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Nur Doktor spielen reicht nicht

Vor 30 Jahren ist Werner Waldmann abgehoben, um nach seiner Pensionierung in Dritte-Welt-Ländern als Arzt zu helfen. Nun ist er 90 Jahre alt geworden. Im Apropos-Gespräch erzählt er von seiner Tätigkeit als Kinderarzt, von seinem Engagement als ehrenamtlicher Helfer und was er an Kindern und Müttern schätzt.

Titelinterview mit Dr. Werner Waldmann
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Sie sind mit Ihren 90 Jahren extra aus dem Lungau für das Interview mit Apropos nach Salzburg gefahren. Weshalb?
Dr. Werner Waldmann:
Auch wenn ich seit drei Jahren nicht mehr selbst in Entwicklungsländer reise, um als Arzt zu helfen, so möchte ich die Arbeit der Austrian Doctors auf einem anderen Weg sichtbar machen. Wir machen unsere ehrenamtliche Arbeit nicht, weil wir gute Menschen sind, sondern weil wir die Verantwortung haben, dass andere Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen können. Solange ich noch in der Lage bin, bestimmte Bereiche übernehmen zu können, werde ich das tun.

Was ist Ihr Lebensmotto?
Dr. Werner Waldmann:
Ich bin auf die Welt gekommen, damit derjenige, der zu mir kommt, ein bisschen glücklicher, gelassener und fröhlicher weggeht. Ich hatte in meinem Leben das Glück, das machen zu dürfen, was ich gemacht habe, nämlich als Arzt zu wirken, dass meine Familie gesund ist und dass ich nie wirklich auf die Bananenschale gestiegen und ausgerutscht bin. Daher ist es mir ein großes Anliegen, etwas weitergeben zu dürfen.
Ich halte es mit Antoine de Saint-Exupéry, der sagt: „Die wahre Freude ist die Freude im anderen.“
Denn jemand anderem eine Freude zu bereiten, macht glücklich.

Sie sind nach Ihrer Pensionierung als Kinderarzt in ein zweites Berufsleben gestartet – als ehrenamtlicher Arzt für die „German Doctors“ bis Sie 2008 die „Austrian Doctors“ ins Leben gerufen haben. Wie ist es dazu gekommen?
Dr. Werner Waldmann:
Ich war 30 Jahre lang Kinderarzt und habe meinen Beruf mit viel Freude ausgeübt. Dennoch habe ich im Laufe der Jahre immer mehr Routine wahrgenommen und gespürt, dass etwas Neues entstehen will. In Frankfurt bin ich dann zufällig einem Jesuitenpater begegnet, der das Komitee Ärzte für die Dritte Welt gegründet hat.
Seine Hemdsärmeligkeit und sein direktes Tun haben mich so fasziniert, dass ich mich mit 60 Jahren pensionieren habe lassen, um künftig als ehrenamtlicher Arzt in Entwicklungsländern zu wirken. Mein erster Einsatz führte mich gleich einmal für drei Monate auf die Philippinen nach Manila, danach kamen Kalkutta und Bangladesch.

Wie ist es Ihnen ergangen, so unmittelbar mit Elend und Armut konfrontiert zu sein?
Dr. Werner Waldmann:
Die Kindersterblichkeit lag bei 80 Prozent, das ist das Trostloseste, was man sich vorstellen kann, wenn Kinder verhungern. Ich bin fast daran zerbrochen. In Kalkutta habe ich in einem Slum gearbeitet und an einem Tag 200 Kranke untersucht. Als ich abends, als es kein Licht mehr gab, nach Hause gehen wollte, haben mir jene Patienten, die nicht drangekommen sind, wütend nachgeschrien, warum ich jetzt gehe.
Das hat mich belastet, ich habe in dieser Zeit zehn Kilo abgenommen und war verzweifelt. Kein Mensch hatte mich darauf vorbereitet, wie ich mich verhalten sollte. Damals sagte ich zu einem Kollegen, dass ich mir zumindest einen Erfolg pro Tag wünsche. Er meinte, dass es der bessere Wunsch sei, darum zu bitten, den Misserfolg leichter zu ertragen. So habe ich mir dann immer gedacht: „Lieber Gott, bitte lass mich den Misserfolg ertragen“, während ich über einen halben Leichnam gestiegen bin. Dieses Ertragen hat es mir erleichtert, weiterzutun. Durch dieses Tal hindurchzugehen, hat mich stärker und souveräner gemacht. Dabei habe ich etwas Wichtiges kennengelernt: nämlich mich. Ich hatte zuvor nicht gewusst, wie belastbar ich bin. Natürlich war ich während meiner aktiven Berufslaufbahn belastbar im Rahmen unserer westlichen Möglichkeiten. Ich habe allerdings den Grad meiner Inkompetenz nie erreicht, ich war aber immer in dessen Erwartung. Weil ich es nicht gewusst habe, wie es sich anfühlt, keine Lösung zu finden, wollte ich es ausprobieren. Sie müssen, wenn Sie feig sind, sehr mutig sein.

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert, dass Sie statt die Pension zu genießen, auf eigene Kosten in Dritte-Welt-Länder fliegen, um dort zu helfen?
Dr. Werner Waldmann:
Meine Frau ist eine faszinierende Partnerin. Sie hat gewusst, wenn sie „Nein“ sagt, wäre ich dennoch gefahren und wir hätten Ärger gehabt. So hat sie nur gesagt: „Ich halte dich nicht auf.“

Weshalb sind Sie Arzt geworden?
Dr. Werner Waldmann:
Ich habe schon als Kind gewusst, dass ich Arzt werden möchte. Mit vier Jahren habe ich gesagt: „Ich werde der Lehrbub vom Doktor Menz.“ Ich bin als Bub oft in Situationen geraten, in denen ich anderen Kindern helfen musste. Als ich acht Jahre alt war, ist ein Bub beim Spielen in der Scheune von der Wagenremise heruntergefallen und blieb bewusstlos und blutend am Boden liegen. Alle sind davongelaufen, nur ich nicht. Ich habe ihn auf die Schultern genommen und zu seiner Mutter nach Hause getragen.

Sie sind seit 30 Jahren als Arzt in Dritte-Welt-Ländern ehrenamtlich tätig. Was hat Sie während dieser Zeit am meisten berührt?
Dr. Werner Waldmann:
Eine sechsfache Mutter war am Ende ihrer Kräfte und ihrer Hoffnung. Sie hielt ihr Baby mit leerem Blick in den Armen und ich tat das, was ich tun konnte. Nach drei Wochen kommt dieselbe Frau wieder und sie lächelt. Wenn das funktioniert, lässt Sie das Tun nicht mehr los. Oder am Schulhof einer indischen Slumschule, die wir gebaut haben. Einmal kommt ein Kind auf mich zu und sagt: „Doktor, du weißt gar nicht, wie glücklich ich bin, dass ich hier sein darf.“ Es berührt mich immer am meisten, wenn ich die Entwicklung sehen kann, die stattfindet.

Wie schaffen Sie es, Vertrauen herzustellen?
Dr. Werner Waldmann:
Am wichtigsten ist die Interaktion zwischen Arzt und Patient. Einer der zentralen Zugänge in der Medizin ist es, einfühlsam auf Menschen zuzugehen. Ich kann in 20 Sprachen sagen: „Der Doktor tut nicht weh.“ Als ich bei meinem ersten Auslandseinsatz in Manila war, in einem trostlosen Hinterhof inmitten eines Verbrecherviertels, um Kinder zu betreuen, habe ich gewusst: „Ich bin angekommen.“
Ich habe immer gefühlt, dass ich zu Schwerkranken oder Schwerverletzten gehöre – weil ich keine Ängste oder Befürchtungen habe, etwas falsch zu machen. Im Gegenteil, ich weiß meist, was ich zu tun habe, selbst, wenn ich einen Eingriff noch nie zuvor gemacht hatte.  

Welche Fähigkeiten braucht es als Austrian Doctor zusätzlich zum herkömmlichen Arzt-Profil?
Dr. Werner Waldmann:
Für dieses Tun erfordert es Demut. Wenn Sie antreten, um Bangladesch zu retten, werden Sie verlieren. Dabei halte ich es mit Mutter Teresa: „Der Gebende muss knien.“ Ich als Arzt bin der Bittende, der etwas tun darf – anstatt die Haltung einzunehmen: „Ich zeige euch, wie es geht, und ihr müsst parieren.“

Was macht einen guten Arzt aus?
Dr. Werner Waldmann:
Zum einen muss er oder sie natürlich hervorragend ausgebildet sein. Zum anderen muss er auch empathisch und vor allem authentisch sein, denn Menschen können sich nur auf einen authentischen Menschen wirklich einlassen. In der Interaktion zwischen Arzt und Patient ist es wichtig, dass die Autorität des Arztes anerkannt wird – und das setzt Vertrauen voraus. Wenn das nicht gewährleistet ist, kann er nicht helfen. Damit meine ich nicht den Typus des Karrierearztes, der als „Gott in Weiß“ autoritär und unantastbar agiert. Ein Arzt muss nicht immer alles wissen.
Es geht darum, dass man gemeinsam versucht, das Nicht-Wissen zu verbessern. Es ist dabei wichtig, den Tod nicht als Feind wahrzunehmen. Er ist ein elementarer Bestandteil des Lebens.
Wenn er eintritt, hat sich etwas erfüllt.

Die Austrian Doctors helfen Menschen allerdings nicht nur medizinisch.
Dr. Werner Waldmann:
Mir ist es wichtig, jemandem eine bessere, nachhaltige Zukunft zu bieten. Deshalb versorgen die Austrian Doctors Menschen in Bangladesch, Kenia, Indien, Sierra Leone, Kenia, Nicaragua, Kolumbien und den Philippinen nicht nur ärztlich, sondern bauen auch Schulen. Wir betreiben Schulen in Indien, Bangladesch und auch in Kenia, weil Bildung die einzige Möglichkeit ist, um der Armut dauerhaft zu entkommen.
Um es überspitzt auszudrücken: Nur Doktor spielen alleine reicht nicht.

Weshalb reicht es nicht aus, „nur Doktor zu spielen“?
Dr. Werner Waldmann:
Massenflucht aus Afrika hat uns etwas klargemacht. Wenn wir so weitertun wie bisher, wird der Frieden in Europa gefährdet sein. Statt 50.000 Flüchtlingen werden es viele Millionen sein. Wenn es uns nicht gelingt, dass sie ein lebenswertes Leben und einen guten Standard in ihrer Heimat haben, werden sie zu uns kommen. Das Einzige, um aus diesem Teufelskreis der Armut, in dem sie gefangen sind, herauszukommen, ist Bildung. In unseren Schulen werden derzeit 4.500 Mädchen und Jungen unterrichtet. Es ist mir wichtig, dass Menschen einen Vertrag lesen können, dass sie sich wehren und für sich einsetzen können.
Natürlich ist „Doktorspielen“ wichtig, aber damit sich auf Dauer vor Ort etwas verändern kann, braucht es eine gute Ausbildung für die Menschen, die dort leben. Die Kosten dafür werden durch freiwillige Spenden aufgebracht. Mittlerweile ist unsere Schule in Kalkutta mit dem öffentlichen Preis für die humanitärste Schule Bengalens ausgezeichnet worden. Und unsere größte Schule in Manda-Dhaka in Bangladesch wurde als die beste Armenschule der Stadt mit der geringsten Ausfallsrate und dem größten Lernerfolg mit der Mutter-Teresa-, der Mahatma-Gandhi- und der Nelson-Mandela-Medaille ausgezeichnet. Denn es geht darum, nicht nur materiell aus der Armut herauszukommen, sondern auch geistig.

Das alles geht sich mit Spendengeldern aus?
Dr. Werner Waldmann:
Wir sind von finanziellen Mitteln abhängig, um Medikamente zu kaufen, Schulen zu bauen und Lehrer zu bezahlen. Ich möchte, dass mir Menschen Geld geben, weil sie einsehen, dass es sinnvoll ist. Die Austrian Doctors haben wir gegründet, um die Spenden in Österreich steuerlich absetzbar zu machen. Mehr als 3.500 Ärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren bis jetzt ehrenamtlich im Einsatz. In Deutschland gibt es mittlerweile eine Warteliste von einem Jahr, bis neue Ärzte drankommen. In Österreich haben wir rund 100 Ärztinnen und Ärzte. Wer einmal im Einsatz war, tut es immer wieder. Und das Schöne ist: Die Ärzte kommen mittlerweile von sich aus auf uns zu.

Was können wir von Entwicklungsländern lernen?
Dr. Werner Waldmann:
Ihre Freude am Leben trotz widriger Lebensumstände und die Vitalität, die sie dabei an den Tag legen. Es ist eine Fröhlichkeit, die durch nichts begründet ist. Es ist faszinierend, wenn ein 45 Kilo leichter Mann eine 60 Kilo schwere Medikamentenbox auf dem Kopf trägt und dabei lächelt. Sie leben in den Tag hinein und akzeptieren die Dinge so, wie sie sind.

Was treibt Sie an?
Dr. Werner Waldmann:
Dankbarkeit. Ich bin so dankbar, dass ich am Wunder des Lebens teilhaben darf. Das Wunder des Lebens repräsentieren am besten für mich die Mütter. Sie haben ein Urwissen über Generationen hinweg gespeichert. Muttersein muss man im Grunde genommen nicht lernen, weil man viele Dinge richtig macht. Eines meiner Schlüsselerlebnisse war eine 18-jährige Mutter, die gschaftig, gscheit und goschert war und die zu mir mal meinte: „Herr Doktor, von meinem Kind weiß ich mehr als sie.“ Und sie hatte völlig recht. Als Arzt werden Sie zum Vertrauten der Mutter und Sie haben in dieser Funktion auch die Aufgabe, diesen mütterlichen Instinkt zu fördern. Die Ausbildung der Frauen von heute ist wunderbar, sie hat aber einen Haken: Viele Frauen haben vergessen, in sich hineinzuhören. Statt auf das Buch ist es hier gescheiter, auf den Bauch zu hören. Ich bin von Müttern fasziniert, weil sie das behütende Prinzip leben. Ihre Stärke und Demut, für den anderen da zu sein, gewährleistet, dass es die Menschheit nach wie vor gibt. Wenn sie da als Kinderarzt nun Teil dieser Mutter-Kind-Gemeinschaft sein dürfen, ist das ein wirkliches Geschenk. Da finden Gespräche im tiefsten Vertrauen statt. „Was soll ich tun, ich mag meinen Mann nicht mehr. Mein Schwiegervater mischt sich ein. Ich weiß nicht, ob ich es richtig mache.“ Wenn Sie es schaffen, Mütter dahin zu führen, ihrer Intuition zu trauen und Urvertrauen zu entwickeln – und bei dieser Entwicklung dabei sein dürfen, ist das einfach nur schön.

Was schätzen Sie an Kindern?
Dr. Werner Waldmann:
Ihre Ursprünglichkeit und Unverbildetheit. Man sollte die Dreijährigen in einer Familie nie ausgehen lassen (lacht). In ihnen ist so viel Staunen und wunderbare Selbstverständlichkeit. Ich schätze am Kind dieses wunderbare Potenzial, ein glücklicher Mensch zu werden. Man spürt die Idee Gottes dabei.

Sie sind jetzt 90 Jahre alt – wenn Sie aus dieser Perspektive auf Ihr Leben zurückblicken, was hat es Sie gelehrt?
Dr. Werner Waldmann:
Für mich ist Authentizität sehr wichtig – dass man der Mensch wird, der man ist, und dass man mit dem zurechtkommt, mit dem man ausgestattet ist. Es ist sinnvoll, dass man zwei Dinge im Leben berücksichtigt: dass man der Sputnik ist, der herumzischt, und auch die Radarstation, die den Sputnik beobachtet. Bin ich nur der Sputnik, habe ich Schwierigkeiten, das Leben vor lauter Aktivitäten zu reflektieren und zu kontemplieren. Bin ich nur die Radarstation, verharre ich in der Beobachtung und bewege nichts. Es braucht beides: Man muss Akteur und Beobachter sein.

Was raten Sie jungen Menschen?
Dr. Werner Waldmann:
Versucht herauszubekommen, was eure Primärbedürfnisse und Fähigkeiten sind. Hört in euch hinein, schaut, dass ihr einen mittelfristigen Plan habt, wie ihr euer Leben gestalten möchtet. Dabei ist es egal, wie es dann wirklich wird. Aber wenn ich nicht weiß, wer ich bin, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich das bekomme, was ich im tiefsten Innersten möchte, geringer.

Was wünschen Sie sich?
Dr. Werner Waldmann:
Das Wiederaufkommen des Nationalismus macht mich besorgt. Ich habe selbst als Eliteschüler die Nazi-Zeit miterlebt und bin seit langem fanatischer Anti-Faschist. Für mich gibt es nur Menschen und nicht die Nation. Andere abzuwerten, um sich aufzuwerten – diese Entwicklung tut mir von Herzen weh. Wenn ich könnte, würde ich gerne darauf Einfluss nehmen. Das einzige Mittel dagegen ist: Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung.

Was sind Ihre Kraftquellen?
Dr. Werner Waldmann:
Meine Familie und mein Reflektieren. Ich versuche täglich, mein Sein zu analysieren. Ich mache außerdem jeden Tag sportliche Bewegung.

Was ist das Geheimnis Ihrer 90er?
Dr. Werner Waldmann:
In meiner Familie sind viele Menschen so alt geworden. Außerdem hat es das Schicksal gut mit mir gemeint. Ich habe keine großen Abnützungserscheinungen und keine großen Ungerechtigkeiten, die ich verdauen musste. Ich trage sehr viele schöne Erinnerungen in mir. Wenn meine Befindlichkeit einmal schlecht ist, denke ich an etwas Schönes, wie zum Beispiel, wie ich mit den Skiern im Pulverschnee dahingeglitten bin. Ich halte es mit der Devise: Count your blessings – dankbar sein für das, was man hat.