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Hervorgehoben

Schau mir in die Augen!

Kaum etwas macht uns wütender, als von jemandem „von oben herab“ behandelt zu werden. Angestellte leiden unter den Launen ihres Vorgesetzten, Schüler unter der Autorität des Lehrers, und Patienten beschweren sich, dass sie von ihrem Arzt nicht ernst genommen werden. Warum hängt so viel von der Augenhöhe ab, auf der wir einander begegnen? Und was können wir von den Ameisen lernen?


„Augenhöhe ist eigentlich nichts anderes als ein Synonym für Gleichberechtigung,“ weiß Christa Heidinger, Expertin für Mediation und Konfliktmanagement beim Verein „Augenhöhe“. „Wenn man einem Menschen gegenüber immer nur streng und autoritär auftritt, kann das vielleicht anfangs zu einer Leistungssteigerung führen, doch im Endeffekt ist es für alle Beteiligten ein Verlust.“ Wie die Augenhöhe genau aussieht, hängt davon ab, in welchem Verhältnis die Beteiligten zueinander stehen.


Als Elternteil etwa ist man mit seinen Kindern auf gewisse Art und Weise auf Augenhöhe, gleichzeitig muss man ihnen aber Grenzen aufzeigen. Beim Lehrer-Schüler Verhältnis ist das ähnlich. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir von klein auf mit Hierarchien konfrontiert sind. Und die sind oft durchaus sinnvoll. Ein Ameisenstaat etwa verdankt seinen Erfolg der überwältigenden gemeinsamen Stärke, der Kooperation der einzelnen Tiere.

Eine einzelne Ameise wäre nicht überlebensfähig, denn die Tiere handeln nicht nur miteinander, sondern auch füreinander.


Im besten Fall schließen sich also Hierarchie und Augenhöhe nicht aus: „Ein bisschen Hierarchie schadet nicht, solange alle Beteiligten die Möglichkeit haben, sich auf Augenhöhe zu begegnen und sich jeder seiner Verantwortung dem anderen gegenüber bewusst ist“, betont Christa Heidinger. Birgit Ehrmann steht als österreichweite Leiterin der Kindermodekette „name it“ ganz oben in der Firmenhierarchie. Sie weiß, welch große Rolle Augenhöhe für eine erfolgreiche Zusammenarbeit spielt: „Im Umgang mit Angestellten ist Wertschätzung ganz wichtig, jeder Mitarbeiter muss das Gefühl haben, nicht nur eine Nummer zu sein. Mit so einem Gefühl geht man gerne in die Arbeit, fühlt sich dem Unternehmen verbunden und liefert auch bessere Arbeit ab.“


Doch wie kann man ein ehrliches Verhältnis auf Augenhöhe überhaupt herstellen? Christa Heidinger erklärt: „Echte Augenhöhe entsteht dann, wenn man bereit ist sich zu öffnen. Wenn zum Beispiel ein Vorgesetzter zugibt, dass es für ihn auch nicht immer so leicht ist, dass er einen harte Tag hatte, usw. Ich betreue Schüler, die zu mir sagen: ‚Ich versteh nicht, warum der Herr Professor jeden Morgen, wenn er in die Klasse kommt, so grantig ist. Warum kann er nicht einfach sagen, dass er nicht gut drauf ist und was ihn bedrückt?‘“ Die Fähigkeit, Schwächen zuzugeben, kostet einen in der Regel nicht den Respekt seiner Mitmenschen, es erhöht ihn und schafft außerdem Vertrautheit.


Durch ihre Sozialstaatbildung haben Ameisen herausragende Vorteile gegenüber anderen Lebewesen, sie bewegen gemeinsam mehr, als überhaupt möglich scheint. Wenn man einander trotz unterschiedlichen Rollen innerhalb der Hierarchie mit Respekt begegnet, lassen sich viele Konflikte vermeiden. Eine fähige Person in einer Chefposition kann dafür sorgen, dass ein Unternehmen läuft wie ein Uhrwerk, dessen ständige Verzahnung sie steuert, muss zugleich aber auch Verantwortung übernehmen, wenn die Uhr mal stehenbleibt. „Als Chef sollte man immer ansprechbar sein und mit Rat und Tat zur Seite stehen“, unterstreicht Birgit Ehrmann. Wer sich übergangen oder schlecht behandelt fühlt, sollte sich selbst wichtig genug nehmen, um das Problem offen anzusprechen, denn niemand ist unfehlbar. Nicht der Lehrer, der grantig in die Klasse stürmt, nicht der Arzt, der genervt ist, weil seine Patienten Dr. Internet mehr vertrauen als ihm selbst, und auch nicht der Chef, der vielleicht schon den Blick fürs Detail verloren hat.


Text: Eva Helfrich & Katrin Schmoll

Foto: Bilderbox