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Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Immer wieder aufstehen – für die Chance zu leben

von Schreibwerkstattautor Yvan Odi

Mohammed steht schon lange in der winterlichen Kälte am Straßenrand und versucht seine erworbenen Zeitungen an die vorbeigehenden Menschen zu verkaufen. Vor allem, weil die Menschen, aus den verschiedensten Gründen, eben nur vorbeigehen, fällt es ihm sehr schwer, die Exemplare der Straßenzeitung für ein bisschen Lohn zu verkaufen.
Sicherlich liegt es an der klirrenden Kälte und auch daran, dass im Winter weniger Menschen auf den Straßen unterwegs sind als sonst in der wärmeren Jahreszeit.
Doch auch im Sommer, wenn viele Menschen die Straßen bevölkern, geht der Zeitungsverkauf nur schleppend voran.
Einer der Gründe, weshalb Mohammed, als ausgebildeter Ingenieur, überhaupt die Zeitung verkaufen muss, ist, dass hier, in dieser fremden Stadt, sein Diplom nicht anerkannt wird. Der schreckliche Krieg in seinem Heimatland nötigte ihn die Flucht zu ergreifen und seine Familie in der zerbombten Stadt zurückzulassen. Die kleinen Kinder hätten beim besten Willen den beschwerlichen Weg kaum schaffen können.
Jeden Tag, wenn er auf der Straße steht, erinnert sich Mohammed an die abscheulichen Bilder des Krieges.
Wie konnte so etwas nur passieren?
In seiner Heimatstadt ging es ihnen gut. Er hatte einen Job mit ausreichend Einkommen und seine Familie hatte alles, was es zu einem würdevollen Leben braucht.
„Wie soll es in Zukunft nur weitergehen?
Wie kann ich meiner Familie helfen?"

Diese unbeantworteten Fragen begleiten ihn den ganzen Tag, während er draußen in der Kälte steht – mitten im Winter – und Zeitungen verkauft.

Für Mohammed selbst – hier in Österreich – ist die Bürde seines zerbrochenen Lebens gerade noch zu ertragen, doch wie es seiner Frau und seinen Kinder geht, die in einer zerbombten Stadt leben müssen, darüber kann er nicht allzu oft nachdenken. Wenn er wüsste, was er tun könnte, um diesem Alptraum zu entrinnen, er würde alles dafür geben. Er möchte von sich aus den Menschen hier in dieser wohlhabenden Stadt keine Belastung sein. Er möchte mit rechtschaffener Arbeit zum Gemeinwohl beitragen. Er braucht nur die Gelegenheit, das zu beweisen. So viele Hürden sind hier für ihn zu bewältigen und alles braucht seine Zeit: die fremde Sprache erwerben, die neuen gesellschaftlichen Strukturen und Regeln verstehen und erlernen und vor allem Anschluss und Freunde finden.
Das ist besonders wichtig. Denn jeder Mensch braucht Unterstützung, um wieder auf die Beine zu kommen.
Mohammed ist nicht der Einzige mit diesem Schicksal. Viele mussten fliehen, nicht aus freiem Willen, sondern weil ihnen ihr Leben genommen worden ist. Ihre wunderschöne Heimat hat der hässliche Krieg verschlungen.