„Gott soll uns Gesundheit geben“

 

von Ricky Knoll

Seit elf Jahren sind Ion und Florina Lita in Salzburg und leben vom Apropos-Verkauf. Damit schaffen sie es, ihre in Rumänien verbliebenen Kinder und Enkelkinder zu unterstützen. Inzwischen haben sie sogar ein eigenes Häuschen gebaut, mit nur einem Raum – für alle. Die beiden stammen aus dem Dorf Titeşti in Rumänien, nordwestlich der Hauptstadt Bukarest und 1275 Kilometer von Salzburg entfernt. Sie erzählen, dass sie vor ungefähr 20 Jahren geheiratet haben, weil es damals 200 Euro Prämie dafür gab. Das Geld war aber sofort wieder weg, es hatten sich zu viele Strafen angesammelt. Florina hatte immer wieder unerlaubt Holz aus dem Wald zum Heizen geholt. Bis vor wenigen Jahren lebten sie dort im Haus von Ions Vater, in einem Raum mit ihren vier Kindern (eines ist inzwischen gestorben). Diese Bleibe ist jedoch vor einiger Zeit abgebrannt. In der ohnehin sehr ärmlichen Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit zählen sie zu den Ärmsten der Armen. 2012 sind Ion und Florina nach Salzburg gekommen und leben seither hier als Straßenzeitungsverkäufer:innen.

Wie geht es Ihnen, wie ist Ihr Leben in Salzburg?

Ion Lita: Es geht ganz gut hier in Salzburg, aber unsere Situation in Rumänien ist sehr schwierig. Daheim sind die drei Kinder und fünf Enkelkinder. Die Familie wird immer größer und wir haben keinen Platz mehr.

Sie wohnten im Haus des Vaters. Nach dem Brand haben Sie es wieder aufgebaut?

Ja, es wurde repariert. Aber wir haben ein kleines Stück Land gekauft, wo wir uns selbst ein kleines Haus gebaut haben. Es hat aber nur einen Raum, wir müssen dringend ausbauen.

Was hat sich alles verändert, seit Sie nach Salzburg gekommen sind?

Ion Lita: Florina geht es nicht sehr gut, sie hat Diabetes mit sehr hohen Blutzuckerwerten, die ich nicht verstehe. Außerdem ist ihre Mutter gestorben und ich glaube, das macht ihr sehr zu schaffen. Andererseits fühlt sie sich dafür verantwortlich, dass die Enkelkinder groß werden. Denn ohne unsere Unterstützung würden sie verhungern.

Bis hier hat Ion die Fragen allein beantwortet, nun ist Florina dazugekommen. 

Leben alle Ihre Kinder in Titeşti – und wie geht es ihnen?

Ion und Florina Lita: Wir haben einen Sohn mit 24 und zwei Töchter mit 26 und 27. Der Sohn ist jetzt hierher gekommen und möchte auch bei Apropos arbeiten. Aber derzeit ist kein Ausweis frei. Die anderen leben in Rumänien, zwei Enkelkinder sind immer da im Haus. Hauptsache, alle sind gesund. Gott hat unsere Kinder beschützt und Gott soll uns weiter beschützen. Arbeit gibt es keine und eine Person muss ohnehin immer daheimbleiben und sich um die Kinder kümmern. Florina wäre sehr gerne bei den Kindern, aber sie hat nicht mehr die Nerven dafür.

Wie oft fahren Sie denn nach Hause und wie finanzieren Sie die Reisen?

Ion und Florina Lita: Wir fahren alle drei Monate nach Rumänien, das müssen wir, weil wir zwar als EU-Bürger frei reisen können, aber hier keinen festen Wohnsitz haben. Wir können immer wieder mit Freunden mitfahren, die selbst hin- und herreisen. Denen zahlen wir etwas von dem Geld, das wir mit dem Zeitungsverkauf verdienen.

Hat sich Rumänien in den letzten Jahren verändert?

Ion und Florina Lita: Leider ist es noch schlechter geworden. Wir bekommen nur etwa 100 Euro Kindergeld für die zwei kleinen Kinder, aber sonst keine Sozialleistungen. So kann man nicht leben.

Ion, ich kenne Sie vom Standplatz in der Linzer Gasse immer sehr freundlich. Wenn ich keine Zeitung abkaufe, wie geht es Ihnen da?

Ion und Florina Lita: Ich bin für jeden Kunden und jede Kundin dankbar, aber niemand muss eine Zeitung kaufen. Es ist eben so, wenn niemand kauft, dann verdiene ich nichts, aber ich bettle auch nicht. Ich bin trotzdem immer freundlich, immer ruhig und nie aggressiv. Viele Leute kennen mich vom Standplatz. Ich bin Apropos sehr dankbar, und vor allem „Papa Hans“, der sich so gut um uns kümmert.

Florina, wo haben Sie Ihren Standplatz?

Ion und Florina Lita: Schon seit sieben oder acht Jahren habe ich meinen Platz vorm Billa Plus in der Alpenstraße. Dort geht es mir gut und ich hatte noch nie Probleme dort. Viele Leute bringen mir auch etwas zu essen oder trinken vorbei, worüber ich mich immer sehr freue. 

Manchmal treten auch „falsche“ Apropos-Verkäufer:innen – ohne Ausweis – auf, macht Ihnen das Probleme?

Ion und Florina Lita: Das können wir nicht beeinflussen, hatten aber bisher noch keine Probleme. Wir haben ja alle einen fixen Standplatz, einen Ausweis und eine Nummer. Manchmal ist es so, dass Kund:innen bei autorisierten Verkäufer:innen eine Zeitung kaufen und vielleicht wo ablegen oder weitergeben. Das könnten nicht genehmigte Verkäufer ausnutzen und die Zeitung noch einmal verkaufen. Wenn so etwas aufkommt, könnte das schon schwierig für uns werden, weil ja unsere Verkäufernummer auf der Zeitung vermerkt ist – und wir niemandem die Zeitung zum Weiterverkaufen übergeben dürfen.

Jetzt, wo die Nächte wieder sehr kalt sind, wo können Sie schlafen?

Ion und Florina Lita: Wir dürfen als Paar in der Notschlafstelle der Caritas, im Haus Franziskus, übernachten. Jeden Tag von 16.30 bis 8 Uhr früh können wir dort sein. Wir haben dort einen fixen Schlafplatz und bekommen Frühstück und Abendessen. Außerdem können wir uns duschen und die Wäsche waschen. Da haben wir großes Glück.

Wenn Sie krank werden, was machen Sie dann?

Ion und Florina Lita: Am Sonntag ist immer der Virgilbus unterwegs, dort können wir zum Arztbesuch und bekommen auch Medikamente, wenn wir sie brauchen.

Florina hat bei einem Interview vor fünf Jahren Rumänien als das schönste Land der Welt bezeichnet. Möchten Sie eines Tages wieder ganz zurückkehren?

Ion und Florina Lita: Rumänien ist immer noch das schönste Land der Welt, aber so arm. Es ist schwierig dort, der Tageslohn beträgt umgerechnet etwa 23 Euro, da bleibt nichts übrig. Außerdem haben wir keinen Pensionsanspruch.

Am liebsten würden wir gerne hier in Salzburg bleiben, in einer kleinen Mietwohnung, damit unser Sohn hier Arbeit finden kann. Er kann lesen und schreiben und hat einen Führerschein. Aber ohne Wohnsitz hat er keinen Meldezettel, bekommt kein Konto und so auch keine Arbeitsstelle. Es ist ein Teufelskreis, bei dem wir nicht wissen, wie wir ihn durchbrechen können. 

Wie und wo werden Sie Weihnachten verbringen?

Ion und Florina Lita: Da werden wir nach Hause fahren, aber die Adventzeit über bleiben wir hier, damit wir noch Geld verdienen können. Daheim werden wir uns ein Schwein kaufen zum Schlachten und noch viele Vorräte wie Sauerkraut und Kartoffeln anlegen, damit alle durch den Winter kommen. 

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten – was wäre das?

Ion und Florina Lita: Wir möchten unser Haus ausbauen, damit wir mehr Platz haben. Ziegel haben wir schon gekauft, aber es wird noch dauern, bis es fertig ist. Ansonsten wünschen wir uns, Gott soll uns beschützen und uns Gesundheit geben – und allen, die uns helfen. Denn wir sind so dankbar, dass wir mit Apropos unser Brot verdienen können.