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Er engagiert sich für die Vergessenen

Er möchte gerne Vorurteile lösen und neue Sichtweisen einbringen. Mit 70 Jahren ist Ex-Politiker Wolfgang Radlegger aktiv wie eh und je. Weil er sich vom Leben begünstigt fühlt, setzt er sich für jene ein, die namenlos, vertrieben und vergessen sind.

Titelinterview mit Ex-Politiker Wolfgang Radlegger
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Woran binden Sie sich gerne?
Wolfgang Radlegger:
An Menschen. Die intensivste Bindung habe ich zu meiner Familie. Ich bin ein neugieriger Mensch und stelle gerne Verbindung zu anderen her. Eine zweite Bindung habe ich zur Botschaft Jesu Christi und den Ideen der Aufklärung.

Wovon lösen Sie sich gerne?
Wolfgang Radlegger:
(lacht) Ich löse mich gar nicht gerne. Ich bin ein Aufbewahrer und Sammler und trenne mich furchtbar schwer von allem.

Sie sind heuer 70 Jahre alt geworden und blicken auf ein intensives politisches Leben zurück. Sie waren Mitglied des österreichischen Bundesrates und der Salzburger Landesregierung, in der Sie das Amt des Landeshauptmann-Stellvertreters und des Landesparteiobmanns der SPÖ bekleidet haben. Was haben Sie in der Politik am meisten gelernt?
Wolfgang Radlegger:
Die für mich wichtigste Erkenntnis war: Man muss etwas wirklich wollen, um es auch erreichen zu können. Man muss sich ein Thema zu seinem Thema machen, sich völlig damit identifizieren und davon überzeugt sein. Nur dann hat man die Chance, trotz aller Fallstricke und Widrigkeiten etwas zu bewegen. Das Zweite ist: Ich habe gelernt, mich in das Denken anderer hineinzuversetzen. Nur dann ist man in der Lage, gemeinsam Lösungen zu finden. Und drittens: Man muss ein bestehendes Gerüst an Orientierungen haben, um sich in der Politik nicht zu verlieren.

Was sind Ihre Orientierungspunkte?
Wolfgang Radlegger:
Um es mit Bert Brecht aus „Die Fragen eines lesenden Arbeiters“ zu sagen: Es hat Arbeiter gebraucht und nicht nur Könige, um das siebentorige Theben zu bauen. Die Geschichte ist immer eine Geschichte der Mächtigen und Herrschenden. Das Leiden der Masse, die immer anonym war, fällt dabei unter den Tisch. Daher interessiert mich vor allem die Geschichte von unten her betrachtet. Mich interessieren jene, die namenlos sind.

Woher kommt Ihr Interesse für die Namenlosen?
Wolfgang Radlegger:
Als ich ein Kind war, habe ich mit meinen Eltern und mit meiner Schwester in einer Vorortsiedlung in Buenos Aires gelebt. Manchmal hat uns unser Vater durch die Autobahnunterführung zu den Ranchos, den Slumgebieten, mitgenommen. Meine Freude galt damals den wunderschönen Kastendrachen aus dünnen Hölzchen und Seidenpapier in allen Farben, die die Erwachsenen dort für ihre Kinder gebaut hatten, obwohl überall Armut geherrscht hat. Ich habe damals die Kinder beneidet, denn wir hatten keine Drachen. Ich kann Papst Franziskus nur zustimmen, wenn er sagt, dass er selten so ein herzliches Lachen wie bei den armen Menschen gesehen hat. Er stammt ja selbst aus Argentinien. Mich beeindruckt nach wie vor, wie sehr die Rancheros in der Lage waren, mit geringsten Mitteln eine färbige Freude für ihre Kinder zu erzeugen. Ich werde diese Ausflüge nie vergessen, sie gehören zu den Erlebnissen, die mich ausmachen.

Ihr Name ist vielen Menschen ein Begriff. Wie leicht oder schwer ist es Ihnen gefallen, sich von einem aktiven Politiker-Leben zu lösen und in die Privatwirtschaft zu Wüstenrot zu wechseln?
Wolfgang Radlegger:
Mich von einem Leben als Politiker zu lösen, ist mir nicht schwergefallen. Mir war immer bewusst, dass ich nicht als Mensch, sondern in der Funktion gesehen werde, wenn ich durch die Getreidegasse gehe und von allen freundlich begrüßt werde. Wenn man sich das verinnerlicht, kann man keine Enttäuschungen erleben.
Schwergefallen ist es mir der Umstände wegen. Ich stand damals unter einer sehr schweren psychischen Belastung und hatte dann mit knapp 40 Jahren einen Herzinfarkt. Die Freundschaft mit einem später verurteilten Wohnbaumanager im Zuge der WEBAffäre hat dazu geführt, dass mir Mitwisserschaft vorgeworfen wurde – obwohl ich überhaupt nichts mit dessen Aktivitäten zu tun hatte. Es gab eine regelrechte Medienhetze gegen mich, das hat weh getan. Ich bin damals als Landeshauptmann-Stellvertreter zurückgetreten, obwohl ich mir nichts zuschulden habe kommen lassen. Das Problem ist: Wenn erst einmal Dinge über einen im Umlauf sind, bleibt immer etwas haften, nach dem Motto: Irgendetwas wird schon dran sein.

Sie nutzen Ihren Namen noch immer, um für andere Partei zu ergreifen. Heuer haben Sie ein Buch herausgebracht, das die Geschichte des Bettelns, die Lebensumstände der südosteuropäischen Roma und den Salzburger Umgang mit den Notreisenden analysiert. Warum sind Ihnen arme Menschen so wichtig?
Wolfgang Radlegger:
Ich bin Jahrgang 1947 und hatte meine Oberstufen-Zeit in den 60er-Jahren in Salzburg. Inmitten einer Zeit, in der über den Zweiten Weltkrieg und die Nazizeit in vielen Familien nicht gesprochen wurde, gab mir meine Mutter das Tagebuch der Anne Frank und meinte zu mir: „Beschäftige dich damit. Ich geh mir dir auch ins Theater und erzähl dir mehr darüber.“ So gehörte ich zu jenem Teil der Generation, der etwas über die ansonsten totgeschwiegene Zeit erfahren hat. Ich war wissensdurstig und habe mich viel mit der NS-Zeit beschäftigt: Wie es dazu kommen konnte und was die Folgen dieser Barbarei waren. Erst in den 70er-Jahren habe ich bemerkt, dass das Schicksal der Zigeuner quasi spiegelbildlich zu jenem der Juden war, dass darüber aber weder geredet noch berichtet wurde. Das Buch „Die Zigeuner“ des ORF-Journalisten Wolf in der Mauer hat mich erstmals damit konfrontiert und mir die Augen geöffnet. Es gab dann Anstrengungen der Volksgruppen, aufzuzeigen, dass auch ihnen Unrecht widerfahren ist und auch sie Rechte und Ansprüche haben. Man muss sich das vorstellen: Erst Jahrzehnte nach dem Holocaust haben die Roma und Sinti von der Republik Österreich eine Entschädigung bekommen. Bezeichnen die Juden den Völkermord als Shoah, ist es für die Roma der Begriff Poreimos – das Verschlingen. Verschlungen von einer Macht, der sie nichts entgegenzusetzen hatten. Sie sind heute noch immer zu einem erheblichen Teil namenlos und die Geschichte ihrer Vernichtung ist nur teilweise aufgearbeitet. Der Salzburger Historiker Gert Kerschbaumer hat versucht, die Namen der von Salzburg nach Auschwitz transportierten Roma und Sinti zu recherchieren. Es war sehr schwer, weil die Aufzeichnungen lückenhaft waren, denn sie waren der Nazi-Bürokratie zu unwichtig, um über ihren Tod Aufzeichnungen zu führen. Diese Namenlosigkeit hat mich schockiert. Seitdem liegt mir das Schicksal dieses vergessenen und immer wieder vertriebenen Volkes am Herzen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Salzburg arme Menschen braucht. Weshalb?
Wolfgang Radlegger:
Wir haben in Salzburg bis Mitte der 60er Jahre bettelnde Menschen gehabt. Zumeist waren es schwer Kriegsversehrte. Bis zum Zeitpunkt der Ostöffnung 1989 hat es die sichtbare Armut in der heutigen Form nicht gegeben. Als dadurch wieder zahlreiche bettelnde Menschen auf der Straße gestanden sind, hat das vielfach Befremden ausgelöst nach dem Motto: „Das kann es doch heutzutage nicht mehr geben, dass jemand betteln muss. Wer arbeiten will, findet auch Arbeit.“ Eine völlige Fehleinschätzung. Wir leben in Österreich und in Salzburg auf einem sehr hohen Wohlstandsniveau und halten das für eine Selbstverständlichkeit. Das ist es aber keineswegs. Arme Menschen konfrontieren uns wie ein Spiegel mit dieser Tatsache.

Was soll der Spiegel die Salzburgerinnen und Salzburger lehren?
Wolfgang Radlegger:
Wer mittelalterliche Bilder betrachtet, findet darauf oft die gesamte mittelalterliche Gesellschaft abgebildet: Den Adel, Bürger, Geistliche, Bauern und den Bettler. Die Aufgabe dieses Bildes ist es, darauf hinzuweisen, dass der Bettler Teil der Gesellschaft ist. Durch seine Existenz wird uns klargemacht, dass bestimmte Menschen am Reichtum nicht teilnehmen. Erst dadurch wird unser Wohlstand und Reichtum sichtbar.

Was möchten Sie gerne sichtbar machen?
Wolfgang Radlegger:
Ich möchte zeigen, dass die Geschichte der Roma eine Geschichte der Vertreibung ist. Seitdem sie in der frühen Neuzeit nach Europa gekommen sind, wurden sie ausschließlich vertrieben, benachteiligt und vernichtet. Ich möchte dazu beitragen, dass man endlich begreift, was man dieser Volksgruppe antut. Im 19. Jahrhundert wurden sie im Zuge
der von Darwin ausgelösten Rassenforschung gemeinsam mit den Pygmäen, Eskimos und Hottentotten als Zwischenwesen zwischen Affen und Menschen kategorisiert und ihnen wurde abgesprochen, voll ausgereifte Menschen zu sein. Das muss man sich mal vorstellen. Zudem sind sie seit der Ostöffnung die völlige Verlierer-Generation. Allein in Rumänien sind von 8,5 Millionen Arbeitsplätzen 4,5 Millionen weggefallen. 2 Millionen Rumänen sind ins Ausland arbeiten gegangen – Ärzte, Lehrer, Pflegekräfte. Das ist uns sehr zugutegekommen. Wie würde unser Pflegebereich ausschauen, wenn wir nicht rumänische und bulgarische Kräfte hätten? Die Roma hat es am heftigsten getroffen. Sie waren in der Landwirtschaft, in Kolchosen, und im Bergbau beschäftigt. Durch den gesellschaftlichen Wandel sind sie auf der Straße gestanden und haben keine Arbeit mehr bekommen.
Wer Glück hat, erhält 90 Euro Mindestpension. Ein Liter Milch kostet aber wie bei uns 1 Euro.

Sie bemerken, dass Bücher wie das Ihre zumeist von Menschen gelesen werden, die ohnedies offen für die Thematik sind. Für alle, die es nicht lesen werden: Was ist Ihre wichtigste Botschaft?
Wolfgang Radlegger:
Mir ist es wichtig, dass die Menschen bereit sind, hinzuschauen und zuzuhören. Wer sich mit den Problemen der Roma beschäftigt, wird weniger geneigt sein, Vorverurteilungen vorzunehmen – und möglicherweise Mitgefühl für ihre Lage entwickeln. Ein Bettler nimmt maximal 20 Euro pro Tag ein. Wenn er dann nach einigen Wochen täglichen 8 bis 10 Stunden Am-Boden-Hockens mit 400 Euro nach Hause fährt, hat er vier Monate die Möglichkeit, zu überleben. Betteln ist eine Tätigkeit, bei der einem viel Aggression und Schäbigkeit entgegenprasselt. In meinem Buch betrachte ich die Geschichte des Bettelns in unseren Breitengraden ebenso wie ich die Geschichte der Vertreibung und die aktuelle Situation der Roma analysiere. Ich gehe auf die Salzburger Bettelverbote ein und hinterfrage unsere Haltung. Ich möchte Verständnis dafür entwickeln, das man mitten in Europa im Elend verkommt. Wir lesen von Slums in Kalkutta, Addis Abeba oder Rio. Dabei müssen wir uns nur ins Auto setzen und sieben Stunden fahren, um Menschen zu sehen, die in Rumänien oder Bulgarien verelenden. Das ist das aktuelle Leben der Roma.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?
Wolfgang Radlegger:
Um es mit dem deutschen Ex-Kanzler Helmut Kohl zu sagen: Meine Generation hatte die Gnade der späten Geburt. Wir haben den Krieg nicht mehr mitmachen müssen und haben die Entbehrungen der ersten Nachkriegszeit nicht wirklich erlebt. Bei uns ist es immer aufwärts gegangen. Als Maturanten konnten wir uns aussuchen, für wen wir arbeiten wollten, denn es gab viel mehr Arbeitsplätze als Arbeitssuchende. Wir sind in vielfacher Weise eine begünstigte Generation. Das verpflichtet uns zu Dankbarkeit, die auch eine aktive Seite haben sollte, indem wir etwas weitergeben. Es gibt eine Studie, die besagt, dass zwei Drittel dessen, was ein Mensch im Leben erreichen kann, nicht auf seiner Tüchtigkeit basiert, sondern damit zusammenhängt, in welcher Zeit, an welchem Ort und in welchem Kindbett er auf die Welt gekommen ist. Die Gnade der späten Geburt und die Tatsache, zu einer bevorzugten Generation zu gehören, überträgt einem eben auch Verantwortung, sich für jene einzusetzen, die dieses Glück nicht hatten. Ich habe es mir auf die Fahnen geheftet, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht verloren geht und dafür Sorge zu tragen, dass aus der Geschichte gelernt wird. Ingeborg Bachmann schreibt: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“ Für das Zuhören zu sorgen ist das, was mir im Leben wichtig ist.

Sie hatten unlängst einen Herzstillstand, wurden erfolgreich reanimiert und haben nun einen Herzschrittmacher. Hat sich Ihre Sicht auf das Leben dadurch verändert?
Wolfgang Radlegger:
Bei diesem Herzstillstand nicht, aber vor 30 Jahren. Wenn man mit knapp 40 einen Herzinfarkt hat, ändert sich die Sicht aufs Leben radikal. Man erfährt die eigene Sterblichkeit hautnah und lernt, das Leben noch mehr zu schätzen.

Was wird in Ihrem Leben immer gleich bleiben?
Wolfgang Radlegger:
Meine Neugierde.