Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Hervorgehoben I

„Schlüssel zu neuem Lebensglück“

Wenn einer eine Reise tut – dann kriegt er was zu hören. Den Surprise-Stadtführern aus Zürich und Basel jedenfalls ging es so, als sie sich kürzlich mit ihren Straßenzeitungs-Kollegen in Köln und Düsseldorf austauschten. Die Bildungsreise zeigte, dass in ganz Europa ein neues Berufsbild entsteht: Das des engagierten Ex-Obdachlosen, der den Leuten mit seiner Expertise den Blick öffnet.

Text von Christina Bacher

Die Steinsarkophage vor dem Römisch-Germanischen Museum, knappe 100 Meter vom Kölner Dom entfernt, sind seit Jahren mit schweren Eisenplatten zugenagelt. Früher legten sich hier Obdachlose zum Schlafen rein. Die „Kölsche Linda“, die selbst viele Jahre auf der Straße gelebt hat, erlebte das noch mit, sagt sie. Linda ist Verkäuferin von Deutschlands ältester Straßenzeitung, dem „Draussenseiter“ in Köln. Seit zwei Jahren ist sie zudem auch als Stadtführerin der „Bürger und Berber“-Tour unterwegs, die sie für gewöhnlich gemeinsam mit dem Historiker Martin Stankowski absolviert. (Obdachlose im Rheinland nennen sich in Anlehnung an die nordafrikanischen Nomaden „Berber“, Anm. d. Red.) Geplant und ausgeschrieben werden die Touren von der Wohnungslosen- einrichtung Oase, die auch den Draussenseiter herausgibt.
Der Einrichtung kommen auch die Einnahmen zugute – von Lindas Honorar einmal abgesehen.
Heute ist die gebürtige Kölnerin mit einer ganz besonderen Truppe um den Dom unterwegs, nämlich mit Kolleginnen und Kollegen, die in Basel, Zürich und Düsseldorf genau das Gleiche tun wie sie. Angezettelt hat diese spezielle Art der Begegnung das Team um die stellvertretende Surprise-Geschäftsleiterin Sybille Roter, die auch für die sozialen Stadtrundgänge in Basel, Zürich und bald auch Bern zuständig ist. Eine Art Betriebsausflug also – mit Weiterbildungsfaktor.
Lindas Befürchtung, dass sich die erfahrenen Stadtführer auf ihrer Tour ohne Historiker Stankowski langweilen könnten, ist unbegründet: Alle hängen an den Lippen der Frau, die viele Jahre auf einem Friedhof Unterschlupf gefunden hat – ohne Decke und Schlafsack, wohlgemerkt. Sie hat so lange auf dem Grab ihrer Großmutter gelebt, bis sie nicht mehr konnte. Abgemagert und schwer krank wurde sie vom Sozialdienst katholischer Frauen aufgenommen und nach und nach aufgepäppelt. „Dass ich heute hier so vor euch stehe, verdanke ich auch Projekten wie dem Draussenseiter und vielen Menschen, die an mich geglaubt haben.“ Mit den Stadtführungen, die in Köln nur gelegentlich und auf Nachfrage durchgeführt werden, will sie vor allem eines erreichen: Die Menschen sollen nicht mehr wegschauen. „Ich mache eben Politik. Im Kleinen“, sagt die Frau, die sogar einen eigenen Verein gegründet hat, um obdachlosen Frauen zu helfen. Nach der Führung wird sie als Rednerin auf einer Kundgebung zum Thema „Wohnraum für Alle“ erwartet.

Einen Tag später und rund 40 Kilometer weiter nördlich: Auch in Düsseldorf geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Jeder zweite Einwohner hat Anspruch auf Mietzuschüsse, und die offiziellen Schätzungen gehen von rund 1.000 wohnungslosen Menschen aus – die Dunkelziffer ist viel höher.
Gut 20 Minuten Spaziergang von der berühmten Königsallee, einer der Luxus-Shoppingmeilen Deutschlands, liegt das Büro der Organisation Fifty Fifty, die sich in der Stadt der Gegensätze seit vielen Jahren um die Randständigen kümmert. Das gleichnamige Straßenmagazin ist nur ein Teil des breiten Angebots der Einrichtung, die neben der Sozialberatung und Gassenarbeit auch eine Galerie betreibt, die mit dem Verkauf von hochwertigen Kunstwerken das Ganze mitfinanziert. Als neues Standbein sind vor drei Jahren die sozialen Stadtrundgänge hinzugekommen, die immer im Team durchgeführt werden. Eines der Duos besteht aus zwei Frauen, Mirjam und Sandra – das ist einzigartig und bietet einen ganz speziellen weiblichen Blickwinkel auf das Thema Obdachlosigkeit. Die beiden wissbegierigen Freundinnen haben sich heute ebenfalls der Gruppe angeschlossen, um die Kollegen aus der Schweiz kennenzulernen. „Wir Stadtführer sind offenbar aus demselben Holz geschnitzt, egal, wo wir herkommen“, freut sich Sandra über die Begegnung. „Wir alle dürfen keine Angst vor großen Gruppen haben und müssen eine Sprache sprechen, die jeder versteht. Das ist schwerer, als man sich das so vorstellt!“, sagt sie. Sowohl Selbstbewusstsein als auch die laute Stimme hat sie sich im Laufe der Zeit antrainiert – beides wichtige Voraussetzungen für ihren Job, auf den sie sehr stolz ist.

„Willkommen auf der einzigen Wohnungsbesichtigung, bei der das Dach fehlt“, begrüßt Jörg die Besucherinnen und Besucher. Inzwischen hat sich in der Gruppe das Gefühl eingestellt, man kenne sich schon seit Jahren. Für die Fakten zu Beginn der Tour ist Sozialarbeiter Johannes Dörrenbächer zuständig, der die Organisation der sozialen Stadtrundgänge bei Fifty Fifty mitbetreut. „Inzwischen kommen auch immer mehr Anfragen von Schulen“, erklärt er. „Deshalb haben wir ein Begleitheft erarbeitet, weil wir die pädagogische Aufarbeitung der Tour nicht auch noch leisten können und wollen“, er teilt das dünne, für Jugendliche gestaltete Heftchen aus. „Klasse!“ lautet die erste Rückmeldung von Markus Christen aus Basel, „so etwas bräuchten wir auch. Nicht nur für Jugendliche!“ Eine Anspielung darauf, dass nicht jeder Teilnehmer eines sozialen Stadtrundgangs die nötige Toleranz und Offenheit mitbringt: „Neulich beschwerte sich eine Frau, weil sie auf der Tour gar keinen Obdachlosen in der Gosse gesehen hat“, ergänzt Peter aus Zürich. „Dabei achten wir ja extra darauf, dass wir niemanden vorführen. Dafür fehlt manchmal das Verständnis.“ Eine Erfahrung, die auch das Stadtführer-Duo Jörg und André in Düsseldorf schon gemacht haben, wo sie die Einrichtungen und Wohnhäuser der Obdachlosenhilfe immer nur von Weitem zeigen.
Nur heute wird eine Ausnahme gemacht: In der Altstadtarmenküche gibt es für die Weitgereisten einen deftigen Eintopf und zum Ende der Führung im Fifty-Fifty-Büro einen starken Kaffee. Den braucht auch der eine oder andere, um das Gehörte zu verdauen.

„Ich nehme unglaublich viel von dieser Reise mit“, sagt Surprise-Stadtführer Markus, als es nach drei Tagen in Deutschland wieder im Zug nach Basel sitzt. Vor allem die Besichtigung der Überlebensstation Gulliver am Kölner Hauptbahnhof hat ihn beeindruckt. Für ihn war die Tätigkeit als Stadtführer von Anfang an mehr als ein Zusatzverdienst zu Sozialhilfe und Rente. Er weiß, dass er den Menschen etwas Wichtiges mitzuteilen hat. Dass er sich gut ausdrücken kann, merkt er an den positiven Rückmeldungen und dem Feedback nach seinen zweistündigen Touren. „Ich sehe jeweils, wie sich das Denken in einer Gruppe nach und nach wandelt, während wir gemeinsam unterwegs sind. Und dass wir uns am Ende einer Stadtführung auf Augenhöhe begegnen. Ein unglaublich gutes Gefühl.“ Der heute 63-Jährige, dessen Selbstwertgefühl noch vor fünf Jahren vollkommen am Boden gewesen sei, wie er sagt, geht ganz offen mit seiner eigenen Geschichte um: Heimkindheit, Lehre zum Schriftsetzer, Jobverlust bei der Umstellung auf Computertechnik. Als er wegen einer zu spät diagnostizierten Schlafapnöe beinahe einen Unfall baute, war er seinen zweiten Job als Chauffeur auch los. Nach Jahren der Arbeitssuche galt er auf dem Arbeitsamt schließlich als nicht mehr vermittelbar. Depressive Schübe gaben ihm den Rest. „Obdachlos war ich nie, aber ich war am Ende. Und dann passierte eine Art Wunder“, erinnert er sich an das Jahr 2013, als Sybille Roter von Surprise auf ihn zukam und ihm die Idee der sozialen Stadtrundgänge vorstellte. Zuerst zögerlich, dann immer begeisterter entwickelte er mit seinem Stadtführer-Partner verschiedene Touren, die seit Jahren gut gebucht sind. Besonders stolz ist er auf seine Kandidatur für das Basler Stadtparlament in diesem Jahr. „Mir ist klar geworden, dass die Themen Armut und Ausgrenzung auch in der Politik stärker vertreten werden müssen. Mit meiner Kandidatur habe ich einen enormen Achtungserfolg erzielt“. Dass letztlich nur 400 Stimmen zu einem Sitz fehlten, motiviert ihn, diesen Weg weiter zu verfolgen.

Nur wenige Tage nach der gemeinsamen Reise ins Rheinland treffen sich die beiden Surprise-Stadtführer Peter und Ruedi am Zürcher Hauptbahnhof zum Mittagessen. Die beiden Männer bewältigen gemeinsam bis zu vier Stadtführungen in der Woche und treffen sich auch privat, weil sie sich gut verstehen. Heute tauschen sie erst einmal Reiseerlebnisse aus. „Es war sehr berührend zu sehen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen“, fasst Peter zusammen. „Und am Samstag hast du echt noch was verpasst, Ruedi“, neckt er den Freund, der sich wegen einer wichtigen Stadtführung schon einen Tag früher auf den Rückweg gemacht hat. Der zuckt nur mit den Schultern. „Wenn ich versprochen habe, dass ich eine Führung übernehme, dann mache ich das auch“, sagt der Mann mit der bunten Mütze selbstbewusst. Er klappt seinen Kalender auf, in dem er fein säuberlich jede einzelne Führung einträgt, über seine Einnahmen Buch führt und seine Termine plant – was gar nicht so einfach ist, denn seine nächsten Wochen sind jetzt schon komplett ausgebucht. Aber Ruedi hat gelernt, sich durchzusetzen – seit seinem ersten Lebenstag als Frühchen, wie er erzählt. „Die Chancen, dass ich überlebe, standen fifty-fifty“, grinst er. „Und ich habe es geschafft.“

Nicht alle, die sich als Stadtführer bewerben, sind so zuverlässig und belastbar wie Ruedi, Peter, Markus, Rolf, Linda, Sandra, Mirjam, Jörg oder André. Die gesundheitliche Verfassung ist bei Menschen, die jahrelang auf der Straße oder an anderen Rändern der Gesellschaft lebten, oft nicht die beste – weder psychisch noch physisch. Vielen geht bei einer derart verantwortungsvollen Tätigkeit auch die Puste aus. Andere verlässt dann doch beim Anblick einer großen Gruppe Menschen der Mut, frei zu sprechen. So scheint es, als entstehe gerade ein ganz neues Berufsbild: das des politisch engagierten Ex-Obdachlosen, der mit seiner Expertise anderen Menschen den Blick öffnet.

Der 65-jährige Rolf ist in Basel Stadtführer der ersten Stunde. Für ihn war der Ausflug ins Rheinland eine Art Abschiedsgeschenk von Surprise: Ausgerechnet er, der jahrelang im Straßenchor mitmischte, bevor er sich maßgeblich an der Entwicklung der unterschiedlichen sozialen Stadtrundgänge in Basel und Zürich beteiligte, hat sich auf seine alten Tage frisch verliebt – und zwar bei der Arbeit. Gemeinsam mit seiner neuen Partnerin, die ebenfalls im Straßenchor singt, hat er inzwischen ein neues Leben in Griechenland begonnen. An der Sonne, in einem kleinen Dorf auf dem Peloponnes, fühlt er sich schon nach den ersten Besuchen wie zu Hause. „Dass ich gemeinsam mit meinen Kollegen noch mal eine letzte Runde durch Köln und Düsseldorf drehen konnte, bedeutet mir viel“, sagt Rolf dankbar. Für ihn jedenfalls war der Job als Stadtführer der Schlüssel zu einem neuen Lebensglück. Oder eben wie ein Sechser im Lotto. 

Mit freundlicher Genehmigung von insp.ngo, dem International Network of Street Papers, sowie den beiden Straßenzeitungen Draussenseiter & Surprise