Wechseln zu: Inhalt
Wechseln zu: Suche
Sie befinden sich hier: Home Projekte Projekt 1
start -->

Schreibwerkstatt

 

Die Rubrik "Schreibwerkstatt" (in der Zeitung "Anders erlebt") spiegelt die Erfahrungen, Gedanken und Anliegen unserer VerkäuferInnen und anderer Menschen in sozialen Grenzsituationen wider. Sie bietet Platz für Menschen und Themen, die sonst nur am Rande wahrgenommen werden.

 

 

Mein Saxophon

von Schreibwerkstatt-Autorin Monika Fiedler

Ich studierte in Graz Germanistik und Sprachwissenschaft, wollte im Sommer arbeiten, am Arbeitsamt war leider nichts zu finden. Graz ist eine Studentenstadt und Pensionistenstadt. Dort gibt es wenig Arbeit. So entschied ich mich, im Studentenheim zu putzen.

Das Studentenheim war während der großen Semesterferien ein Hotel mit drei Sternen. Es kamen Reisegruppen, wenige Einzelreisende. Ich arbeitete dort drei Monate für gutes Geld. Nach den drei Monaten suchte ich eine Wohnung. Am Ruckerlberg am Stadtrand fand ich eine für mich passende große Mietwohnung. Ich vermietete zwei Räume und in einem Zimmer wohnte ich. Es war eine Kochnische drinnen mit anschließendem Tisch und Sessel auf dem Gang, der sehr groß war. Ich vermietete das eine Zimmer für einen Monat nur an einen Sommergast, der aus der Slowakei war. Das restliche Jahr vermietete ich an eine Studentin und an einen Privatjungen, der vorher als U-Boot in einem Studentenheim wohnte.
Der junge Mann aus der Slowakei fragte mich, ob ich mit zu ihm wollte. Ich wollte eine Reise tun und fuhr mit ihm. Eine Arbeitskollegin fuhr auch mit. Die Arbeitskollegin, ein Mädchen, das gerade Matura machte, wollte eine Posaune kaufen. Sie wusste, dass in der Slowakei die Musikinstrumente billiger waren und natürlich sonst auch alles. Also machten wir uns auf den Weg in die Slowakei. Wir fuhren mit dem Zug bis Wien und stiegen dann um in einen Regionalzug in seine Heimatstadt. Wir übernachteten bei ihm eine Nacht. Am nächsten Tag gingen wir in ein Musikfachgeschäft und kauften eine Posaune, ich kaufte ein Saxophon.

Es war ein Alt-Saxophon, das bei uns damals 16.000 Schilling kostete. Es war sehr groß und prachtvoll und glänzte viel. Ich hatte keine Ahnung von Musik, geschweige denn von Musikinstrumenten. Ich dachte, ich spiele auf dem Saxophon und verkaufe es dann teuer. Zuhause packte ich das Saxophon aus dem Koffer und wollte spielen. Leider brachte ich keinen Ton heraus. Der Junge, an den ich vermietete, spielte selber Posaune. Er brachte mir bei, mit dem Saxophon zu spielen. Schön langsam verstand ich mich aufs Spielen mit dem Sax. Ich übte jeden Tag und freute mich über meine Fortschritte. So kam ich vom Studieren aufs Musikspielen. ich dachte nicht, dass ich das jemals lernen würde. Aber ich übte fleißig.
Eines Tages war es mir zu viel und ich entschied mich, das Sax zu verkaufen – in Salzburg. Salzburg war meine Heimatstadt, wo ich zur Schule ging und aufwuchs. Die Dame, die mir das Sax abkaufte, erwarb es für ihre Tochter. Sie war mit Preis und Größe einverstanden. Es machte ihr nichts aus, dass das Sax aus der Slowakei war, Hauptsache, es war neu. Ich verdiente an dem Instrument gar nichts. Die Reisekosten dazugerechnet war das Sax zwar billiger als in Österreich, aber es warf keinen Gewinn ab. Ich ärgerte mich schon, aber da kann man nichts machen. Das Mädchen hatte so viel Freude mit dem Sax, dass es mich noch einmal anrief und sich bedankte.

Ich hatte auch Freude mit dem Spielen.