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Die Kunst des langen Atems

In seinem Brotberuf leitet er ein Studentenheim. Georg Leitinger vom Studentenwerk wollte aber mehr. Zehn Jahre hat er daran gearbeitet, ein neues Zuhause für 55 obdachlose Männer und Frauen zu errichten. Nun ist es so weit. Seit 1. Oktober bietet „Mein Zuhaus“ in der Hübnergasse hochwertigen Wohnraum zu einem günstigen Preis. Doch der Weg war steinig.

Titelinterview mit Georg Leitinger
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Was sind für Sie neue Welten?
Georg Leitinger:
Neue Welten … das ist ein hehrer Begriff. Für mich bedeuten sie Innovation und Weiterentwicklung im weitesten Sinne. Dabei gilt es neugierig zu sein, um neue Ideen zuzulassen – und vor allem mutig. Wenn ich vor etwas Angst habe, werde ich nie zu neuen Welten kommen. Was auch notwendig ist, um Neues zu erkunden: das Reden mit vielen verschiedenen Leuten. Sonst gehen viele Ideen verloren. Wenn ich eine Idee habe, rede ich mit vielen Menschen, denn wenn jeder etwas beiträgt, entsteht ein Mosaik und etwas sinnvolles Neues.

Ihnen ist es zu verdanken, dass 55 obdachlose Menschen ab Oktober ein neues Zuhause im frisch errichteten Wohnprojekt „Mein Zuhaus“ in der Riedenburg finden. Wie kommt es, dass Sie als Studentenwerk-Leiter, der Wohnraum für Studierende anbietet, zum „Bauherren“ für arme Menschen wurden?
Georg Leitinger:
Das war reiner Zufall. Wir beschäftigen beim Studentenwerk Menschen, die zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt sind. Vor zehn Jahren hat ein 25-jähriger Mann bei uns gearbeitet, der obdachlos war. Bis dahin hatte ich noch nie mit dem Thema Obdachlosigkeit zu tun gehabt. Am nächsten Tag bekam er ein Pensionszimmer, winzig, Substandard, 15 Leute teilen sich ein Bad, teuer mit Kosten von über 400 Euro und ohne Vertrag. Einen Großteil bekam er vom Sozialamt bezahlt, 90 Euro musste er selbst zahlen. Ich habe mir damals gedacht:
Das kann es ja nicht geben!
Das ist die volle Ausbeutung!
Ein Studierender bei uns zahlt 350 Euro für die Einzelgarconnière mit eigenem Bad und wenn etwas kaputt ist, wieselt der Techniker daher, um es zu reparieren. Da ist in mir die Idee entstanden, für die Zielgruppe der Obdachlosen etwas Ähnliches wie ein Studentenheim zu bauen.
Ich habe damals angefangen, nach einem Grundstück zu suchen und schließlich ein erstes Projekt dazu entwickelt mit einer möglichen Parkplatzüberbauung bei einem Supermarkt in der Alpenstraße. Diese Idee musste ich schließlich aus verschiedenen Gründen wieder verwerfen. Da ich kurz darauf ein Wohnheim für Schüler und Studierende gebaut habe, habe ich meine Bemühungen für günstigen, hochwertigen Wohnraum für Obdachlose für ein paar Jahre auf Eis gelegt. 2013 habe ich dann wieder angefangen, ein Grundstück und willige Projektpartner zu suchen. Bei Johannes Dines von der Caritas lief ich offene Türen ein. Ihm schwebte schon längere Zeit ein ähnliches Projekt vor, er hatte aber nicht gewusst, wie er es angehen sollte. Da ich die Expertise in der Errichtung von Wohnheimen habe, haben wir damals unsere Partnerschaft gestartet. Als Bauherr wurde bereits bei unserem ersten Gespräch die Heimat Österreich festgelegt, da die Caritas Miteigentümer der Heimat Österreich ist.

Wie ist „Mein Zuhaus“ konzipiert?
Georg Leitinger:
Es gibt 55 kleine Wohneinheiten in der Art eines klassischen Studentenheimzimmers mit Bett und Kasten, eingebauter Küche, Dusche und WC. Wir haben den großen Vorteil, dass wir eine große Sachspende der Max-Aicher-Gruppe erhalten haben, mit der wir alle Zimmer komplett einrichten konnten. Es ist alles da inklusive Staubsauger, Kaffeemaschine und Mikrowelle. Im Prinzip kann jemand nur mit einem Koffer einziehen. Salzburger Sozialeinrichtungen, die im Forum Wohnungslosenhilfe vernetzt sind, konnten ihre Klienten ab Anfang Juli für die Garconnièren anmelden. Anfang August hatten wir bereits 102 Bewerbungen. Die Caritas wählt aus, wer hier wohnen darf, sie schließt den Betreuungsvertrag ab. Die Leute, die hier wohnen, werden von Sozialarbeitern betreut, damit sie nach Ablauf der drei Jahre, die sie hier wohnen können, wieder in ein normales Leben zurückkehren können. Im Idealfall haben sie dann einen Job gefunden, aber zumindest eine Folgewohnung.
Der ABGB-Benützungsvertrag wird jedoch über uns, das Studentenwerk, abgeschlossen. Als Generalmieter des Objektes sind wir für Technik, Reinigung und Instandhaltung zuständig. Wir haben auch die gesamte Projektentwicklung mit Gebäudeentwicklung und Finanzierung gemacht.

Wie einfach oder schwierig war es, als Studentenheimbetreiber ein Obdachlosen-Wohnprojekt tatsächlich zu realisieren?
Georg Leitinger:
Ich muss sagen, es war mit Abstand mein bislang schwierigstes Projekt. Es ging zwei Schritte vor und fünf Schritte zurück, manchmal konnte ich so gut wie nichts erreichen, dann stand nach einem Etappenerfolg wieder ein Wackerstein mitten am Weg. Es sind im Projekt sehr viele Shareholder dabei, die du auf Schiene bringen musst. Jeder klopft dir auf die Schulter, dann kommt jedoch oft das große „Aber“. Dankenswerterweise haben uns die Barmherzigen Schwestern das Grundstück sehr günstig zur Verfügung gestellt, aber auch hier sind längere Entscheidungswege einzuhalten. Es war zudem eine Sonderwidmung für das Grundstück nötig. Dann ging es an die Finanzierung. Jetzt kann ich auf eine solide Finanzierung schauen, aber der Weg dahin war mehr als steinig und von vielen Rückschlägen geprägt. Ich habe sehr viel gelernt in jener Phase, in der die politischen Mühlen gemahlen haben. Als das politische Parkett bewältigt war, traten noch einige Nachbarn auf den Plan, obwohl wir sie von Anfang an mit eingebunden hatten. Wir konnten schließlich am 10. Oktober 2017 zum Bauen anfangen – und bis auf eine Verzögerung ohne weitere Widerstände innerhalb eines Jahres „Mein Zuhaus“ fertig errichten, sodass wir am 1. Oktober nun in Betrieb gehen konnten.

Wie schaut die Finanzierung nun aus?
Georg Leitinger:
In Summe hat es 2,7 Mio. Euro gekostet. Davon speisen sich 1,2 Millionen aus den Wohnbauförderungsmitteln des Landes, 1 Million ist ein Sponsordarlehen der Salzburger Sparkasse, 50.000 Euro kommen jeweils von Stadt und Land, 160.000 Euro vom Lions Club, 100.000 von den Rotariern und da die Sparkasse die „Zweite Sparkasse“, die Menschen in finanziellen Schwierigkeiten bei ihren Geldangelegenheiten hilft, ins Haus verlegt hat, zahlt sie für die Räumlichkeiten keine Miete, sondern einen Investitionszuschuss in Höhe von 70.000. Immer, wenn ich von einem Projekt begeistert bin, rede ich mit vielen Menschen. So hat ein befreundetes Ehepaar auf Weihnachtsgeschenke verzichtet und stattdessen uns 1.000 Euro gespendet. Ein Freund hat unlängst geheiratet und schrieb in die Einladung, dass sich das Brautpaar eine Spende für uns wünscht – wir erhielten 12.000 Euro! Dann kamen noch etliche Sachspenden hinzu. Ein Lieferant vom Studentenwerk, die Firma PKS, unterstützt jedes Jahr ein Sozialprojekt. Sie haben uns eine elektronische Schließanlage im Wert von 35.000 Euro geschenkt. Unser Putzmittellieferant spendete uns ein Putzwagerl und einen Schrubbautomaten im Wert von 4.000 Euro. Mein Friseur war so begeistert und lässt seine Lehrlinge im 3. Lehrjahr, die Modelle brauchen, einmal im Monat kostenlos für alle Bewohner die Haare schneiden.  Die Bereitschaft, zu helfen, ist sehr groß, vor allem, wenn Menschen etwas zum Angreifen haben.
Für die Begleitung des Projekts waren die sozialen Medien sehr wichtig, weil die Menschen aktuell sehen können, wofür sie gespendet haben, und die Entwicklung des Baus mitverfolgen können.

Woher holen Sie Ihren langen Atem?
Georg Leitinger:
Ich war in meiner Jugend Spitzensportler – das hat mein ganzes Leben geprägt. Du entwickelst eine enorme Selbstdisziplin, weil du dir Ziele steckst, an denen du konsequent und konzentriert arbeitest. Du gibst bei einer Verletzung nicht auf. Wenn du zu einem Widerstand kommst, überlegst du dir, wie du das Problem lösen kannst und mit welchen Strategien du dein Ziel erreichst. Und du musst dich etwas trauen.
Ich war Brustschwimmer, ich habe mit zehn Jahren begonnen und mit 18 Jahren aufgehört, weil das Leben natürlich in dem Alter noch anderes zu bieten hat, als täglich vier bis fünf Stunden im Wasser zu sein.
Als Spitzensportler unterliegst du einem bestimmten Rhythmus. Du bist im Wasser, machst Krafttraining und dann wieder Pause.
Du setzt dir Ziele und hast Erfolge, die dich anspornen. Da entwickelt man Nerven aus Drahtseil und einen langen Atem, was mir natürlich auch abseits des Schwimmens hilft.
Vor elf Jahren bin ich wieder zum Schwimmen zurückgekehrt. Ich schwimme dreimal die Woche um sieben Uhr morgens, egal, ob ich erst um 2 Uhr morgens nach Hause gekommen bin oder es draußen minus 15 Grad hat.

Was ist Ihnen als Studentenwerk-Leiter wichtig?
Georg Leitinger:
Qualitativ hochwertigen Wohnraum zu einem günstigen Preis anbieten zu können. Im weitesten Sinne sind wir ein Sozialunternehmen, weil wir Studierende unterstützen. Wohnen ist etwas Elementares. Wir unterstützen auch in Notlagen, wenn jemand nicht zahlen kann. Wir errichten auch Studentenheime. Uns ist es dabei wichtig, ein solides Qualitätsmanagement zu haben, das die Prozesse gut dokumentiert, sodass es möglich ist, den Personalaufwand so gering wie möglich zu halten – somit können wir günstigen Wohnraum anbieten, denn Personal ist immer der kostenintensivste Budgetposten. Wir benötigen mittlerweile in der Verwaltung für 2.000 Betten nur drei Mitarbeiter. Ein Beispiel für laufende Weiterentwicklung von Abläufen ist der Auszug von Studierenden. Früher hat es vier Wochen gedauert, bis ein Techniker die ganzen Zimmer abgenommen hat und die Abrechnung ausgeschickt werden konnte. Jetzt hat er ein digitales Surface, in welches die Daten eingespeist werden, und über ein ausgeklügeltes System erhält der Student am nächsten Tag automatisch die Abrechnung. Somit konnten wir vier Wochen Arbeit auf eine Nacht reduzieren. Wir machen auch regelmäßig Bewohner- und Mitarbeiterbefragungen. Unser Qualitätsmanagement stiftet Nutzen, obwohl es aufwendig ist.
Wenn ein neuer Mitarbeiter kommt, hat er aber gleich Zugriff auf ein Handbuch, in dem er nachlesen kann, wie bei uns die Prozesse ablaufen. Das erspart viel Zeit und Kosten.

Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit?
Georg Leitinger:
Ich kann sehr frei arbeiten, weil ich einen Vorstand habe, der nie blockiert. Mir ist es wichtig, dass auch meine Mitarbeiter viel Freiraum haben und auch unkonventionell arbeiten können. Ich bin ein Feind der klassischen Montagsbesprechung. Mir ist das tägliche Informelle lieber, da kann viel mehr entstehen. Daher haben wir große, gemütliche Pausenräume, die eigentlich informelle Besprechungsräume sind. Denn gerade in den Pausen wird viel über die Arbeit geredet, viele unserer Ideen sind genau bei einer Tasse Kaffee zwischendurch entstanden. Da lassen sich Dinge schnell und unbürokratisch entwickeln.

Sie sind seit 21 Jahren für das Studentenwerk verantwortlich. Was hat sich verändert?
Georg Leitinger:
Die Studierenden-Welt hat sich stark gewandelt. Als ich 1997 begonnen habe, musste ich mich mit einer starken Heimvertretung, bestehend aus Studierenden, auseinandersetzen. Das war manchmal anstrengend, aber auch sehr fruchtbar. Von 180 Studierenden waren bei der ersten Heim-Versammlung 150 da. Mittlerweile gibt es keine Heimvertretung mehr, weil sich niemand mehr dafür findet. Es gibt auch keine Heimfeste mehr. Die Studierenden studieren nach einem meist fixen Plan. Auch die Heimanmeldungen erfolgen nicht mehr durch die Studierenden selbst, sondern meist über die Eltern. Diese Entwicklung finde ich sehr schade.

Sie haben in Ihrer Funktion als Mitglied des Rotary Clubs Altstadt einen Obdachlosen-Folder finanziert ebenso wie eine Küche für einen mittlerweile verstorbenen Apropos-Verkäufer und sind auch mit unserem Verkäufer-Ehepaar Georg und Evelyne Aigner befreundet. Wie ist es dazu gekommen?
Georg Leitinger:
Ich war bei den Rotariern zuständig für Vorträge. Da wir jede Woche ein Meeting mit einem Vortrag oder einer Veranstaltung haben, wollte ich einen Themenblock zum Thema Armut machen. Zuerst hatte ich den Armutsforscher Clemens Sedmak eingeladen, dann Robert Buggler von der Armutskonferenz und schließlich wollte ich auch Betroffene bei uns zu Gast haben. Da viele von uns in einer Welt von ihresgleichen leben und keinen Kontakt mit Menschen am Rand der Gesellschaft haben, habe ich Robert Buggler gebeten, einen Kontakt herzustellen. Er hat uns dann Evelyne und Georg Aigner vermittelt. Die Aigners hatten keine Scheu, in einer solchen Runde zu reden. Damals hat uns Georg die Idee eines Obdachlosen-Folders mit zentralen Anlaufstellen vorgestellt und wir haben ihn dann gleich unterstützt. Mittlerweile liegen 4.000 Folder in verschiedenen Einrichtungen und auch am Sozialamt auf. Aus diesem ersten Treffen heraus ist dann eine Freundschaft entstanden, wir treffen uns in unregelmäßigen Abständen auf einen Kaffee, was für beide Seiten immer sehr spannend ist.

Was haben Sie vom Apropos-Verkäuferehepaar Aigner gelernt?
Georg Leitinger:
Durch sie weiß ich, welche Probleme Menschen haben, die ausgegrenzt sind. Sie haben mitgeholfen, Armut in Salzburg ein Stück sichtbarer zu machen. Einmal habe ich bei einem Rotary-Treffen einen Film von der Fachhochschule gezeigt, in dem Georg Aigner durch den Film und das soziale Salzburg führt. Ich wollte damit auch meine Kollegen beim Rotary Club aufzeigen, dass es Armut vor unserer Tür gibt. Das ist auch gelungen, denn nach 35 Minuten haben sie mich gebeten, den Film abzudrehen. Sie waren sehr betroffen, dass es in Salzburg so etwas gibt. Ich habe das schon immer gerne gemacht: ein bisschen provokant sein, um jemanden aufzuwecken. Mit einem kleinen Beitrag kann man schon viel bewirken. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, dass es Armut gibt.

Wofür schlägt Ihr Herz?
Georg Leitinger:
Abgesehen für meine Frau und für meine Kinder: dass man sein Umfeld etwas sozial gerechter macht. Wir haben teilweise eine gesellschaftliche Entwicklung, in der man bewusst wegschaut und jene am Rand am Rand belässt – siehe Bettlerdebatte oder Flüchtlingsbewegungen. Das Problem der westlichen Welt ist, dass sie anderen Welten immer sagt, wie es besser gehen könnte – weil wir glauben, dass wir wissen, wie es geht. Aber das wissen wir nicht. Wir können andere Welten nur unterstützen. Wir regen uns über Flüchtlingsströme aus Afrika auf, dabei verursachen wir sie selbst. Europa entwickelt sich politisch in die völlig falsche Richtung und es geht mir darum, aufzuzeigen, dass es die falsche Richtung ist.

Welche neuen Welten möchten Sie noch entdecken?
Georg Leitinger:
Ein für mich spannender Bereich ist es, im Sozialbereich mitzuhelfen, dass die, die am Rand sind, mehr in die Mitte kommen. Ich kann mir gut vorstellen, in der Pension ehrenamtlich bei der Caritas zu arbeiten. Auch wenn man den USA kritisch gegenübersteht, eine Einstellung dort ist sehr interessant: Es gibt viele Pensionisten, die sagen: „Wir haben viel vom Staat erhalten, wir möchten gerne etwas zurückgeben.“ Daher sind sie ein paar Stunden am Tag bei einer gemeinnützigen Organisation tätig. Menschen verlangen oft Geld als Entgelt, wenn sie etwas machen. Aber das Entgelt kann auch das gute Gefühl sein: Ich habe geholfen.