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Mit Apropos wurde ich erwachsen

Vor genau zehn Jahren versuchte ich mich zum ersten Mal als AproposVerkäufer. Mein Leben davor war ein totales Chaos, geprägt von Armut, Einsamkeit, Obdachlosigkeit und langen Haftstrafen. Das Problem dabei ist, dass man sich an dieses Leben gewöhnt, was sich bei mir sowohl in der Ausdrucksweise als auch in der Körpersprache zeigte. In mir drinnen sah es nicht besser aus: Ich war der festen Überzeugung, dass ich zu nichts zu gebrauchen und den Menschen egal sei. Daher war ich in meinen ersten Wochen als Verkäufer sehr unsicher. Damals war mein Standplatz das Platzl in der Linzer Gasse. Hier stand ich, völlig verunsichert,und wusste nicht, wie ich die Leute ansprechen sollte.

Schnell war mir klar, dass ich meinen Kundschaften Respekt entgegenzubringen hatte, so gewöhnte ich mir meinen Straßen- und Gefängnisjargon schnell ab. Außerdem lernte ich in dieser Zeit, mir Menschen zu merken und darauf zu achten, ob ich ihnen an diesem oder einem anderen Tag bereits eine Zeitung verkauft hatte.
Einmal habe ich es sogar fertiggebracht, unserer Zeitungsverkäuferin Luise eine Ausgabe anzupreisen; Luise, das Apropos-Urgestein schlechthin, lächelte und klärte mich auf, dass sie ja selbst Aproposverkäuferin sei.
Nichts für ungut!
Ich verbesserte meine Verkaufsstrategie, studierte mein Umfeld, wurde aufmerksamer für mein Gegenüber und bekam immer häufiger ein Lächeln geschenkt. Wenn ich in der Früh zu meinem Verkaufsplatz kam, winkten mir die Verkäuferinnen aus den Geschäften am Platzl zu. Das war ein Gefühl, das ich damals lange nicht gespürt hatte, wenn ich überhaupt je empfunden hatte, „gern gesehen“ zu sein. Genau diese Gesten waren für mich wichtig: Da war sie, die Chance auf ein anderes und besseres Leben. Es waren kleine und größere Gesten, es waren die Menschen von Apropos und die Passanten, die mich grüßten, die mein Leben total veränderten. Nach und nach übernahm ich neben dem Zeitungsverkauf auch andere Aufgaben für Apropos: Kamen Studenten in die Redaktion, wurde ich immer wieder eingeladen, meine Geschichte zu erzählen.

Na ja, anfangs war es schon eigenartig, von meinem Privatleben zu erzählen. Doch die vielen Fragen der jungen Leute zeigten wir, wie groß das Interesse an Themen wie Haft und Obdachlosigkeit ist. In den letzten sechs Jahren bin ich sehr oft in Schulen und Universitäten eingeladen worden, um über Apropos und mein Leben zu erzählen. Meistens rede ich dabei neunzig Minuten durch und merke nebenbei, dass mir trotzdem die Zeit davonläuft. Nach solchen Begegnungen frage ich mich immer, welche Botschaften ich mit dem Erzählten transportiert habe.
Ich glaube, dass ich damit meinen Beitrag zu einer etwas anderen Allgemeinbildung leiste: Die Zuhörerinnen und Zuhörer wollen und sollen wissen, was Armut in Österreich, konkret in Salzburg, bedeutet und wie schnell im Leben etwas schieflaufen kann. Vor allem aber sollen sie erfahren, dass es auch Möglichkeiten gibt, nach einem Absturz wieder Fuß zu fassen. Wenn ich jetzt auf die zehn Jahre, die ich bei Apropos tätig bin, zurückblicke, sehe ich mich unsicher am Platzl stehen, immer sicherer vor Studentinnen und Studenten sprechen und immer selbstbewusster von meinem Leben erzählen. Das alles hat dazu beigetragen, dass ich – mit und durch Apropos – erwachsen wurde.

von Schreibwerkstattautor Georg Aigner