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Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Das war’s

Von Schreibwerkstattautorin Hanna S.

Sie geht zur Türe, zieht den Schlüssel ab und sieht sich noch einmal um. Der Schlüssel wiegt schwer in ihrer Hand, trotzdem öffnet sie mit Schwung die Wohnungstür und geht einfach hinaus, weg, davon. Das war’s. Das war der Moment, der alles veränderte. Jahrelang wollte Sarah nicht wahrhaben, dass ihre Beziehung am Ende war. Sie kämpfte täglich mit Gefühlen von Angst: Angst vor der Einsamkeit, vor finanziellen Verlusten, vor Veränderung. Die letzten fünf Jahre hatte sie genug Angst ausgestanden. Und doch dauerte es so lange, bis sie diesen endgültigen Schritt wagte. Fünf lange Jahre in einer Beziehung gefangen, die keine mehr war. Durch die Streitereien mit ihrem Mann bekam ihr Selbstbewusstsein einen Totalschaden. Der gegenseitige Respekt war komplett weg, das Vertrauen zerstört. Doch auszubrechen aus dem Gewohnten traute sie sich nicht. Wohin auch? Sie hatte außer ihrem Mann niemanden, na ja, vielleicht ein paar Bekannte hatte sie, aber was hieß das schon? Ihre früheren Freundschaften lösten sich von selbst auf, da sie ihre Freunde von damals aufgrund ihrer zahlreichen Probleme vernachlässigte. Anjammern wollte sie niemanden, da blieb sie lieber für sich, versuchte, ihre Sorgen mit sich allein zu lösen.

Lange Zeit schon flüchtete sie sich in eine Traumwelt, in der sie auf dem Land lebte. Mitten in der Natur mit vielen Tieren sah sie sich da. Es war ein einfaches, aber glückliches Leben. Immer häufiger kamen diese Träume, in der Nacht, aber auch bei Tag sah sie Tiere und Garten vor sich. Seit einiger Zeit hatte sie sich immer wieder nach Immobilien auf den zahlreichen Internetseiten umgesehen, die ihren Träumen vom einfachen Leben auf dem Lande am nächsten kamen. Des Öfteren schon war sie fündig geworden, doch bisher hinderten sie immer wieder die Ängste an der Umsetzung. Doch als die Streitereien eskalierten und ihr Mann handgreiflich wurde, war ihr plötzlich klar, dass sie weg musste. Und so kam der Moment, in dem sie stärker wurde als ihre Angst, nicht mehr zurücksah, sondern nur noch nach vorne blickte. Ihr Gehirn hatte den Kampfmodus eingeschaltet. Sie würde es schaffen. Einige günstige Immobilien gab es und diese würde sie sich alle ansehen. Allerdings waren diese viele Kilometer von ihrem derzeitigen zuhause in Salzburg entfernt. Andererseits: Genau das war ja auch gut. Sie wollte einen Neuanfang wagen mit ihren 54 Jahren.

Außerdem besaß sie einen Führerschein und hatte für den Anfang etwas Geld auf der Seite. Sie borgte sich ein Auto von einer langjährigen Bekannten aus und fuhr los. Zuerst sah sie sich einen alten Weinkeller im Burgenland an. Dieser war jedoch so weit entfernt von jeglicher Infrastruktur, dass sie sich dieses Vorhaben gleich aus dem Kopf schlug. Danach fuhr sie weiter nach Niederösterreich, nahe der tschechischen Grenze. Da wurde ein alter verfallener Bauernhof sehr günstig angeboten. Doch dieser befand sich bereits in einem eher lebensbedrohenden Zustand.

Wieder nichts. Allmählich begann sie an ihrem Vorhaben und an sich selbst zu zweifeln. Zu guter Letzt gab es da noch eine uralte Mühle in Oberösterreich, ebenfalls nahe
an der tschechischen Grenze. Eine Gegend, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Sollte auch dies nichts werden, müsste sie vorerst in eine kleine Wohnung ziehen. Doch als sie die Mühle sah, wusste sie, dass ihre Träume zur Realität werden konnten. Zwar wieder ein ganzes Stück vom nächsten Ort entfernt, aber nur eine Autostunde. Und in der Nähe doch vereinzelt einige Bauernhöfe. Ein dickes Mauerwerk zeugte von einer guten und stabilen Bauqualität und die Fenster waren neu. In einer halben Stunde würde der Vermieter vorbeikommen, um ihr das Innere dieses Juwels zu zeigen. Erwartungsvoll sah sie sich das Grundstück an. Dornenhecken umschlangen den Turm wie im Märchen von Dornröschen. Überhaupt sah das Gebäude wie ein Mini-Schloss aus. Der Garten war entsetzlich verwildert, doch mit ein bisschen Pflege könnte dies ein Paradies werden. Ein Bach plätscherte vorbei und in der Nähe war ein großer Wald. Sie setzte sich auf einen Baumstumpf und genoss die Stille, bis ein näherkommendes Motorengeräusch diese zunichte machte. Der Vermieter war da.

Innen war das alte Haus noch viel schöner als außen. Deckengewölbe und alte Holzbalken sowie ein großer Kamin schafften eine urige Gemütlichkeit. Einen alten Holzofen gab es ebenfalls. Es war alles da, was man brauchte, um gut leben zu können. Sogar einen eigenen Trinkwasserbrunnen gab es. Da auch die Miete erschwinglich war, wurde sofort der Mietvertrag gemacht. Eine Woche später zog sie ein. Schritt um Schritt, Tag um Tag löste sie sich von alten Bindungen und ging neue ein.