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„Ich pflege meine Vorurteile sehr bewusst“

Er hat zehn Jahre lang hinter den Kulissen der Straßenzeitung als Vertriebskoordinator gewirkt, nun ist Hans Steininger in Pension gegangen. Im Apropos-Interview erzählt er, was er von Straßenzeitungsverkäuferinnen und -verkäufern gelernt hat, weshalb er die Trennung zwischen „schuldig“ und „unschuldig“ in Not geratenen Menschen für widersinnig hält und weshalb ein Auto für Obdachlose kein Luxus ist.

Titelinterview mit Hans Steininger
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Was bedeutet für dich „Im Verborgenen“?
Hans Steininger:
Angesichts der vielen schrägen Vorgänge in der Welt fällt mir spontan ein:
Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
In diesem Zusammenhang möchte ich mich bei den vielen engagierten und unbotmäßigen Journalisten bedanken, die ins Dunkle hineinhören und -bohren. Wir brauchen sie ganz dringend, sie sind unsere Demokratiewächter.

Du hast jetzt zehn Jahre hinter den Kulissen der Straßenzeitung gewirkt und warst nicht nur Ansprechpartner für die Apropos-Verkäuferinnen und -Verkäufer, sondern auch für die Salzburger Bevölkerung. Was hat sich für dich im vergangenen Jahrzehnt erhellt, was Armut anbelangt?
Hans Steininger:
Es ist menschlich verständlich, dass uns die sichtbare Armut in Gestalt von Bettlern und auch Zeitungsverkäufern den Tag etwas eintrüben kann. Wir müssen aber lernen:
Für wen ist die Armut unerträglicher – für uns oder für den Armen?
Bei der Beantwortung dieser Frage dürfen wir uns ohne Schuldgefühl darüber freuen, dass es uns gut geht. Aber wenn es uns gut geht, haben wir doch die Möglichkeit, etwas abzugeben an die Armen. Auf jeden Fall Materielles, Geld.
Eine große Herausforderung ist es zu versuchen, den Bettler als gleichwertigen Menschen zu sehen. Das geht am leichtesten, wenn man das Gespräch sucht – man lernt, wenn man sich interessiert.

Was hast du über Menschen gelernt?
Hans Steininger:
Einfache Antwort fällt mir ein: Der Mensch ist ein hochintelligenter Idiot. Wir ruinieren mit hoch entwickelter Wissenschaft unsere Welt, aber wir reden von Umwelt- und Naturschutz. Wenn uns endlich klar wird, dass wir endlich mit dem Menschenschutz beginnen müssen, dass WIR die Natur sind, dann haben wir’s vielleicht geschafft. Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen sie.
Wir müssen endlich lernen, unser Gehirn zu benützen. Dann schaffen wir es, dass wir unsere sozialen Fähigkeiten entwickeln, dass wir eine gerechte Welt bauen, in der nicht täglich Leute verhungern oder verzweifelt ersaufen.

Was ist dir in deiner Arbeit mit Verkäuferinnen und Verkäufern leichtgefallen?
Hans Steininger:
Leicht gefallen ist mir nur, dass ich die Wahl meiner beruflichen Tätigkeit niemals bereuen musste.

Was ist dir schwergefallen?
Hans Steininger:
Das Definieren eines Erfolgserlebnisses. Was ist Erfolg im Umgang mit armen Menschen? Dass ich hin und wieder akute Notsituationen lindern oder beenden konnte, ja. Aber auch danach ist der Betroffene immer noch arm. Und in den meisten Fällen ohne Aussicht auf eine Änderung der Lebenssituation.
In den letzten Jahren kam noch eine Schwierigkeit dazu. Ich musste mehrmals wöchentlich Anträge auf einen Apropos-Verkäuferausweis ablehnen. Die Anzahl der VerkäuferInnen hat ein Maximum erreicht.

Welche unbewussten Vorurteile, die du hattest, hast du aufgedeckt?
Hans Steininger:
So was hatte ich gar nicht. Ich pflege meine Vorurteile sehr bewusst, damit ich die Chance habe, sie zu revidieren. Unsere VerkäuferInnen haben mir oft Gelegenheit geboten, Fähigkeiten zu erkennen, die ich ihnen nicht zugetraut habe. Das gilt vor allem für unsere rumänischen VerkäuferInnen, deren Überlebensfähigkeit mich immer wieder überrascht. Und was ich häufig für Lethargie gehalten habe, hat sich als Gelassenheit herausgestellt, als ein sehr realistisches Annehmen der Lebenssituation.

Welche Vorurteile von anderen konntest du entkräften?
Hans Steininger:
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das konnte. In vielen Telefonaten mit Beschwerdeführern habe ich mich jedenfalls bemüht, etwas Wissen über Armut weiterzugeben.
Einfaches Beispiel noch aus meiner Anfangszeit, als wir noch einige Alkoholiker in unseren Reihen hatten: Ein Alki ist keine „faule Sau“, sondern ein kranker Mensch mit unvorstellbarem Lebensstress. Zu sagen: „Sauf nicht“, ist genauso blöd und hilfreich wie zu einem Fiebernden zu sagen: „Hab keine Grippe“.
Dieses einfache Wissen konnte sich bis heute nicht wirklich durchsetzen.

Manche Verkäuferinnen und Verkäufer sind sichtlich übergewichtig, haben Handys, manche sogar ein Auto – und sind trotzdem obdachlos. Wie erklärst du diesen Widerspruch?
Hans Steininger:
Natürlich wurde ich auch darauf in den Telefonaten angesprochen. Was das Übergewicht betrifft, ist die Aufklärung eigentlich recht einfach: Schaut in die USA, schaut in andere Gebiete! Wo Armut herrscht, ist Essen oft der einzige Trost. Auch unsere VerkäuferInnen aus den armen Ländern können der Verlockung nach Junk nicht widerstehen, es ist immer eine kurze Auszeit aus der Armut, wenn man sich Chips und andere Dickmacher gönnt. Gesunde Ernährung ist üblicherweise teuer oder erfordert ein Bewusstsein, das Bildung voraussetzt – und die Möglichkeit selber zu kochen.
Die Handys unserer Verkäuferinnen und Verkäufer sind bei näherer Betrachtung ziemliche Ruinen mit Sprung im Glas oder ähnlichen Beschädigungen. Aber sie sind wichtig für die Vernetzung  – sofern das Guthaben grade reicht für den nächsten Anruf.
Die Autos sind notwendig für die Reise nach Hause und wieder zurück. Und sie wissen nie, ob sie mit ihren Uralt-Karren überhaupt ans Ziel kommen. Ein Einzelner kann sich normalerweise so einen „Luxus“ gar nicht leisten, da muss schon die Familie zusammenlegen. Es ist also keinerlei Neid angebracht.

Was hast du von den Verkäuferinnen und Verkäufern gelernt?
Hans Steininger:
Ansatzweise Gelassenheit und Geduld. Da bin ich noch in Ausbildung.

Was waren deine schönsten Momente?
Hans Steininger:
Wenn ich von „meinen“ VerkäuferInnen bestätigt bekam, dass ich meine Arbeit im Großen und Ganzen gut machte. Heißt, wenn ich mir ihr Vertrauen verdient hatte.

Was waren deine schwierigsten Momente?
Hans Steininger:
Rausschmeißen und nicht aufnehmen. Es gibt Menschen, die für den Zeitungsverkauf aus verschiedenen Gründen nicht geeignet sind. Sei es, dass sie nie wirklich hier angekommen sind, also nicht wissen, wie das soziale Leben hier funktioniert; sei es, dass sie auch nach eingehenden Gesprächen die wenigen Verkaufsregeln nicht akzeptieren wollen. Da muss es Konsequenzen geben.
Auch das Enttäuschen einer Hoffnung auf einen Verkäuferausweis fällt mir meist sehr schwer.

Warum ist es manchmal gut, Dinge im Verborgenen zu belassen?
Hans Steininger:
Damit sie nicht von den Neunmalklugen zerredet werden.

Was kann sich im Verborgenen gut entwickeln?
Hans Steininger:
Alles, was gesagt, geschrieben oder verkündet wird, möge lange genug im Stillen hinter der Stirn reifen.

Was ist deiner Ansicht nach hilfreich im Umgang mit Menschen, die arm sind?
Hans Steininger:
Sich bewusst zu machen, dass nicht alles eigene Leistung ist, was einen von der Armut verschont hat. Viele Menschen haben einfach bei der Geburt schlechte Karten gehabt: falsche Familie, falsche Freunde, falsches Land, falsche Gesellschaftsschicht. Ganz wichtig ist mir, endlich mit einer Unterscheidung aufzuhören: Die „schuldig“ in Not Geratenen bedürfen unserer Hilfe ebenso wie die oft wortreich bedauerten „unschuldig“ in Not Geratenen.

Was ist deine wichtigste Erkenntnis aus zehn Jahren Arbeit mit armen Menschen?
Hans Steininger:
Dass zukünftige Generationen viel Arbeit vor sich haben. Das Thema Armut ist weltweit höchst virulent und wird uns – die wirklichen und die vergleichsweise „Reichen“ – noch sehr beschäftigen.

Was wird für dich wohl immer im Verborgenen liegen?
Hans Steininger:
Ob zuerst die Henne war oder das Ei.