Das ist mein Atem

 

Greener Pastures, das gute Leben: Für diesen Traum ist Solomon Ololagbose Tausende Kilometer gereist. Nun träumt er davon, die europäische Politik und ihre Krisen zu studieren, um irgendwann zurückzukehren – als einer, der die Dinge in Nigeria zum Besseren wenden will.

Edith Meinhart trifft Verkäufer Solomon Ololagbose

Zu den unumstößlichen Tatsachen im Leben von Solomon Ololagbose gehört, dass der Donnerstag ein guter Tag ist. Selbst das Wetter kann an dieser Feststellung nicht rütteln. Er mag sich im Freien stundenlang die Finger abfrieren, weil die Sonne erst am Nachmittag hervorkommt: Auf den Donnerstag ist trotzdem immer Verlass.
Das hängt mit dem Mirabell Market zusammen. So nennt Ololagbose die unter Einheimischen als Schranne bekannte traditionelle Zusammenkunft von Bauern und diversen Standlern vor der Salzburger St.-Andrä-Kirche. Woche für Woche werden hier Gemüse und Obst, Pflanzen, Kräuter, Blumen, deftige Backhendln und selbstgemachte Marmelade feilgeboten.
In dem Treiben am Rande des Wochenmarktes taucht irgendwann dann der hochgewachsene Nigerianer auf, mit einem Packen Zeitungen in der Hand. Fallweise verschwindet er zwischendurch kurz, um im Büro Nachschub zu holen. Wie gesagt: Donnerstag ist ein guter Tag. Da können schon drei- oder viermal so viele Ausgaben weggehen wie normalerweise.

Am 16. Oktober 2024 landete Solomon Ololagbose in Wien, am nächsten Tag nahm er den Zug nach Salzburg, wo er seither lebt und arbeitet. Mit einem Stoß ‚Apropos‘ -Ausgaben loszuziehen war so schwierig wie alle Anfänge im Leben, sagt er. Er war fremd, fragte sich, wo die guten Gelegenheiten sind, wie er zu Essen und warmer Kleidung kommt, warum dieser Mozart so beliebt ist und welche Bewandtnis es mit den Schlössern am Marko-Feingold-Steg, früher Makartsteg, hat.

Das Gespräch mit dem 44-Jährigen findet in der „Matchbox“ statt, dem Vereinslokal der Initiative ‚fair MATCHING‘, die Geflüchteten und Migrant:innen bei der Arbeitssuche hilft. Ololagbose nützt die Chance, sich nach den Vorhängeschlössern zu erkundigen. Die Erklärung, dass sich Liebespaare ihrer unverbrüchlichen Treue versichern, indem sie Schlösser am Brückengeländer anbringen und den dazupassenden Schlüssel in die Salzach werfen, lässt er eine Weile sickern. „In Nigeria ist das Okkultismus“, sagt er und bricht in ein herzhaftes Lachen aus.

Mit der Zeit werde alles leichter, befindet er. Übersichtlicher. Verständlicher. Ololagbose spricht Yoruba, eine der Hauptsprachen Nigerias, und Englisch. Die ersten Worte, die er auf Deutsch lernte – „Nein“ und „Hab schon!“, sind ihm in der noch unvertrauten Sprache auch die liebsten. Er hat sie unzählige Male in den unterschiedlichsten Tonalitäten gehört: ungehalten, freundlich, ausbuchstabiert als „N! E! I! N!“, verlegen verhaspelt zu einem „Habschn“. Ololagbose trägt ein Band um den Hals, an dem sein in Plastik eingeschweißter Ausweis hängt. 932 steht in großen Ziffern darauf. „Man muss durchhalten“, sagt er: „Das Leben ist ein Prozess, bei dem am Ende das Gute überwiegt.“ Man könnte es eine Reise nennen.
Seine begann in Nigeria, wo er Anfang der 1980er-Jahre auf die Welt kam. Er wuchs mit vielen Geschwistern auf, sein Vater, ein „Oba“, ein traditioneller Führer, hatte sieben Frauen. Welche Bilder sind ihm von früher geblieben? Ein „furchtbares“, das er „sein Leben lang“ nicht vergessen werde: Es war zu Weihnachten. Er, damals nicht älter als sieben, sei mit seinen Brüdern draußen unterwegs gewesen. Irgendwann habe er sie aus den Augen verloren, sei in eine falsche Straße eingebogen und verloren gegangen. Die Polizei habe ihn gerettet. Eine Woche lang habe er im Wachzimmer auf einer Bank geschlafen, bis seine Mutter ihn abholte.
Das nächste Bild, 2003: Ololagbose schreibt sich an der Universität ein, um Politikwissenschaften zu studieren, und zwei Jahre später, nach seinem Bachelor, tritt er sein „nationales Dienstjahr“ an. Absolventen von Universitäten und Fachhochschulen sind in Nigeria verpflichtet, ein Jahr lang im „National Youth Service Corps“ zu dienen. Er landet als Assistent eines Kommissionsmitglieds in Abakaliki.

Das Leben habe ihn früh politisiert, fährt er fort. Mit zehn Jahren registrierte Ololagbose, wie schwer es seine Mutter, die einer Stadtregierung im Südwesten des Landes angehörte, als Frau hat. Seither lässt ihn die Politik nicht mehr los. In Salzburg hängt der Nigerianer ein Masterstudium an. Er wolle die Europäische Union und ihre Krisen verstehen. Wieder ist der Anfang schwer. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Wird er mit seinem angesammelten Wissen und den Erfahrungen, die er heute macht, eines Tages zurückkehren, um sich jenen Reformkräften anzuschließen, die sein von Korruption und machtgierigen Eliten gelähmtes Land vorwärtsbringen wollen? Bereit dazu wäre er.

Er habe Tausende Kilometer auf der Suche nach ‚greener pastures‘ hinter sich gebracht. Wörtlich sind damit „grünere Weiden“ gemeint, die Verheißung von frischen, üppigen Wiesen, im übertragenen Sinn der „Traum von einem besseren Leben“. In Österreich sei vieles anders. Zum Beispiel die Polizei: In der nigerianischen Hauptstadt sieht man überall Uniformierte mit Kalaschnikows, hier lasse sich die Polizei auf der Straße wenig blicken. Wenn man in Nigeria den Notruf wähle, bekomme man zu hören, dass man nicht zu Hilfe eilen könne, weil im Auto kein Benzin sei.