Seelische Narben

Mehr als 10.000 Kinder erfahren jährlich in Österreich sexuelle Gewalt. Die meisten Täter stammen aus der direkten Umgebung. Aus dem Bekanntenkreis und oft aus der Familie selbst. Die Opfer haben die Folgen ein Leben lang zu tragen. Der Weg zurück in ein gutes Leben mit Partnerschaft ist aber dennoch möglich.

von Eva Daspelgruber

Kannst du bitte das Licht ausmachen?”
Sie weiß gar nicht, wie oft sie das schon gesagt hat. Denn nur im Dunkeln fühlt sie sich wohl dabei. Da kann sie sich hingeben und die Zweisamkeit genießen. Mittlerweile ist sie schon soweit, ihren Partnern zu erzählen, was ihr als kleines Mädchen widerfahren ist. Weil sie irgendwann realisiert hat, dass es nicht ihre Schuld war, was passierte. Dass sie das Opfer war und es ihr deshalb nicht peinlich sein muss, darüber zu sprechen. Sie hatte schließlich nichts Unrechtes getan. Es war ihr Großvater. Sie glaubte damals, es wäre in Ordnung, wenn er das tun würde, denn schließlich war er der Opa. Und der würde ihr doch nichts Böses antun wollen?
Unangenehm war es für sie, aber sie dachte, er darf das. Sie war noch klein, fünf, als er sie regelmäßig auf den Schoß nahm und sie berührte, wenn die Oma nicht da war.

So wie ihr ging und geht es vielen Kindern, die sexuelle Gewalt in der Familie erfahren. Denn meistens sind es die Verwandten – oft sogar jene, die unter einem Dach leben –, die sich an unschuldigen kleinen Mädchen und Jungen vergreifen und damit ganz oder zum Teil deren zukünftiges (Liebes-)Leben zerstören. Und die Kinder sagen oft nichts, schämen sich und müssen den Rest ihres Lebens mit dieser Wunde in der Seele verbringen. So wie sie.

Experten gehen davon aus, dass weltweit jedes vierte Mädchen und jeder achte Junge in der Kindheit sexuelle Gewalt erlebt. Das sind Schätzungen, denn die Dunkelziffer ist hoch. Zu viel von dem, was im Verborgenen geschieht, wird auch für immer dort bleiben und nie das Licht der Öffentlichkeit oder eines Gerichtssaals erreichen.

Jahre später, als junge Frau, erzählte sie es ihrer Mutter. Denn es war deren Vater gewesen. Die Reaktion war alles andere als erwartet. Hatte sie Bestürzung, Betroffenheit und Wut erwartet, wurde dies erfüllt, aber was nachhallte, war der eine Satz, der sich in ihr Gedächtnis einbrannte: „Das hat er bei mir auch getan.“  Was? Wie bitte? Wie kam sie dann dazu, ihre eigene Tochter dorthin zu schicken? „Ich dachte, er würde es bei dir nicht machen“, sagte die Mutter. Und: „Warum hast du es mir damals nicht erzählt?“

Zum Glück haben sich die Zeiten geändert. Weil man mittlerweile schon kleinen Kindern sagt, wo andere hingreifen dürfen und wo nicht. Weil wir aufmerksamer sind. Weil so etwas einfach nicht mehr in dem Ausmaß geduldet wird. Trotzdem passiert es weiterhin. Trotzdem tragen viele Menschen die Last weiter mit sich herum. Darüber reden hilft, ja, aber es macht das Ganze nicht ungeschehen.

Oft überlegt sie, was passiert wäre, wenn die Oma nicht an diesem einen Tag heimgekommen wäre und ihn erwischt hätte. Wie lange und wie weit das noch gegangen wäre. Er, der unzufriedene Alkoholiker, der im Leben nichts auf die Reihe brachte und unglücklich mit einer dominanten Frau verheiratet war. Sie musste damals im Schlafzimmer warten, während die Oma schrie und ihn verprügelte. Nur Wimmern hatte sie von ihm gehört und danach hatte er sie nie wieder berührt. Dafür weiter getrunken, was ihn dann auch ins Grab brachte. Nie hatte die Großmutter mit ihr über diesen Abend geredet und als sie es wollte, war die Oma bereits tot. Darum das Gespräch mit der Mutter.
Mit der erschreckenden Erkenntnis, dass er 20 Jahre zuvor dasselbe mit seiner eigenen Tochter getan tat.

Ihr Liebesleben hat er zum Teil für immer zerstört. Sie wird ihr Leben lang ein Problem mit ihrem Körper haben und sich darin nicht wohlfühlen. Sie wird sich beim Liebesspiel immer im Dunkeln am wohlsten fühlen.
Aber es wird besser.
Für sie.