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Ein Zuhause in der Fremde

Hebron ist kein schöner Ort, es ist ein verstörender. Und doch hat die größte Stadt des Westjordanlands ihre Reize: Es gibt dort ein wenig mehr Wärme, ein wenig mehr Gastfreundschaft als anderswo.

von Sandra Bernhofer

Die Köpfe der Arbeiter wippen im Takt gegen die Fensterscheiben des Taxis, während draußen die Sonne am Himmel hinabrutscht. Dann spuckt uns das Gefährt aus, in dunklen Straßen, die vor Menschen wuseln. Hebron, 200.000 Einwohner, 30 Kilometer südlich von Jerusalem. Eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt – und eine der explosivsten. Auch 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg gilt die Stadt als Brennpunkt im Nahostkonflikt, als Hochburg von palästinensischen Selbstmordattentätern, die sich mit allen Mitteln gegen die Besatzer wehren. Gleichzeitig leben hier einige der extremistischsten jüdischen Ultranationalisten, die das Recht auf „ihr“ gelobtes Land um jeden Preis geltend machen wollen. Auf engstem Raum leben sie nebeneinander, bewacht von 650 israelischen Soldaten. In Hebron gibt es viele Wahrheiten. Eine teilen wohl alle: Eine Lösung ist nicht in Sicht, denn niemand will „sein Land“ aufgeben.

An jenem Abend merken wir davon nichts. Gestrandet in einer fremden Stadt fühlen wir uns alles andere als fremd: Jemand bietet uns sein WLAN-Passwort an, jemand kennt unsere Gastgeberin, jemand führt uns zu ihr. Wir beschließen länger zu bleiben und stehen am nächsten Morgen auf der Schwelle des H2 Hostels.

„Welcome“ steht an der Eingangstür. „Welcome“, ein Wort, das einen als Tourist begleitet, wohin man im Westjordanland auch kommt – auf der Straße, beim Schneider, beim Frisör, der uns neben dem Haarschnitt zu einem arabischen Kaffee und seiner Lebensgeschichte einlädt. Es ist diese Gastfreundschaft, die der Hostelbetreiber Ghassan Jabari wieder für mehr Menschen aus aller Welt erfahrbar machen will. Zwei Jahre hat der 24-Jährige in Europa studiert, doch etwas hat ihn zurückgezogen, ein Traum: Er hat einen anderen Weg gefunden, für seine Heimat zu kämpfen, als die jungen Männer, mit denen er groß geworden ist, einen gewaltlosen. Seit etwas mehr als einem Jahr holt er nun das Leben zurück nach Hebron, mit drei Zimmern, 24 Schlafplätzen – einfach, aber sauber. Wer das Hostel betritt, wird ins Beduinenwohnzimmer eingeladen, auch Gäste, die nicht eingemietet sind, wie wir.
Bald halten wir eine dampfende Tasse in der Hand, in der Minzblätter schwimmen, während Jabari am Telefon eine Unterkunft für uns organisiert und dann erzählt. Erzählt, welch pulsierende, lebendige Stadt Hebron einst war. Heute verirren sich nur noch wenige Touristen hierher. Warnungen kommen nicht nur von westlicher Seite, auch viele Palästinenser sind überzeugt: Hebron ist ein gefährlicher Ort – fahrt lieber nach Ramallah, die Party-Metropole des Westjordanlandes. Gerade ist das Hostel ausgebucht, oft komme jedoch tagelang kein Gast. „Leicht ist es nicht“, sagt Jabari, aber es gehe ihm nicht ums Geld, sondern darum, die Botschaft zu verbreiten, die der Ungerechtigkeit der Besatzung, die, was Hass und Gegenhass anrichten – und eben auch die, mit welcher Herzlichkeit Reisende hier trotz allem aufgenommen werden.

Ein Ort, an dem sich immer wieder Konflikte entzünden, ist die Machpela, die zweitheiligste Stätte im Judentum nach dem Tempelberg. Dort sind der Überlieferung nach die Erzväter mit ihren Frauen begraben. Den arabischen Palästinensern ist diese Stätte als Ibrahimi-Moschee genauso heilig. Sie werden heute durch drei Checkpoints geschleust, bevor sie dort beten können, durch dunkle Gänge, Gitterkonstruktionen. Jabari hat diese Schleusen länger nicht mehr betreten. „Die einzige Religion, die ich kenne, ist die Mitmenschlichkeit. Die Beziehung zu Gott sollte etwas sein, das nur Gott und einen selbst etwas angeht.“ Eine Sichtweise, die er so auch in Europa kennengelernt hat. Irgendwann, sagt er, will er wieder dort hin, eine Bar aufmachen, aber erst, wenn die Arbeit hier getan ist. Und das wird dauern.   


   

Gastfreundschaft braucht Zeit

Thomas Herdin leitet die Abteilung Transkulturelle Kommunikation an der Universität Salzburg.

 

von Sandra Bernhofer

 

Warum reisen wir? Und was macht das mit uns?

Herdin: Ich glaube, wir reisen, weil wir neugierig sind. Ob Reisen eine Sache der Weiterentwicklung ist, hängt von der Person und ihrer Motivation ab. Manche nehmen ganz selbstverständlich ihre kulturellen Gewohnheiten mit. Sie sehen Fremde, ohne ihr eigenes Fremdsein zu erleben. Ganz anders Individual-Reisende oder Menschen, die für längere Zeit in einem anderen Land arbeiten: Sie werden plötzlich mit dem Fremdsein konfrontiert, können ihm nicht ausweichen. Sie lernen nicht nur eine andere Welt kennen, sondern auch ihre eigenen Grenzen.

 

Man spricht dann auch von Kulturschock. Wie geht man damit um?

Herdin: Als man das Konzept entwickelt hat, galt Kulturschock als Krankheit. Symptome: Unwohlsein, Abwehr und Abwertung des Fremden. Heute sieht man Kulturschock anders, als etwas ganz Wichtiges. Wenn die alten Handlungsmuster nicht mehr funktionieren, kann man sich selbst hinterfragen: Warum empfinde ich, was ich empfinde? Wo mache ich vielleicht etwas falsch? Was kann ich ändern? So bekomme ich einen neuen Handlungsspielraum.

Beim Reisen hat man natürlich die Möglichkeit zu sagen, ich habe das gebucht und schaue nicht nach links und rechts. Dabei lerne ich wenig, verfestige vielleicht Stereotype, aber ich vermeide den Kulturschock. Wenn ich ins Ausland gehe, um zu arbeiten, muss ich mit den Menschen vor Ort kooperieren und mich viel stärker mit der Kultur auseinandersetzen. Dadurch sind natürlich die Irritationsmöglichkeiten größer, aber auch die Chancen dazuzulernen, Kooperationen zu etablieren und zu stabilisieren. Ich etwa habe im lateinamerikanischen und im asiatischen Raum das Fatalistische zu schätzen gelernt: Dinge geschehen, ich kann nicht alles beeinflussen und planen. Wenn ich mich öffne, sehe ich, es funktioniert auch anders, als ich es gewohnt bin. Deswegen ist ein Kulturschock etwas Positives.

 

Wer reist, schwärmt oft auch von Gastfreundschaft. Was braucht es dafür?

Herdin: Ganz wichtig ist Neugier. Sie ist der Antrieb, um sich mit etwas auseinanderzusetzen. Wenn es darum geht, Gastfreundschaft zu erleben, muss man langsam reisen, sich an die lokalen Gegebenheiten herantasten, nicht so auftreten, als sei die eigene Kultur das Maß aller Dinge. Es ist hilfreich, wenn man das Sensorium öffnet, das Smartphone Smartphone sein lässt und nach außen signalisiert: Ich bin offen. Begegnung kann etwas Positives sein, sie kann aber auch Ängste hervorrufen. Wenn Leute Angst haben, wird es weniger Gastfreundschaft geben. Und wenn ich Massentourismus habe – wie in Salz-burg –, viele Touristen auf wenige Einheimische treffen und man kaum noch von A nach B kommt, dann werden die Menschen sich eher verschließen. Vielleicht kann man da einen Unterschied machen: Das langsame Reisen und Sich-öffnen ist etwas anderes als touristisches Konsumieren.