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Seit 20 Jahren bei apropos dabei

Seit der dritten Ausgabe ist Apropos-Urgestein Luise Slamanig Verkäuferin. Sie blickt auf 20 Jahre Straßenzeitungserfahrung zurück, erzählt von den Anfängen, den Höhepunkten, aber auch den Tiefschlägen. Und zeichnet dabei das Porträt einer echten Stehauffrau.

Titelinterview mit Luise Slamanig
von Chefredakteurin Michaela Gründler

Wie bist du zur Straßenzeitung gekommen?
Luise Slamanig:
Ich habe bei der Hausarbeit immer Radio Salzburg gehört. Da haben sie erzählt, dass es in Salzburg eine Straßenzeitung gibt. Mein damaliger Mann, der Heini, hat dann am selben Abend im Fernsehen einen Beitrag darüber gesehen und zu mir gesagt: „Wenn du einen Verkäufer triffst, dann kauf eine Zeitung.“ Ich bin dann gleich am nächsten Tag in den Saftladen in die Schallmooser Hauptstraße, wo damals der Zeitungsvertrieb war. Eigentlich wollte ich nur eine Zeitung zum Lesen kaufen. Da meinte der damalige Chefredakteur, der gerade mit ein paar Verkäufern dort war, zu mir: „Magst nicht selbst verkaufen?“ Das war bei der 3. Ausgabe. Mit krankheitsbedingten Unterbrechungen habe ich seitdem durchgängig verkauft.

Wie ist es dir an deinem ersten Verkaufstag ergangen?
Luise Slamanig:
Ich war sehr euphorisch drauf. Mit den 20 Zeitungen, die ich bekommen habe, bin ich gleich zur Sterneckkreuzung und wie ein Tageszeitungs-Kolporteur bei der Kreuzung gestanden. Da hat ein fescher Typ das Fenster heruntergekurbelt und zu mir gesagt: „Gib mir eine Zeitung.“ Hinter ihm haben die Autos gehupt, weil das ja eine Zeit dauert, bis er mir das Geld gegeben hat. Er hat nur gemeint: „Die sollen nicht hupen, sonst schalte ich mein Blaulicht ein.“ Es hat sich herausgestellt, dass es ein Polizist von der Kripo war, von der Drogenfahndung. (lacht)
Innerhalb von einer Stunde hatte ich die Zeitungen verkauft. Ich bin in den Saftladen zurück und wollte das Geld abliefern, weil ich geglaubt habe, dass ich das Geld abgeben muss. Dabei durfte ich das ganze Geld behalten, weil jeder neue Verkäufer die ersten 20 Exemplare gratis bekommt, sozusagen als Startkapital. Dann kauft man jedes Stück um den halben Preis ein und verkauft es zum doppelten Preis auf der Straße.

Ging es dann genauso gut weiter?
Luise Slamanig:
Unterschiedlich. So viel wie am ersten Tag mit den 20 Stück innerhalb von einer Stunde allerdings nicht. Am Anfang musste ich viel erklären, was eine Straßenzeitung überhaupt ist. Es war außerdem schwierig, am Tag die Zeitung anzubringen, am Abend ging es leichter, denn da war kreatives Volk unterwegs. Viele haben damals gefragt: „Ist das so etwas wie der Augustin in Wien?“ Ich bin ein Typ, der auf die Leute zugehen muss. Wenn ich still dastehe, wie ich das in depressiven Phasen gemacht habe, verkaufe ich nichts. Zu Beginn haben auch immer wieder Leute zu mir gesagt: „Geh arbeiten!“ Das hat mich immer sehr getroffen, denn ich arbeite ja, indem ich die Zeitung verkaufe. Heute bin ich richtig stolz: Ich höre erst dann zum Zeitungsverkaufen auf, wenn ich umfalle. Ich sehe das als Lebenswerk. Mein Leben hat durch die Zeitung wieder einen Sinn bekommen. Auch in die Schreiberei bin ich immer mehr hineingekommen durch die Schreibwerkstätten, die Apropos anbietet. Durch die Bücher, die wir herausgebracht haben, und durch die Lesungen ist mein Selbstwert ordentlich gestiegen.

Was ist dir beim Verkaufen wichtig?
Luise Slamanig:
Zu Beginn gab es in der Zeitung vorwiegend Geschichten, wie die Leute in die Obdachlosigkeit geschlittert sind. Ich bin froh, dass sich dann die Zeitung inhaltlich verändert hat und positiver geworden ist. Wenn man immer nur über das Los der Menschen liest, zieht einen das auf Dauer runter. Mir ist es wichtig, dass die Zeitung gelesen wird und gut ankommt. Immerhin verkaufe ich nicht nur, sondern ich schreibe auch mit. Unlängst ist mir eine Frau mit zwei kleinen Kindern entgegengekommen und hat zu mir gesagt: „Ich kenne Sie aus der Zeitung.“ Da habe ich mich sehr gefreut. Durch die Zeitung bin ich wieder in die Gesellschaft aufgenommen worden. Wenn man arm ist, ist man an den Rand gedrängt und nichts wert.

Du warst früher obdachlos. Weshalb?
Luise Slamanig:
Ich bin vom Arbeitsmarktservice Kärnten nach Vorarlberg geschickt worden und habe dort als Näherin gearbeitet. Dann habe ich die Akkord-Arbeit nicht mehr gepackt. In der Nervenklinik meinten sie, ich solle mir eine andere Arbeit suchen. Daraufhin habe ich bei der Lebenshilfe einen geschützten Arbeitsplatz bekommen, da hatte ich sogar eine Art Familienanschluss, weil ich dort auch gewohnt habe. In dieser Zeit habe ich meinen späteren Mann, den Heini, getroffen und wir sind uns nähergekommen. Wir sind schließlich in ein Pensionszimmer gezogen, aus dem wir später delogiert wurden. Mein Mann wurde immer wieder wegen Alimenten gepfändet. Wie er trocken war, hat er immer wieder mit Gelegenheitsarbeiten Alimente zurückgezahlt. Irgendwann hab ich auch meine Arbeit verloren. Dann bin ich auf einmal dagestanden in meinem unsteten Aufenthalt. Ich habe mich nie getraut, meiner Mutter in Kärnten zu sagen, wie es mir geht. Ich hatte meinen Stolz. Die Erfahrung der Obdachlosigkeit war für mich wichtig, aber ich möchte sie nicht mehr wiedererleben.

Inwiefern war es wichtig für dich, obdachlos gewesen zu sein?
Luise Slamanig:
Über Obdachlose wird so schnell geurteilt. Man kann so schnell in eine solche Situation kommen. Das habe ich am eigenen Leib erlebt.

Was hast du damals am meisten vermisst?
Luise Slamanig:
Dass ich mich nicht habe pflegen können. Immer im selben Gewand drin, Duschen nur im Tröpferlbad oder bei einer Freundin ... Wenn ich heute im Bus diesen Geruch rieche, denke ich sofort an diese Zeiten zurück und es beutelt mich. Ich habe mich außerdem bei der Armenausspeisung nicht wohl gefühlt. Ich habe mich so geniert, anzuklopfen und um Essen zu fragen. Einmal hat ein Sandler, der im Kapuzinerkloster in Bregenz neben mir Suppe gegessen hat, zu mir gesagt, dass ich doch am Strich gehen könne, um Geld zu verdienen. Das hat mich total schockiert.

Was hat dir geholfen, diese Zeit gut zu überstehen?
Luise Slamanig:
Der Heini. Egal, wie schwierig unsere Beziehung auch war, er ist immer zu mir gestanden und hat mich immer verteidigt. Dieser Zusammenhalt war für mich überlebenswichtig.

Wie habt ihr den Weg aus der Obdachlosigkeit wieder herausgefunden?
Luise Slamanig:
In Vorarlberg haben wir einen Psychologen kennengelernt, der meinte, dass wir in Salzburg eine Chance hätten, wieder aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. Es war hart, wieder einen Weg da raus zu finden, aber es klappte. In Salzburg sind wir zum Verein Treffpunkt. Dadurch hat der Heini einen Wiedereinstieg geschafft. Der Verein hat Übersiedlungen und Entrümpelungen gemacht, da war der Heini dann auch eine Zeitlang angestellt beim sozialökonomischen Betrieb. Der Heinz Schoibl vom Verein Treffpunkt und die Moser Elisabeth vom Frauentreffpunkt haben uns sehr geholfen und bei Ämtern viel für uns durchgefochten. Dafür werde ich ihnen immer dankbar sein. Wir haben dann eine Kellerwohnung in der Rudolf-Spängler-Straße bewohnt, bis wir nach einigen Jahren Anspruch auf eine Gemeindewohnung hatten.

Was hast du am meisten gelernt in deiner Obdachlosigkeit?
Luise Slamanig:
Dass man sich schnell schämt. Ich bin sehr christlich erzogen worden. Bei uns hieß es immer: Man spendet der Kirche eher etwas, als dass man etwas nimmt. Ich habe mich damals meine ehemaligen Arbeitskolleginnen nicht mehr zu grüßen getraut. Ich habe aber auch gelernt, dass man zusammenhilft. Unter uns Obdachlosen gab es auch immer wieder einen großen Zusammenhalt. Ich habe von meiner Chefin in der Lebenshilfe mal einen Spruch bekommen, der mich noch immer prägt: Immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Ich habe gelernt, die Hoffnung nie zu verlieren. Ich habe gelernt, zu überleben.

Was ist dein Lebensmotto?
Luise Slamanig:
Niemals aufgeben. Irgendwie geht es immer weiter. Seit 1979 habe ich den Spruch. Heute hängt er in meiner Garconnière. Sprichwörter und Zitate haben es in sich.

Was hilft dir in dunklen Stunden, den Mut nicht zu verlieren?
Luise Slamanig:
Reden hilft mir beim Aufarbeiten, sonst drehen sich die Gedanken im Kreis. Seitdem ich die Psychotherapie bezahlt bekomme, geht es mir viel besser. Ich spüre so viel. Und ich weiß: Nicht jeder kann mit mir. Gehen hilft mir auch sehr, beim Marschieren und Wandern bekomme ich den Kopf frei. Da kommen mir auch gute Ideen. Und dass ich wieder zu meiner Familie zurückgefunden habe, freut mich auch sehr. Ich habe acht Geschwister. Ich habe mich oft so alleingelassen gefühlt, seitdem der Heini nicht mehr lebt. Diese Großfamilie hat mir Kraft gegeben, auch wenn wir viel gestritten haben. Und auch meine Arbeit bei Apropos.

Du bist ein Apropos-Urgestein. Du warst 40 Jahre alt, als du mit dem Zeitungsverkauf begonnen hast. Unlängst bist du 60 Jahre geworden. Was waren deine persönlichen Höhepunkte der vergangenen 20 Jahre?
Luise Slamanig:
Das größte Highlight war der Flug zur Straßenzeitungs-Konferenz nach Berlin gemeinsam mit SchreibwerkstattAutorin Hanna. Bei dieser Tagung habe ich mich auch öffentlich zu diskutieren getraut. Dabei ist eine schöne Freundschaft mit der Hanna entstanden. Dann haben mir die Festspielbesuche mit Apropos viel gegeben. Auch dass Bundespräsident Heinz Fischer die Redaktion besucht hat, hat mich mächtig stolz gemacht. Beim Vagabunden-Poetry-Slam in Linz habe ich eigene Texte vorgetragen. Als unser Heimatbuch herausgekommen ist, waren wir in der Loge beim Adventsingen im Festspielhaus eingeladen – da habe ich geweint vor Freude und Rührung. Ich in einer Loge! Es war auch toll, dass wir mit dem Buch „Denk ich an Heimat“ den Volkskulturpreis gewonnen haben. Das hat mir viel gegeben. Oder auch, dass wir im Salzburg Museum Teil der Ausstellung „Wunschbilder“ waren, dass wir bei der Radiofabrik Radiosendungen machen dürfen, dass wir mit der Zeitung ein Sprachrohr haben – dass wir uns mitteilen können und sichtbar werden, das ist einfach großartig. Viele Kunden sagen, dass sie die Zeitung vorwiegend kaufen, weil bei uns Dinge drinstehen, die sie sonst nirgends lesen. Für viele ist es die beste Zeitung. Solche Rückmeldungen geben mir Auftrieb.

Du bist nicht nur eine Verkäuferin der ersten Stunde, sondern immer auch eine der ersten, die bei allen Apropos-Projekten mitmacht – egal, ob es sich um Apropos-Bücher, -Hörbücher, -Radiosendungen, -Schreibwerkstätten, -Lesungen, -Kulturprojekte oder -Yoga handelt. Warum bist du immer sofort dabei?
Luise Slamanig:
Weil das in mein Leben wieder einen Sinn bringt. Ich schaue mir alles zuerst immer genau an. Wenn es mir guttut, mache ich weiter.

Was bedeutet dir Apropos?
Luise Slamanig:
Ohne Apropos könnte ich nicht mehr leben. Es ist ein Sprachrohr, bei dem wir uns einbringen können, und eine Gemeinschaft, in der wir gemeinsam feiern und wo immer jemand da ist, der ein offenes Ohr für meine Anliegen hat. Apropos ist für mich zu einer echten Familie geworden. Die gemeinsamen Aktivitäten bedeuten mir immer sehr viel. Ich habe auch ein paar Mal den Apropos-Deutschkurs besucht, weil mich das interessiert hat und ich die rumänischen Kollegen gerne mag. Wenn ich mir denke, wie der rumänische Verkäufer beim Spar in Itzling früher gesprochen hat und wie er jetzt spricht, da hat sich ordentlich was verändert. Auch das Stimmtraining für die 15-Jahres-Lesung mit dem Stimmcoach hat mich beflügelt. Davon habe ich mir mitgenommen: wie eine Königin zu gehen. Die Gegner von Apropos haben sich sicher auch nicht gedacht, dass wir mal so einen Status haben werden. Wir haben ein echt gutes Image. Mit der früheren Blattlinie würde es uns schon lange nicht mehr geben. Für mich ist mit Apropos wieder Freude ins Leben gekommen. Man kann sich einbringen und mit Menschen in Kontakt kommen.

Was machst du gerne in deiner Freizeit?
Luise Slamanig:
Rockmusik hören, lässige Leute treffen, in die Academy Bar gehen. Seit der Mozartmatinee heuer bei den Festspielen höre ich auch gerne klassische Musik. Davor hätte ich mir echt nicht gedacht, dass mich
diese Musik so beruhigen kann. Mir ist es wichtig, nicht senil zu werden. Das wird man dann, wenn man sich mit nichts mehr beschäftigt. Als ich meine ParkinsonDiagnose bekommen habe, habe ich mich sozial zurückgezogen, weil ich mich wegen meiner Zittrigkeit so geschämt habe. Ich konnte auch nicht mehr schreiben, weil die Hand so gezittert hat. Mit den Tabletten geht es jetzt besser und ich kann zum Glück wieder schreiben. Es tut mir auch gut, in der Natur die Seele baumeln zu lassen, da tanke ich immer Kraft.

Was ist dir wichtig im Leben?
Luise Slamanig:
Dass man zusammenhilft, auch in schwierigen Situationen. Als es mir einmal gesundheitlich wie finanziell schlecht gegangen ist, haben meine Kollegen für mich Zeitungen verkauft. Das konnte ich zuerst gar nicht annehmen, dennoch war ich sehr berührt davon. Auch über den Geschenkkorb zum 60er von meinen Kollegen habe ich mich sehr gefreut. Ich habe nämlich mit dem 60er ziemlich gehadert und wollte ursprünglich gar nicht feiern. 60 ist schon ein besonderer Lebensabschnitt. Ich will nicht, dass die Uhr zum Pendeln aufhört. Daher ist es mir wichtig, anlässlich 20 Jahre Apropos mindestens eine Schweigeminute für jene zu machen, die von uns gegangen sind – von den Kollegen, die bei uns verkauft haben, dass wir ihrer gedenken. Viele von ihnen waren gute Wegbegleiter in meinem Leben. Verkäufer Erwin hat mir beispielsweise mal den Parkettboden gelegt, der drei Jahre in meinem Keller gelegen ist. Einmal kommt er mit Kuchen und Kaffee im Restaurant Schmankerl zu mir und sagt: „Damit du nicht vom Fleisch fällst.“ Das sind so Bilder, die mir über schwere Zeiten hinweghelfen.

Was wünscht du dir für die Zukunft?
Luise Slamanig:
Gesundheit! Und dass es mit Apropos erfolgreich weitergeht und dass es niemals eingestellt wird. Salzburg würde etwas vermissen, wenn es Apropos nicht mehr gäbe.