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Eine Pflegeexpertin über Unvorhersehbares

Sie begleitet andere Menschen dabei, Übergänge in neue Lebenphasen gut zu bewerkstelligen – und musste unlängst erst selbst einen Umbruch bewältigen. Pflegeexpertin Sonja Schiff erzählt im Apropos-Interview von heilsamen Lebenskrisen, wie aus einem Blog zuerst ein Buch und dann eine Oper entstanden ist und warum Unvorhergesehenes das eigentliche Salz des Lebens ist.

Titelinterview mit Sonja Schiff
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Was bedeutet für Sie das Wort „Unvorhergesehen“?
Sonja Schiff:
Mir fällt dazu der Satz ein „Willst du Gott zum Lachen bringen, mache Pläne.“ Ich verbinde mit dem Wort Unvorhergesehenes Ereignisse, die plötzlich um die Ecke kommen und das Leben auf den Kopf stellen.
Es gibt unvorhergesehene Ereignisse, die führen zu Euphorie und intensiven Glücksgefühlen, etwa wenn plötzlich und unerwartet die Liebe unsere Lebensbühne betritt oder wenn jemand schwanger wird, der nicht mehr damit gerechnet hatte.
Diese unvorhergesehenen Ereignisse sind Höhepunkte in unserem Leben.
Aber Unvorhergesehenes kann halt auch zu Tiefpunkten im Leben führen und existenzielle Krisen auslösen. Krankheit, Scheidung, plötzliche Arbeitslosigkeit, der Tod des Partners oder, sicher die schlimmste Krise überhaupt, der Tod eines Kindes.
Diese unvorhersehbaren Ereignisse erzeugen heftigen Schmerz, tiefe Angst, sie bringen Chaos und Dunkelheit ins Leben und erschüttern uns in den Grundfesten.

Wie gehen Sie damit um, dass das Leben so unvorhersehbar ist?
Sonja Schiff:
Also erst mal bin ich dankbar dafür, dass es das Leben im Großen und Ganzen mit mir sehr gut gemeint hat. Ich bin in ein Land und in eine Zeit des Friedens hineingeboren worden, in den Wohlstand und in eine liberale Gesellschaft.
Wie sehr diese Rahmenbedingungen unser Leben formen, machte mir kürzlich ein afghanischer Asylwerber bewusst, den ich betreue. Ich erzählte ihm vom Streit mit einer langjährigen Freundin und meinte abschließend erklärend: „Ja, wir hier in Europa haben auch unsere Probleme.“
Daraufhin sah er mich an und meinte: „Ja, Sonja schon, aber ihr habt nur ganz kleine Probleme.“
Das saß. Wie recht er doch hat!

Ihr Job ist es, Menschen zu bestärken. Früher als Krankenschwester und Altenpflegerin, später als Gerontologin und Wechseljahreberaterin und jetzt als Autorin, Bloggerin, Workshopleiterin und Pflegeexpertin. Wie machen Sie anderen Mut, sich dem Ungewissen des Lebens zu stellen?
Sonja Schiff:
Ich sehe mich eher als Begleiterin und Vermittlerin. Als Altenpflegeexpertin sensibilisiere ich etwa Pflegepersonen für die beiden großen Alterskrisen Pflegebedürftigkeit und Aufnahme ins Pflegeheim. Ich vermittle in Workshops, wie alte Menschen diese Krisen erleben, womit sie ringen, wovor sie Angst haben, woran sie verzweifeln und wie man sie als Pflegeperson da stärken kann.
Mit meinen Pensionsvorbereitungsseminaren sensibilisiere ich Firmen für die Bedeutung des Übergangs in den Ruhestand und ich gebe den SeminarteilnehmerInnen Zeit, sich den Übergang und die neue Lebensphase anzusehen.


Sie beschäftigen sich seit Ihren 20ern mit dem Thema Altern. Woher kommt Ihre Begeisterung für alte Menschen, dass Sie sich nach über 30 Jahren noch immer mit Leidenschaft neue Ideen einfallen lassen?
Sonja Schiff:
Als Altenpflegerin bin ich vielen wirklich tollen alten Menschen begegnet, durfte ihre Geschichten hören, ihre Lebenserfahrungen kennenlernen. Manche dieser Menschen haben mich für immer verändert.
Für immer in mir trage ich etwa eine 100-jährige Frau, der ich im Alter von 23 Jahren begegnet bin. Niemand hat mich so geprägt fürs Leben wie sie.
Ich finde, Gespräche mit einem alten Menschen, der ein inhaltsreiches Leben gelebt hat, seine Lebenskrisen positiv gemeistert hat und der im Rückblick die Zusammenhänge des Lebens erkennen kann, sind einfach eine Inspiration.

Als Sie 50 Jahre wurden, haben Sie mit dem Bloggen begonnen. Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?
Sonja Schiff:
Zu Beginn war es eigentlich nur ein Experiment. Ich sah das Bloggen als Spielwiese für Texte zu privaten wie beruflichen Themen. Die ersten Blogbeiträge nützte ich, um Geschichten aus der Altenpflege zu erzählen. Die Zugriffszahlen und die Rückmeldungen waren enorm und irgendwann rief mich ein Verlag an.
Das Resultat ist mein 2015 erschienenes Buch
„10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“.
Mein erstes Buch!
Letztes Jahr dann meldete sich ein Regisseur, er hatte mein Buch gelesen, es hatte ihn tief berührt und nun wolle er daraus eine moderne Oper machen. Sie wurde letztes Jahr im Sommer bei den Musiktheatertagen Wien uraufgeführt. Ein unvorhergesehenes Ereignis nach dem anderen! So wie ich es mag!

Das heißt, Sie wurden durch Zufall zur erfolgreichen Buch-Autorin? ...
Sonja Schiff:
Es gibt Menschen, die haben einen großen Plan fürs Leben, die gehen immer geradeaus auf ein Ziel zu, blicken weder nach rechts noch nach links und sehen deshalb auch keine offenen Türen.
Ich bin aber eher der Mensch ohne großen Lebensplan. Dafür sehe ich jede offene oder auch nur angelehnte Türe und bin immer neugierig darauf, muss nachsehen, was sich dahinter verbirgt oder ob die offene Türe für mich etwas Interessantes bereithält. Ich riskiere Überraschungen im Leben und ich bin davon überzeugt, genau das hat mich über die Jahre flexibel gemacht im Umgang mit Unvorhergesehenem.
Für mich ist das Unvorhergesehene das eigentliche Salz des Lebens. Wie langweilig wäre doch so ein ruhiges, immer gleich dahinfließendes Leben!
Ich auf alle Fälle werde immer ganz unruhig, wenn alles so glatt läuft über lange Zeit. Ruhe ist mir suspekt. Mein bisheriges Leben war voll von überraschenden Wendungen, von Irrungen, Korrekturen und Neuem. Eigentlich kam alles ganz anders, als je gedacht.

Was waren die großen Umbrüche in Ihrem Leben?
Sonja Schiff:
Mir wurde bereits als Kind beigebracht mit Umbrüchen zu leben. Meine Eltern waren quasi Wandervögel. Wir übersiedelten alle zwei Jahre und ich habe deshalb als Kind maximal zwei Schulklassen in ein und derselben Schule verbracht. Ich war ein sehr einsames Kind, ein sehr rebellischer Teenager und ich wünschte mir nichts sehnlicher im Leben als Stabilität.
Wohl deshalb ging ich sehr früh eine Beziehung ein, ich erhoffte mir diese Stabilität zu finden, dafür ging ich – unbewusst – viele Kompromisse ein. Die Ehe scheiterte dramatisch und ich erlebte meine erste große Lebenskrise. Ich erinnere mich, dass ich damals mit meinem Schmerz und all den Fragen nach einem „Warum“ zu einer Lebensberaterin ging.
Sie erklärte mir, nach der Bewältigung der Krise wäre ich „wie Phönix aus der Asche“, ein anderer Mensch.
„Was für ein Unsinn, ich werde nie mehr glücklich werden“
, dachte ich mir damals und wischte diesen Gedanken vom Tisch. Aber die Frau sollte recht behalten. Nach etwa zwei Jahren war ich tatsächlich ein anderer Mensch, hatte mich verwandelt, war eine starke, freie und selbstbewusste Frau geworden.

Und beruflich?
Sonja Schiff:
Ich war 35 Jahre alt, Sozialmanagerin, angesehen und verdiente wirklich gutes Geld. Das Leben verlief ruhig, in gehobenen Bahnen und mit aussichtsreicher Perspektive. Aber tief in mir drin war ich unzufrieden.
„Soll es das gewesen sein?“, war eine Frage, die mich beschäftigte. Auch mein Körper meldete deutlich mein inneres Unbehagen, ich litt monatelang an einer Hüftgelenksentzündung, konnte an manchen Tagen kaum laufen oder blieb beim Vorwärtsbeugen einfach stecken, konnte mich nicht mehr aufrichten. Als ich eines Tages meinen Hausarzt in gebückter Haltung aufsuchte, stellte der mir zwei Fragen:
„Was will dich beugen? Welchen Schritt sollst du tun, wagst ihn aber nicht?“ Zwei einfache Fragen und mein Innerstes antwortete sofort. Kurz danach habe ich gekündigt. Sechs Monate später startete ich sowohl mit meinem Unternehmen Careconsulting wie auch mit dem Studium der Alternswissenschaft. Rückblickend die beste Entscheidung meines Lebens.
Aber fragen Sie mich nicht, welche Zukunftsängste ich damals hatte. Zumal mein gesamtes Umfeld den Kopf über mich schüttelte.
Wie kann sie nur all die Sicherheit aufgeben?
Mein Mantra damals war: „Spring, und das Netz wird erscheinen!“
Ich fand es lustigerweise in einem chinesischen Glückskeks.

Unlängst hatten Sie auch Glück bei einer ernsthaften Diagnose. ...
Sonja Schiff:
Ja, ich war das erste Mal in meinem Leben so richtig krank. Es fing an mit enormen Muskel- und Gewebeschmerzen im letzten Sommer, deren Ursache niemand erklären konnte, und gipfelte zwei Tage vor Weihnachten in einer Tumordiagnose. Als ich nach der mehrstündigen Operation im Jänner erwachte, hieß es, ich hätte Krebs. Seitdem weiß ich, wie sich die Redewendung „Sie schlotterte vor Angst“ anfühlt.
Was für eine Achterbahn der Gefühle!
Was für ein Jahresbeginn!
Zum Glück mit positivem Ausgang. Der Tumor erwies sich bei genauerer Betrachtung als Tumor an der Grenze zwischen bösartig und gutartig.
Danke Schicksal!
Glück gehabt!
Welche Auswirkungen dieses Erlebnis auf mein weiteres Leben haben wird, kann ich noch gar nicht so genau sagen. Ich bin derzeit noch dabei, mich von dem Erlebten körperlich wie psychisch zu erholen und es zu verarbeiten. Da ist so viel passiert, auf so vielen Ebenen. Freundschaften sind kaputtgegangen, andere sind neu entstanden, die Beziehung zu meinen alten Eltern hat sich verdichtet, meine Partnerschaft ist tiefer geworden und Wichtiges wurde von Unwichtigem getrennt. Mein Leben stand für einige Wochen Kopf und jetzt ordne ich es neu.

Sie haben in dieser intensiven Zeit auch über Ihre Krankheit gebloggt. Weshalb?
Sonja Schiff:
Als Bloggerin schreibe ich über mein Leben. Das tun viele mittlerweile, es gibt zahlreiche 50plus-BloggerInnen, meistens erzählen sie von ihren Reisen und ihrem Lifestyle. Wenn es aber eng wird im Leben, dann machen BloggerInnen meistens Pause. Dann herrscht Funkstille, Schicksalsschläge gibt es auf Blogs kaum, sie bleiben privat.
Ich kann das einerseits verstehen, aber ich finde das auch schade. Das Leben ist nicht nur bunt, manchmal ist es auch grau und schwarz und traurig. Als ich krank wurde, habe ich darüber intensiv nachgedacht, ob ich weiterschreiben will oder nicht. Ich habe entschieden, ich lasse meine LeserInnen auch an dieser Lebenskrise teilhaben, ich schreibe auch weiter, wenn ich strauchle oder stürze.
Auf meinem Blog geht es um das Leben und nicht um eine Illusion.

Was haben Sie aus diesen Phasen am meisten gelernt?
Sonja Schiff:
Es heißt ja immer, dass Lebenskrisen erst rückwirkend ihren Sinn zeigen und wir uns durch Umbrüche am meisten weiterentwickeln. Für mich gilt das ganz klar. Jede Krise kam letztlich zur richtigen Zeit und hat mich geprägt oder nachhaltig verändert.
Die vielen Wohnortwechsel meiner Kindheit haben mich zu einer Frau geformt, die keine Angst vor Neuanfängen hat. Mehr noch, Ruhe und Stillstand machen mich nervös. Ich bin leidenschaftliche Pionierin! Ich brauche Abwechslung, ein bisschen Risiko im Leben, neue Projekte, neue Herausforderungen. Da sind so viele Ideen in meinem Kopf und das Leben ist kurz. Es will gelebt werden!
Meine Scheidung hat mich erst eigenständig gemacht und reif fürs Leben. Als junge Frau war ich unsicher, hatte kaum Selbstbewusstsein, traute mir nichts zu. Außerdem fühlte ich mich irgendwie „halb“ und dachte, es braucht einen Mann an meiner Seite, der mich komplettiert, dann erst wäre ich „heil“, nach dem Motto „Jeder Topf braucht einen Deckel“.
Heute sehe ich das ganz anders. Ich bin nicht mehr im Mangel, ich bin selbst „ganz“ und ich brauche keinen „Deckel“, um überleben zu können. Meine heutige Partnerschaft hat deshalb eine ganz andere Qualität als jene, die dramatisch gescheitert ist, ja scheitern musste. Sie findet auf Augenhöhe statt, mein Mann und ich teilen ein Leben in Fülle. Die Verdachtsdiagnose Krebs hat dazu geführt, dass ich eine Art Lebensrückschau vorgenommen habe. Ich bin sehr zufrieden mit meinem bisherigen Leben. Es war bunt, vielfältig, herausfordernd, aufregend. Ein gutes Gefühl.
Im Moment miste ich ein wenig aus, so habe ich etwa meinen Perfektionismus an den Nagel gehängt und möchte mich mehr auf jene Dinge konzentrieren, die mir wirklich wichtig sind im Leben.

Was stärkt Sie in Zeiten von Umbrüchen?
Sonja Schiff:
Wenn es mir nicht gut geht, fange ich an zu malen oder werde sonst wie kreativ. Das hilft mir zu verarbeiten oder Themen sichtbar zu machen. Als ich die Verdachtsdiagnose Krebs bekam, malte ich etwa meinen Tumor und war total überrascht, als er bunt war. Das machte Energie frei und der Tumor verlor seinen Schrecken. Hoffnung entstand und Zuversicht.
Aber mein größter Schatz in der Bewältigung von Unvorhergesehenem sind meine Lebenserfahrungen.
Als junge Frau haben mich solche Situationen in Mark und Bein erschüttert. Ich habe mich gefragt, ob ich den Schmerz überlebe, wie ich die Angst ertrage, aber auch, ob ich das plötzliche Glück aushalte.
Heute aber weiß ich, es ist alles im Fluss, es kommt, wie es kommt, und am Ende wird alles gut.

Wenn das nächste Unvorhergesehene um die Ecke lugt – mit welcher Haltung begegnen Sie ihm jetzt?
Sonja Schiff:
Naja, ehrlich gesagt, jetzt darf es gerne mal wieder einige Zeit ruhig sein in meinem Leben. Aber kommt da wieder einmal etwas Unvorhergesehenes um die Ecke, und das wird mit Sicherheit wieder passieren, dann werde ich mir wohl die Frage stellen:

„Was soll ich denn nun schon wieder lernen?“