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Hervorgehoben I

„Der machtkritische Narr“

Er hat sich schon immer gerne mit den Mächtigen angelegt und sie dazu gebracht, Farbe zu bekennen.  Sein „Schwarzbuch Markenfirmen“ wurde zum Welt-Beststeller. Nun offenbart Globalisierungs-Aktivist Klaus Werner-Lobo als Clown eigene Schwächen – und warum ihn das stark macht.

Titelinterview mit Klaus Werner-Lobo
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Was bedeutet für Sie, Farbe zu bekennen?
Klaus Werner-Lobo:
Dass man dafür einsteht, woran man glaubt – und dass man sich nicht vor Konflikten scheut, nicht nur vor denen mit anderen, sondern auch mit dem eigenen Ego. 

Was braucht es, um Farbe zu bekennen?
Klaus Werner-Lobo: Man muss sich selbst kennen, die eigenen Wünsche und Träume. Das klingt leicht. Aber in Wahrheit ist es ein Grundübel, dass die meisten Menschen sich selbst und die eigenen Träume nicht kennen. Wir lernen durch Familie, Schule, Wirtschaft und Medien schon von klein auf sehr genau, was andere von uns erwarten, aber nicht, was wir wollen und wer wir sind. Wir leben in einer Gesellschaft, die in Gut und Böse kategorisiert – und die uns dazu bringt, dass wir uns innerlich aufspalten und jene Anteile verdrängen, die als böse angesehen werden. Der erste Schritt, Farbe zu bekennen, ist daher, sich selbst kennenzulernen und sich selbst zu akzeptieren. Nur, wenn ich mich so annehme, wie ich bin, nämlich auch mit jenen Anteilen, für die ich Ablehnung erfahren habe, kann ich auch andere so akzeptieren, wie sie sind.

Was passiert, wenn jemand nicht Farbe bekennt?
Klaus Werner-Lobo:
Wer nicht Farbe bekennt, versucht überall zu gefallen und sich anzupassen. Das heißt gesellschaftspolitisch, dass immer die Dominanten und Herrschenden gewinnen.  Unser Wirtschaftssystem – und leider auch unser Bildungssystem –  stellt Anforderungen an uns, die mit den Menschen und ihren Bedürfnissen nichts zu tun haben. Wer andere beherrschen will, profitiert davon, dass Menschen mit sich selbst in Konflikt sind. Wenn etwa die Werbeindustrie einer Frau einredet, sie muss ausschauen wie eine Barbiepuppe, dann wird sie ihr Leben lang von Selbstzweifeln geplagt sein. Sie wird ihr alle Schönheitsprodukte abkaufen und versuchen, sich in einer kapitalistischen Hierarchie einzuordnen und anzupassen – und sie wird dieses System nicht in Frage stellen. Sobald wir aber sagen: „Ich bin mir selbst genug und ich schaue so aus, wie ich ausschaue, und das ist schön“, sind wir nicht mehr beherrschbar.

Sie bringen andere Menschen gerne dazu, Farbe zu bekennen. Als Globalisierungskritiker haben Sie mit Ihrem Bestseller „Schwarzbuch Markenfirmen“ die Machenschaften der Großkonzerne aufgedeckt. In Ihrem neuen Buch „Frei und gefährlich. Die Macht der Narren“ blättern Sie sich selbst auf. Wie ist es dazu gekommen?
Klaus Werner-Lobo:
Das „Schwarzbuch Markenfirmen“ ist 200.000 Mal auf Deutsch verkauft und in 15 Sprachen übersetzt worden. Der Erfolg des Buches hat dazu geführt, dass ich fünf Jahre keine Erwerbsarbeit zu machen brauchte. Ich bin daher 2004 im Alter von 37 Jahren ohne Plan nach Brasilien gefahren, um eine Zeitlang dort zu leben. Das ist natürlich ein besonderer Luxus gewesen. Ein Zeitungs-Interview mit dem brasilianischen Clown Márcio Libar hat dann mein Leben verändert. Im Gegensatz zu den Spaßmacher-Clowns in unseren Breitengraden, die ihre wahren Emotionen häufig verstecken, hat Libar über den Clown als Archetyp gesprochen – jenen Archetyp, der die Angst vor dem Scheitern verloren hat und deswegen auch gefährlich für die Mächtigen wird, weil er dadurch nicht mehr beherrschbar ist. Ich war immer Machtkritiker und auf einen Kampf mit den Mächtigen aus.
Also habe ich mir ein Stück von ihm angeschaut,
ein Clowntheater für Erwachsene.
Er hat sich dabei auf offener Bühne von einem brasilianischen Super-Macho in einen Clown verwandelt – und ist auf einmal zu einem unglaublich liebesbedürftigen, zärtlichen, liebenswerten Mensch geworden, der seine Schwächen zeigt. In dem Moment, wo er seine Verletzlichkeit zeigte, hat sich das ganze Publikum in ihn verliebt, ich inklusive. Da habe ich mir gedacht: Das will ich auch können.

Wie wurden Sie zum Clown?
Klaus Werner-Lobo:
Ich habe dann seinen Wochenend-Workshop besucht. Dort ging es darum, seine Masken fallen zu lassen, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen und das eigene Scheitern zu akzeptieren. Als ich dann Dinge, die ich lange verborgen hatte, auf die Bühne gebracht habe, erfuhr ich von allen Teilnehmern, dass ich genau dafür geliebt werde. Das war ein unfassbares Glücksgefühl. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich vollständig gefühlt und zudem vollständig geliebt. Nämlich nicht nur für den Teil, den ich bis dahin immer gezeigt habe, egal ob privat oder in der Öffentlichkeit, sondern auch für jene Teile, für die ich mich immer geniert habe. Ich glaube, dass jeder Mensch nur ein Ziel hat: Jeder Mensch will lieben und geliebt werden. Er bekommt aber in unserer Gesellschaft nur Anerkennung für bestimmte Teile seiner selbst. Das ist das Glück, das der Clown bringt: die Akzeptanz für die versteckten Anteile in uns.

Wenn sich der kämpferische Globalisierungsaktivist plötzlich hinstellt und durch sein Clown-Tum zeigt: Schaut her, ich bin ein Mann mit Emotionen, ich bin verletzlich, macht das in dem Globalisierungs-Kontext ja auch angreifbar. Inwieweit schützt Sie da die Narrenkappe?
Klaus Werner-Lobo:
Der Narr war früher tatsächlich der Einzige, der den Mächtigen die Wahrheit sagen durfte – weil er der Narr war. Der Narr tritt in vielen Gesellschaften als Machtkritiker auf, der sehr weit gehen kann, aber er muss sehr genau wissen – und das ist Teil einer guten Clown-Ausbildung – wo und wie er das macht. Ich kann als Clown auf einer Bühne viele Freiheiten genießen. Wenn ich das Gleiche im Alltag mache, bekomme ich womöglich ein Problem. Es gibt Menschen, die treten als sogenannte Clownrebellen-Armee auf Demonstrationen auf und stellen sich in heiklen Situationen, wenn die Polizei auf Demonstranten losgeht, zwischen die Fronten. Da schützt die Figur des Clowns davor, weil es in der Öffentlichkeit nicht gut kommt, wenn die Polizei auf einen Clown einprügelt.

Während Ihrer Zeit als grüner Abgeordneter im Wiener Gemeinderat sind Sie als Clown gescheitert. Weshalb?
Klaus Werner-Lobo:
Weil Politik ein brutales, konkurrenzorientiertes System ist, in dem man überlebt, wenn man die Kriterien der Hierarchie, der Konkurrenz, des Vortäuschens von Perfektion verinnerlicht hat, und zwar egal in welcher Partei. Wenn man nun als Clown daherkommt, der genau das Gegenteil macht, nämlich eigene Fehler offen zur Schau zu tragen, Scheitern zu akzeptieren, Zweifel und Widersprüchlichkeiten  zu zeigen, dann gehst du unter in dem System oder wirst rausgekickt. Nicht nur von den politischen Gegnern und von den Medien, sondern auch von den Parteifreunden.
Dabei wäre die Funktion des Clowns gerade in der Politik sehr wichtig. In frühen Narrendarstellungen haben Narren  einen Spiegel in der Hand, den sie den Mächtigen vorhalten. In indigenen Gesellschaften hat es den Narren institutionalisiert auf allen Kontinenten in so gut wie jeder Kultur zu jeder Zeit gegeben. Er hatte die Aufgabe, die Welt auf den Kopf zu stellen und sich nicht in die moralischen Zwänge einzufügen – und die kirchlichen und weltlichen Machthaber wieder auf den Boden zu bringen und daran zu hindern, gegen Gemeinwohlinteressen zu handeln. Bei uns reicht ein Clown nicht dafür aus, dafür bräuchte es viele Clowns oder eine ganze Clown-Partei.

Dennoch kann ein einziger Clown einen Mächtigen stürzen.
Klaus Werner-Lobo:
Ja, dafür gibt es Beispiele. Ich war in Brasilien beim Volk der Krahô. Sie haben in ihrer Gemeinschaft eine institutionalisierte Clownfigur, den Hotxuá. Als ich zu Besuch war, hat der Hotxuá den Dorfchef gestürzt, weil der mit den Weißen paktiert und nur auf sein eigenes Wohl geschaut hat – einfach indem er ihn öffentlich lächerlich gemacht hat. Der Hotxuá macht vieles sichtbar und schafft dadurch Akzeptanz.
Wenn er etwa als Mann in Frauenkleider schlüpft und homoerotische Sehnsüchte artikuliert, macht er das Tabu-Thema Homosexualität innerhalb einer patriarchalen Gesellschaft sichtbar und auf eine bestimmte Weise sogar gesellschaftsfähig. Der Clown schafft also die Möglichkeit, so zu sein, wie man ist – auch wenn das den gesellschaftlichen Normen widerspricht.

Früher waren Sie Globalisierungs-Aktivist, jetzt sind Sie Clown. Was eint die beiden?
Klaus Werner-Lobo:
Ich  hatte immer schon den Antrieb, aus Empathie mit Unterdrückten gegen Unterdrücker zu kämpfen. Ich habe diesen Kampf ganz lang gegen die Unterdrücker im Außen geführt. Durch das Clown-Sein habe ich gelernt, dass es ebenso wichtig ist, sich mit  internalisierten Unterdrückungsmechanismen auseinanderzusetzen. Um es mit den Worten eines meiner Lehrer, Jango Edwards, zu sagen:
„Clowns wollen anderen helfen, aber um anderen zu helfen, musst du zuerst einem Einzigen helfen – dir selbst.“

Wie schaffen Sie Akzeptanz für die unterdrückten inneren Anteile?
Klaus Werner-Lobo:
Indem ich sie herauskitzle. Dieses Kitzeln ist zum Teil schmerzhaft, weil man  jahrzehntelang daran gearbeitet hat, sie zu verstecken. Der Clown ist derjenige, der fällt, der scheitert, der verliert – und der immer wieder aufsteht. Er ist derjenige, der die eigene Nicht-Perfektion, die eigene Lächerlichkeit, die eigene Verletzlichkeit,  das Nicht-in-ein-Schema-Passen akzeptiert. Der Clown ist derjenige, der sich ganz selbst kennt, nämlich auch jene Anteile in sich, die gesellschaftlich sanktioniert sind. Also auch die Dinge, von denen wir gelernt haben: Das ist schlecht, das ist böse, das ist schwach, das ist unattraktiv; was dazu führt, dass wir uns selbst nicht akzeptieren, weil uns die Gesellschaft nicht akzeptiert – aus reinem Überlebenstrieb heraus.
Es liegt eine unglaubliche Befreiung darin, genau für die Dinge, die ich ansonsten immer zu verstecken gesucht haben, von anderen geliebt zu werden – also für alles, was peinlich ist, wovor ich mich fürchte, für alles, von dem ich glaube, dass ich soziale Anerkennung verliere. In einem Clown-Workshop lernen wir, mit den anderen Teilnehmern in Beziehung zu treten, indem wir ehrlich zu uns selbst und anderen sind. Mittlerweile biete ich sowohl für Privatpersonen als auch für Unternehmen Workshops an, die ich unter das Motto „narrenFREI“ gestellt habe. Davon profitieren auch Teams, weil es Vertrauen und die Empathie füreinander weckt. Im Laufe von ein oder zwei Tagen lassen die Menschen ihre Masken fallen.
Die rote Nase – die Clownsmaske – ist die kleinste Maske der Welt, die nichts versteckt, sondern alles zeigt.

Der Clown ist also derjenige, der den Mut hat, sich so zu
zeigen, wie er ist?
Klaus Werner-Lobo:
Der Clown ist nicht, wie viele glauben, wie ein unschuldiges Kind, das einfach nur naiv und dumm ist. Im Gegenteil. Der Clown ist derjenige, der Schmerz, Verlust, Angst, Tod, Krankheit, Hoffnung, Sehnsucht, Freude, Liebe, Begehren, Ekstase erlebt hat, alles kennt, jede Erfahrung gemacht und akzeptiert hat. Deswegen kann er nach der Erfahrung mit einer Art kindlichen Unschuld damit umgehen. Er hat die Kränkung überwunden. Daher braucht er sie nicht mit seinem narzisstischen Ego zu beschützen, weil er nichts vorspielen muss.
Wir lachen über Clowns nicht, weil sie so lustig sind, sondern weil wir unsere eigene Unperfektion, unsere eigene Lächerlichkeit, einfach all das, was uns belastet, in ihnen erkennen.
Der Clown hat mit dem Scheitern kein Problem. Wenn wir über Charlie Chaplin lachen, weil er auf die Schnauze fällt, wenn er sich unglücklich verliebt, wenn er mit der Polizei, mit dem Gesetz, mit Autoritäten in Konflikt gerät, dann lachen wir nicht, weil er so lustige Späße macht oder aus Schadenfreude. Wir lachen aus Identifikation. Wir sehen unser eigenes Scheitern in ihm und können es in ihm akzeptieren –  das Lachen hilft uns dabei, die innere Anspannung loszulassen. Das ist die Kraft des Clowns.

Erreicht Ihre Botschaft jetzt als Clown ein größeres, anderes Publikum?
Klaus Werner-Lobo:
Ich erreiche die Menschen besser, aber natürlich nicht so viele wie mit einem Bestseller. Ich wäre natürlich froh, wenn  „Frei und gefährlich“ auch so oft gelesen würde wie das „Schwarzbuch Markenfirmen“, schön wär’s, es wird halt leider als Nischenthema wahrgenommen. Es ist viel leichter, sich über die Machenschaften von Banken und Konzernen zu empören, weil dabei ja die anderen böse sind und ich gut.
Es ist schmerzhafter und schwieriger zu sagen:
„Moment, ich muss mich mit meinen eigenen Dämonen beschäftigen.“ 
Nachhaltiger und intensiver – auch wenn man es politisch denkt – ist sicher die Akzeptanz der eigenen Widersprüchlichkeiten. Weil man dann weniger beherrsch- und manipulierbar ist.