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Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Alle Medien sind frei

Wenn Sie einer von vielen Emigrierten sind, die in der letzten Zeit versucht haben ein normales Leben in einem westlichen Land der Europäischen Union zu finden: Glauben Sie mir, Ihre Chance ist minimal oder gleich null. Die gesetzliche Regelung in Österreich ist problematisch – sie hat ausländische Menschen vom Arbeitsmarkt distanziert. Als Gründe dafür werden die geringen Deutschkenntnisse, die geringe Qualität der Arbeit in verschiedenen Branchen und die Überforderung mit den teils psychisch Kranken genannt. Vielleicht denken die Menschen, dass diese Personen schwerer handzuhaben sind, dass sie deformiert sind von ihrer Vergangenheit, weil sich junge Menschen leichter verändern lassen.
Wörter wie „adaptieren“ und „integrieren“ sind kontinuierlich schwer umzusetzen und funktionieren nicht in der Praxis, wenn es keine interessanten Jobs gibt. Die ganze Welt der politisch-wirtschaftlich manipulierten Systeme kämpft darum, mehr zu gewinnen mit den gering bezahlten Arbeitern. Die Emigrierten haben wenig Möglichkeit, einen passenden Job zu finden in den intelligenten, weißen Ländern der Europäischen Union. Die westlichen Länder schaffen keinen sozialen Bereich, sondern kehren wieder zurück zu älteren Versionen des gesellschaftlichen Netzwerks wie Feudalismus mit starken Monopolen.
Ich bin früher als andere geflüchtet, so dass ich Kontakt hatte zu kompetenten, bekannten Menschen von der Universität Salzburg und netten Sozialarbeitern bei Neustart im Saftladen. Damals war es möglich, auf der Straße zu stehen und Zeitung zu verkaufen, gemäß dem Paragraphen 25: Alle Medien sind frei und stehen allen zur Verfügung.
Es gibt ein altes Sprichwort, dass die Hunde bellen und die Karawane weiterzieht. So war es bei meinem ersten Arbeitstag bei Apropos. Ich war in der Mitte meines Lebens und stand auf der Staatsbrücke mit gebücktem Kopf wie eine Ente in der Salzach, die ich fütterte. Ich hatte keine Ahnung von meiner Zukunft und keine neuen Ideen. So, als wenn meine Träume von einem Sandsturm hinweggeweht worden wären. Bei schlechtem Wetter und mit schüchterner Stimme musste ich gegen das Schicksal kämpfen. Ich stand auf der Staatsbrücke und wollte am liebsten die Zeitung wegschmeißen und in den Fluss springen.

Ich wollte nicht mehr blöd herumstehen auf der Brücke und auf eine positive Rückmeldung von den Passanten hoffen. Der Wind war stark und ich probierte meinen Kopf frei zu bekommen. Meine Gedanken waren wie Boote, die mit Seilen am Kai befestigt waren.
Um mich hat sich mein Leben lang niemand gekümmert. Es schmerzte, dass ich nicht gebraucht wurde. Nur ein Straßenhund, dachte ich, hat ein solches Leben. Dann kam auch noch starker Regen. Das Schicksal war gegen mich. Es wollte mich umwerfen und aus dem Weg räumen.
Mich, einen Mann, der immer ein Kämpfer war!
Wo sollte ich hin, wo war mein Zuhause, würde es jemals leichter sein?
Ich war ohne Ziel mit zerbrochenem Blick neben den vorbeifahrenden Autos.
Nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, lachte mich ein junges, blondes Mädchen an. Sie stand vor mir und bat mit beiden Händen um eine Zeitung. Ich sah sie und blieb stehen – still zwischen dem Takt der Dimensionen – wie die Mozartstatue. Die Stimme dieses freundlichen Engels zwitscherte mir die besten und nettesten deutschen Wörter ins Ohr, während sich, parallel dazu, der Himmel sich über mir ausschüttete. Sie hat mir das gesagt, was Menschen in dieser kalten, verregneten Jahreszeit brauchen.
Und jetzt schreibe ich meine schwarz-weißen Meinungen. Zuerst muss ich meine Miete und Gesundheitsversicherung zahlen, von dem Geld, das ich mit dem Verkauf der Straßenzeitung verdiene. An eine Pension denke ich nicht. Der Spiegel jeden Morgen erzählt mir realistisch die Geschichte meines Lebens. Ich kämpfe gegen mein Schicksal, obwohl es mich nicht mag. Ich bin zufrieden.   

 

 

von Verkäufer Ogi Georgiev