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Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Billi denkt nach

von Verkäufer und Schreibwerkstatt-Autor Toni Auer

Ein schöner warmer Februartag am Kapuzinerberg. Billi wurde gerade munter und kroch aus dem Schlafsack, er rieb sich die Augen, dann streckte er sich und suchte nach Essbarem in seinem Rucksack. Die Lebensmittel hatte er sich am Vortag bei verschiedenen sozialen Einrichtungen organisiert: Es kamen ein Joghurt, zwei Laib Brot und eine Packung Milch zum Vorschein. „Gut, dass ich die Packung Milch bekommen habe! Das harte Brot tauche ich nämlich in die Milch ein, dann kann ich es essen, meine Zähne sind nämlich nicht mehr die besten“, freute sich Billi über sein Frühstück. Während er frühstückte, schaute er über die Berge, wo gerade die Sonne aufging und die ersten Sonnenstrahlen die Dächer der Stadt streiften. „Woher wohl die Leute kommen, die jetzt bereits in ihren Autos unterwegs sind?“, überlegte er. „Na ja, manche werden aus der Nachtschicht kommen und die anderen bereits auf dem Weg in die Arbeit sein. Ich wäre gern einer von ihnen!“, grübelte der Mann weiter.

Er kaute bedächtig an einem Stück Brot: „Wie wird man eigentlich zu dem Menschen, der man ist? Wie kamen die Berge zu ihrer Form, wie die Flüsse? Wie hatte Salzburg wohl ausgesehen vor tausend Jahren, wie schnell oder wie langsam hat sich das Aussehen dieser Stadt verändert?“ Billi kam beim Frühstück zu folgender Erkenntnis: Berge und Flüsse werden von Naturgewalten in ihre Form gebracht. Es heißt ja auch: „Steter Tropfen höhlt den Stein!“ Die Häuser und Brücken, die Festung und die Straßen haben Menschen in Form gebracht, das manchmal auch mit Gewalt gegen die Natur: Wir Menschen haben Wälder gerodet, Häuser geschliffen, Flußbette verlegt.

Billi dachte nun über sich selbst nach. Ja, damals beim Bundesheer musste er funktionieren. Wer beim Exerzieren aus dem Schritt kam, musste Liegestütze machen oder um den Block laufen. Das nannte man „geschliffen, also in Form gebracht werden“. Später beim Arbeiten ging es weiter so, immer schön in Form bleiben, dann passiert einem nichts. Und wer arbeitslos wird, der muss doppelt so gut funktionieren! Billi lachte trotzig auf: „So schnell lass ich mich aber nicht verbiegen. Da liegt die Stadt vor mir, die Sonne scheint, jetzt im Frühjahr wird es wärmer und wärmer, das Wetter soll mild bleiben und der Sommer wieder sehr heiß werden. Da kann ich weiter hier schlafen. Aber was mach ich dann im Winter? Ich will nicht erfrieren. Also sollte ich mich wohl um eine kleine Wohnung kümmern, dafür muss ich mich aber zuerst einmal in Form bringen!“

Billi denkt auch nach seinem Frühstück über seine Zukunft nach, Tag für Tag überlegt er, wie er sein Leben ändern kann und ob er diese Veränderung dann auch wirklich will. Schließlich macht er sich auf den Weg zu einer der Sozialeinrichtungen, wo ihn die Mitarbeiter schon lange kennen. Ja, manchmal hat er Termine versäumt, ist nicht ans Ziel gelangt. Aber heute will er es anders anfangen, dranbleiben, er wird sich bessern und wird sich endlich in Form bringen lassen. „Billi, Daumen hoch! Du schaffst das schon!“, macht er sich selbst Mut.