
Dem Atem Raum geben
Sich auf die Spur der eigenen Stimme zu begeben gleicht einer Reise durch den Körper, unterstützt vom Atem. Dazu gehört, erst ganz bei sich selbst anzukommen.
von Ricky Knoll
Am Anfang steht das Recken und Strecken und vor allem das völlig ungenierte Gähnen. Dann wird der ganze Körper durchgeschüttelt, die Zehen werden eingerollt, die Sprunggelenke gedehnt, bis jeder Einzelne der Sesselrunde ganz auf sich konzentriert ist. „Wir lassen unsere Füße mit ihrem ganzen Gewicht am Boden ankommen, lassen kleine, lösende Bewegungen einfließen und geben den Bauchraum frei, geben dem Unterkiefer Raum und fügen ein kleines Lächeln nach innen an“, weist Georg Klebel die siebenköpfige Gruppe mit ruhiger und sanfter Stimme an.
Der Musik- und Instrumentalpädagoge schickt die Leute auf eine Reise durch ihren Körper. Nichts passiert hektisch oder übertrieben, die Gruppe ist ganz auf sich konzentriert, alle haben die Augen geschlossen. Eine ruhige Stimmung breitet sich aus, vorerst noch garniert mit dem einen oder anderen lautstarken Gähner. Als Nächstes schwingen die Arme um die Mittelachse des Körpers, dabei wird der Atem ganz frei, fließt, geht in den Bauchraum, das Zwerchfell, die Schultern werden losgelassen, bevor die Arme ausschwingen dürfen, zum Innehalten kommen und jede und jeder in sich hinein nachspürt.
Weiter geht die Körperreise damit, den Kopf hängen zu lassen, dessen Gewicht zu spüren, den Körper über die Wirbelsäule langsam nach unten zu senken, aushängen lassen, ganz hinunter und wieder aufrichten, als Letztes den Kopf heben. Sich selbst eine Nackenmassage geben, die Arme, die Brust, den Rücken berühren, das Sitzen bewusst wahrnehmen. Weitere winzige, von außen kaum wahrnehmbare Bewegungen führen die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer immer weiter in sich selbst hinein, entspannen und bringen sie zu ihrem Atem, der ebenso in kleinen Körperbewegungen mündet, etwa das Heben der Schultern beim Einatmen und das Absinken beim Ausatmen. „Der Atem ist der Dirigent der Bewegung“, leitet Georg Klebel an, „er lässt die Schultern hochziehen, die Muskulatur bewegen, er geht zum Hals hin, geht um die Schultern nach vorn und wieder hinten herum, wie in einem Kreis. Der Atem geht ganz leicht, ohne Anstrengung, er führt die Bewegung, sodass der Raum in Schultern und Achselhöhlen immer weiter wird.“ Das setzt sich fort, bis jeder mit dem Ausatmen die Stimme dazukommen lässt. Zuerst ist es ein eher einzelnes Summen, einmal kommt es von einer Seite des Sesselkreises, einmal von der anderen.
Dann passiert Berührend-Erstaunliches, etwas, das sich mit Worten schwer beschreiben lässt. Die Stimmen finden immer mehr zusammen. Sie tragen einander empor, werden zum Choral, zu einem gemeinsamen Klang, archaisch, melodisch, sakral, beschwörend, meditativ, manche Körper bewegen sich sanft zum Rhythmus. Die Töne gehen ineinander, werden anschwellend, die Tonhöhe verändert sich, Vokale fließen ein, die Stimmen kommunizieren und ebben schließlich ab, bis die Klänge wie von selbst enden. Die anschließende Stille ist laut, der ganze Raum komplett erfüllt mit den Schwingungen und der Energie, die soeben entstanden ist, dem Zusammenfinden und der Kommunikation. Deutlich spürbar für die Beobachterin von außen.
Der gelernte Hornist und Musikpädagoge Georg Klebel ist nämlich auch diplomierter Atemtherapeut und Atempädagoge. Immer wieder führt er die Leute im Kurs zum Atem hin, fordert auf, nachzuspüren und zu lauschen. „Das Lauschen tut vor allem dem Atem gut, da muss man nichts dazutun“, weiß der Experte. Er führt die Gruppe weiter in der Entspannung, weist ihnen den Weg in den unteren Rücken und lässt erneut die Stimmen zum Atem dazukommen. Diesmal ist die Tonlage deutlich tiefer, wird aber ebenso kommunikativ, beschwörend und meditativ, wie ein Choral in einem Kirchenraum, bis er wieder verebbt und Ruhe einkehrt. Ein ausgiebiges Dehnen, Gähnen und Strecken lässt die Leute wieder im Hier und Jetzt, im Raum ankommen.
Sein Zugang zu dieser Art von „Gesang“ erfolgt über die Atemarbeit und Körperlösungsübungen. „Verspannungen sind ja meist ein Panzer zu sich selbst. Mit den Übungen zum Atem findet jeder Zugang zur Seele, zu seinem Wesen, zu sich“, erklärt er. Durch das Einfließen der Stimme erlebt sich jeder selbst, die Vibrationen wirken wie eine Massage von innen und wenn man seinen Körper selbst mit seinen Händen berührt, sind diese Vibrationen noch einmal auf andere Art deutlich spürbar. Man entdeckt verschiedene Tonhöhen in ihren Wirkungen, Vokale haben Resonanzräume, klingen überall im Körper anders. „Das Geschehen im Kurs entwickelt sich jedes Mal anders, denn jeder Mensch bringt immer auch seine aktuellen Befindlichkeiten mit und was ihn alles beschäftigt“, weiß Klebel.
Das Thema Stimme begleitet den Salzburger bereits seit seiner Volksschulzeit. „Wir hatten einen in der Klasse, der beim Singen immer mitgebrummt hat. Schließlich durfte er gar nicht mehr mitsingen, er saß nur mehr da und hat geweint“, erinnert er sich. Diese und andere Erfahrungen im Erwachsenenleben haben dazu beigetragen, den Kurs „Atem und Stimme“ zu gründen. Er war als Hornist, u. a. bei der Camerata Academica, international auf Konzerten unterwegs, allerdings gelangte er nach einer verunglückten Zahnbehandlung an einen Punkt, wo er nicht mehr spielen konnte, weil Nerven geschädigt waren. „Ich konnte die Mundbewegungen nicht mehr richtig ausführen, die Muskeln verkrampften sich.“
Auch mit viel Training gelang es nicht, über ein bestimmtes Niveau hinauszukommen, er musste das Hornspielen aufgeben. Deshalb hat er sich nach den vielen Fragen nach dem ‚Warum?‘ entschlossen, etwas Neues zu suchen, und in München eine vierjährige Ausbildung als Atemtherapeut absolviert. Jahrelang war er überdies Musikpädagoge im Musikum Salzburg, wo er vor ein paar Jahren in Pension ging. 1994 hat er seinen ersten Chor gegründet – den Gospelchor Musica Anima Mea –, den es jetzt wieder gibt und der sich auf spirituelle Stücke spezialisiert hat. Lange Zeit war Klebel Kirchenchorleiter in Anif und hat etliche weitere Kirchenchöre geführt.
Zum Kurs „Atem und Stimme“ kann jede und jeder kommen, egal ob bereits geübt im Singen oder als Laie. „Er war ursprünglich gedacht für Leute, die behaupten, nicht singen zu können. Aber hier können sie sich wieder mit ihrer Stimme versöhnen.“ Ein Kinderkurs ist gerade im Entstehen. Dazu bietet er Tages-, Wochenend- und Abendkurse an. Aktuell sind die Kurse im Ottiliensaal der Pfarrkirche St. Erhard in Nonntal untergebracht. Allerdings ist Klebel auf „Herbergsuche“, weil der Saal ab Sommer nicht mehr zur Verfügung steht.